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Jüdische Rückkehr zu den Wurzeln

Nach dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober entdecken liberale Juden ihre Religion neu. Gleichzeitig machen Gerüchte von "Opferrindern" die Runde.
Orthodoxer Jude an der Klagemauer
Foto: IMAGO/ (www.imago-images.de) | Den zweiten Tempel gibt es ja auch noch - zumindest seine Überreste. Hier betet ein orthodoxer Jude an der Klagemauer in Jerusalem.

Immer wenn Juden verfolgt wurden, angefangen von den Zeiten der Kreuzzüge bis hin zu den Pogromen im Zarenreich, hat die jüdische Gemeinschaft sich auf ihre religiösen Wurzeln besonnen und auf die Verfolgungen auch eine religiöse Antwort gefunden. Der Chassidismus etwa war eine solche Reaktion auf die Verfolgungen im zaristischen Russland, und zugleich eine Emanzipationsbewegung. Auch Martin Buber, Vaterfigur der deutschsprachigen Juden, hatte angesichts der Machtübernahme Hitlers im Januar bereits im April 1933 seinen Glaubensgeschwistern empfohlen, sich auf die Werte des Judentums zu besinnen: „Das erste, dessen der deutsche Jude in dieser Probe bedarf, ist eine neue Rangordnung der persönlich-existenziellen Werte, die ihn befähigt, der Situation und ihren Wechselfällen standzuhalten“. Bei vielen Juden haben auch die Angriffe der Hamas vom 7. Oktober und die darauf folgende weltweite Zunahme antisemitischer Angriffe eine verschüttete oder verkannte religiöse Identität wieder erweckt. Die „Rückkehr“ zur jüdischen Religion nimmt freilich durchaus sehr unterschiedliche Formen an.

Besonders intensiv ist der Prozess der Rückbesinnung bei Juden in Frankreich, die schon vor dem 7. Oktober 2023 mit antijüdischem Terror konfrontiert waren. Die Auswanderungsrate nach Israel ist hier daher seit Jahren besonders hoch. Der Angriff der Hamas hat vor allem bei säkularen französischen Juden eine sehr reale Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln ausgelöst. Dieses Phänomen lässt sich nur schwer quantifizieren, wird aber von Rabbinern und Leitern jüdischer Gemeinden beobachtet. Die Synagogengottesdienste werden wieder mehr besucht, auch Rabbiner werden wieder häufiger konsultiert.

Antisemitischer Antikolonialismus

Die französischen Juden sind heute etwa zur Hälfte Aschkenasim und zur anderen Hälfte Sephardim, was sich auch in unterschiedlichen politischen Präferenzen niederschlägt. Der große Teil der aschkenasischen Juden kam wegen der Verfolgung in Osteuropa im 19. Jahrhundert nach Frankreich, der allergrößte Teil der sephardischen Juden kam aus Nordafrika nach der Gründung des Staates Israel 1948 aus Tunesien nach Frankreich oder 1962 nach der Unabhängigkeit Algeriens. Die sephardischen Juden neigen angesichts ihrer Erfahrungen in einer islamischen Umgebung in Nordafrika heute in Frankreich eher dem rechten politischen Spektrum zu. Ein gutes Beispiel dafür ist Eric Zemmour, der Gründer der Partei Reconquête (Rückeroberung), dessen sephardische Wurzeln in Nordafrika liegen, er gehört zum rechtsextremen Lager der französischen Parteienlandschaft. Anders dagegen der derzeitige Listen-Führer der Sozialisten bei den Europawahlen, Raphaël Glucksmann, dessen Vater der berühmte Philosoph André Glucksmann ist. Die aschkenasische Familie kommt ursprünglich aus Osteuropa.

Während die politische Spaltung der französischen Juden dazu führt, dass eine gemeinsame Organisation etwa bei Demonstrationen gegen Antisemitismus schwer fällt, betrifft der Antisemitismus, der in Frankreich spätestens seit dem 7. Oktober vorwiegend aus einem islamistisch geprägten Lager kommt, beide Gruppen gleichermaßen Quelle des aktuellen Antisemitismus ist aber auch ein immer stärker werdender antikolonialistischer Diskurs, der aus Israel eine Kolonialmacht macht und die Palästinenser pauschal zu Opfern des israelischen Kolonialismus inszeniert. Dies gibt den einst auch im linksliberalen antikolonialistischen Lager verwurzelten jüdischen Intellektuellen in Frankreich zu denken. Viele dieser Linksintellektuellen beschäftigen sich jetzt zum Beispiel damit, was unter dem Begriff „auserwähltes Volk“ zu verstehen ist, oder welche Rolle der Universalismus in der jüdischen Identität spielt, um den Antisemitismus aus dem antikolonialistischen Lager zumindest intellektuell zu dekonstruieren.

Die Rückkehr zum Judentum ist für viele mit dem Wunsch verbunden, mehr über die eigene Familiengeschichte zu erfahren. Dies hat vor allem bei aschkenasischen Juden auch wieder zu einer neuen Beschäftigung mit dem Holocaust und der Shoah geführt, denn gerade viele französische Juden mit Vorfahren in Osteuropa hatten Opfer in der Shoah zu beklagen, von der die Sephardim weniger betroffen waren. Viele dieser jetzt suchenden zumeist akademisch gebildeten Juden finden in den liberalen Synagogen, denen sie angehören, keine befriedigenden Antworten auf den 7. Oktober. Deshalb hat sich auch in Paris, wie bereits in Deutschland in Dresden mit dem Rabbiner Akiva Weingarten, eine liberal-orthodoxe jüdische Gemeinde „Ayéka“ gebildet. Unter der Leitung von Rabbiner Emile Ackermann wird hier auch für liberale Juden und für Aussteiger aus der Ultraorthodoxen Szene eine neue Sicht auf die Geschichte, Kultur, Texte und Mizwot, die Grundsätze des jüdischen Lebens, vermittelt.

Angus Rinder aus Shiloh für den Tempelkult

Der Begriff Holocaust heißt ja eigentlich „vollständig verbrannt“. Vielleicht ist es kein Zufall, dass im Zusammenhang mit dem 7. Oktober auch einige Juden sich wieder an den jüdischen Brand-Opferkult im Tempel erinnert fühlten. Schon seit dem Jahr 2022 werden in der streng orthodoxen jüdischen Siedlung Shiloh im Westjordanland fünf rothaarige Angus Rinder gezüchtet, die, vermittelt von Evangelikalen, aus Texas eingeführt wurden. Nach Kapitel 19 des Buches Numeri muss ein Opferrind im Tempel weiblich, vollständig rotbraun und mindestens 2 Jahre und 1 Monat alt sein und darf weder gearbeitet haben noch verletzt worden sein. Als die Existenz der Rinder in Shiloh bekannt wurde, kam es im Internet zu panikartigen Gerüchten über den Bau eines dritten jüdischen Tempels in Jerusalem. Die roten Rinder werden in der jüdischen Siedlung Shiloh hinter stabilen Zäunen sorgsam vor der Öffentlichkeit ferngehalten. Für einige ultraorthodoxe Juden ist die Asche dieses Tieres, vermischt mit „lebendigem Wasser“ (Quellwasser), unerlässlich für die Reinigung des Ortes, an dem der dritte jüdische Tempel errichtet werden soll: Auf dem Tempelberg in Jerusalem, dort wo jetzt der Felsendom und die Al-Aqsa Moschee stehen, die drittheiligste Stätte des Islams, auch wenn Mohammed sie physisch nie besucht hat.

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Die Massaker vom 7. Oktober, die von der Hamas mit dem Codenamen „Al-Aqsa-Flut“ bezeichnet wurden, haben die roten Kühe auf unerwartete Weise in den Vordergrund gerückt. Der Hamas-Sprecher Abu Obeida erwähnte sie in einer Erklärung zur Rechtfertigung der Angriffe am 100. Tag des Krieges in Gaza im Januar und erinnerte daran, dass eine „Aggression gegen Al-Aqsa ihren Höhepunkt erreicht hat“, bei der „die roten Kühe als Umsetzung eines verabscheuungswürdigen religiösen Mythos auftauchen, der die Gefühle einer ganzen Nation angreifen soll“.

Zeit für einen dritten Tempel?

Schon seit vierzig Jahren bereitet das Tempelinstitut in Israel, das die Befürworter des Dritten Tempels vereint, die vielen Details vor, die für den Bau eines neuen jüdischen Tempels in Jerusalem sowie für die Wiederaufnahme des Gottesdienstes und der Opferungen erforderlich sind. Dazu gehört auch die Suche nach dem perfekten Rind. Die Züchter griffen sogar auf genetische Untersuchungen zurück, um sicherzustellen, dass sich die Farbe des Felles und der Haare der Rinder nicht ändert. Am 27. März fand in Shiloh eine Pressekonferenz über die rothaarigen Rinder statt mit einer Präsentation, die zeigte, wie der Altar für die Zeremonie aussehen könnte. Seitdem sind die christlichen Religionsführer in Alarmbereitschaft. In einer am 8. April von 36 religiösen Persönlichkeiten aus Jerusalem und der ganzen Welt unterzeichneten Erklärung wird das Opfer als „Wahnsinn“ bezeichnet und als „Einladung zu einem regionalen oder sogar globalen Krieg“ angeprangert, der „die israelisch-palästinensische Situation von einem politischen Konflikt in einen religiösen Konflikt ohne irdische Lösung verwandeln“ werde.

Das Tempelinstitut bestreitet jedoch, dass die Zeremonie unmittelbar bevorsteht. „Wir brauchen noch Vorbereitungen und rabbinische Unterstützung“, erklärte Yitzhak Reuven, der Leiter der internationalen Abteilung. Die Befürworter des Wiederaufbaus eines Dritten Tempels sind auch in der orthodoxen Gemeinschaft eine Minderheit: Viele orthodoxe Gelehrte lehnen jeden Versuch ab, den Tempel vor der Ankunft des Messias zu errichten. Das Tempelinstitut ist zwar auf den kultischen Aspekt vorbereitet, wird aber bei Fragen um geopolitische Konsequenzen kleinlaut. „Der Tempel ist ein Ort des Friedens. Wir glauben, dass er ohne Blutvergießen gebaut werden kann“, sagt Yitzhak Reuven. „Wir werden eine friedliche Lösung finden.“ Die rothaarigen Rinder haben also noch Zeit zu wachsen. Sollten sie allerdings tatsächlich geopfert werden, dann vielleicht nicht mehr allzu lange: „Idealerweise“, so das Tempelinstitut, sollte das Tier nicht älter als vier Jahre sein.

 

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