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Jovialer Glaubenszeuge

Jürgen Sevenich gibt nach 20 Jahren die Leitung des Ehrendienstes am Aachener Dom ab.
Jürgen Sevenich
Foto: Gerd Felder | Es war ihm eine Ehre: Jürgen Sevenich.

Er ist eine imposante Erscheinung, ein wahrhaft gestandenes Mannsbild: Jürgen Sevenich. Rund um den Aachener Dom herum kennt ihn beinahe jeder. Ständig wird gegrüßt, wenn er über die Straße geht. „Wir sind hier wie eine Familie“, freut sich der 72-jährige Rheinländer, der seit 30 Jahren dem Ehrendienst der geschichtsträchtigen Marienkirche Karls des Großen angehört und ihn davon 20 Jahre lang geleitet hat. Zugleich macht er kein Hehl daraus, dass seine besondere Tätigkeit für ihn eine Form des Zeugnisses für den Glauben ist. „Man muss niemanden missionieren, aber den Mut haben, Flagge zu zeigen und nie zu verschweigen, wofür man steht“, unterstreicht er mit unverkennbar rheinischem Tonfall. „Außerdem ist es für mich und uns alle eine große Ehre, in dem Bauwerk Deutschlands, das als erstes in die Weltkulturerbe-Liste aufgenommen wurde, diesen Dienst leisten zu dürfen.“ Im November ist der verdiente Katholik mit einer Messe und einem Essen als Koordinator der Ehrenamtlichen verabschiedet worden.

Sevenich wurde 1951 in Herzogenrath bei Aachen geboren und wuchs in seiner Heimatstadt auf. „Damals waren in Herzogenrath gefühlt alle katholisch“, berichtet Sevenich schmunzelnd. Der kleine Jürgen war kein Messdiener, aber mit 14 Jahren schloss er sich der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) an. Nach Schulabschluss und Lehre stieg der Maschinenbau- und Verfahrenstechniker bei einer Aachener Maschinenfabrik ein, wo er schließlich Assistent des Geschäftsführers wurde. Durch ein Gespräch mit einem anderen Mitarbeiter der Firma kam er auf die Idee, seine beiden Söhne auf die Domsingschule zu schicken. „Das war meine allererste Verbindung mit dem Dom“, erinnert sich Sevenich. Die weitere Entwicklung verlief geradezu automatisch: Die beiden Söhne sangen als Mitglieder des Domchors sonntags die Messe in der Kathedrale, und Sevenich und seine Frau Marlies besuchten dort regelmäßig den Gottesdienst. So kam es fast zwangsläufig, dass er irgendwann von den Herren des Ehrendienstes auf eine mögliche Mitarbeit angesprochen wurde. Am 1. Oktober 1993 tat Sevenich zum ersten Mal seinen Dienst während einer Messe im Dom. Und sein erster Großeinsatz sollte wenige Wochen später folgen: Das Requiem für den legendären, charismatischen Bischof Klaus Hemmerle, bei dem der Dom bis zum Bersten voll war –  seine „Feuertaufe“.

Was macht ein Ehrendienstler? 

Wie Sevenich gleich grundsätzlich verdeutlicht, ist der Ehrendienst kein liturgischer Dienst und darf auch nicht mit den Kirchenschweizern verwechselt werden, die beim Dom angestellt sind. Seit über 100 Jahren tragen die Mitglieder des besonderen Teams sonntags schwarzen Anzug, weißes Hemd und schwarze Schuhe als „Dienstkleidung“, in „normalen“ Messen Alltagskleidung mit Anzug, Hemd und Krawatte. Die exklusive „Mannschaft“ zählt 40 Aktive, die einen Querschnitt durch die Gesellschaft bilden; spiritueller Vorgesetzter ist der Dompropst. Zu den Aufgaben gehören das Kollektieren, das Anweisen der Plätze bei Festgottesdiensten und die Sicherstellung des ordnungsgemäßen Ablaufes der Kommunion.

Bei besonders festlichen Gottesdiensten wie etwa dem zur Verleihung des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen aber kommt es oft vor, dass die Besetzung der ersten beiden Reihen sich ändert. „Wenn einer mehr kommt, und du erfährst das zehn Minuten vor Beginn der Messe, ist das kritisch“, merkt Sevenich an. „Dann muss noch irgendwo ein Stuhl her. Niemand soll sagen können, dass ein Schatten auf die Veranstaltung fällt.“

Richtiges Verhalten in der Kirche ist nicht mehr selbstverständlich

Die wichtigste Voraussetzung für die Arbeit beim Ehrendienst ist nach Ansicht Sevenichs, gut mit Menschen umgehen zu können. „In kritischen Situationen Ruhe zu bewahren, aber zugleich Durchsetzungsvermögen zu haben – darauf kommt es an“, hebt der langjährige Ehrendienst-Koordinator hervor. „Leider nimmt der Respekt der Dom-Besucher uns und der Kirche gegenüber ab, und ein Nein wird seltener akzeptiert als früher.“ Das richtige Verhalten in einem Gotteshaus sei nicht mehr so selbstverständlich vorauszusetzen, wie es einmal war; das zeige sich etwa daran, dass viele Männer beim Betreten des Doms nicht mehr automatisch ihre Kopfbedeckung abnähmen.

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Das bewegendste Fest, bei dem Sevenich für den Ehrendienst verantwortlich zeichnete, war für ihn die Seligsprechung der Aachener Ordensgründerin Clara Fey im Mai 2018. „So etwas erlebt man nur einmal, und es war für uns eine ehrenvolle Aufgabe, den Sarkophag mit den sterblichen Überresten der Seligen vom Dom in die Gruft des Klosters zu überführen“, erinnert er sich. Ein anrührender Einsatz war auch die Trauerfeier für Werner Fuchs, den damals ganz plötzlich verstorbenen Trainer des örtlichen Fußballvereins Alemannia Aachen, am 18. Mai 1999. „Das im Dom zu erlauben, ist dem damaligen Dompropst Hans Müllejans nicht leichtgefallen, aber wenn man die aus allen Schichten zusammengesetzte Trauergemeinde gesehen hat, muss man sagen: Es war die richtige Entscheidung“, sagt Sevenich. „Dadurch wurden zahlreiche Menschen in den Dom geholt, die seit vielen Jahren nicht mehr in einer Kirche gewesen waren.“ Der Ehrendienst leistete seinen Beitrag zu diesem ungewöhnlichen Trauergottesdienst, indem er am Sarg des toten Trainers die Ehrenwache hielt.

Während Corona blieb der Dom weitgehend geöffnet

Wenn bei den alljährlichen Karlspreisverleihungen europäische Spitzenpolitiker und andere Prominente zum Festgottesdienst im Dom empfangen werden, kommt dem Ehrendienst die Aufgabe zu, die hohen Gäste entsprechend dem Protokoll zu ihren Plätzen zu geleiten. Am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben ist Sevenich die Begegnung mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier konnte er 2021 sogar dreimal in einem Jahr begrüßen.

Besonders stolz ist Sevenich darauf, dass es gelungen ist, den Dom während der Corona-Pandemie weitestgehend offen zu halten. „Wir haben die Leute auf die Regeln hingewiesen und kein einziges Mal Schwierigkeiten bekommen“, bilanziert er. „Die meisten waren sehr verständnisvoll. Schön, dass wir das in Zusammenarbeit mit den Domschweizern geschafft haben.“

Seinen Abschied von der Leitung hatte Sevenich bereits vor drei Jahren geplant, ihn aber dann verschoben, um die Heiligtumsfahrt des Jahres 2023 noch im Amt miterleben zu können. „Ich bin der Meinung, dass ich alles erlebt habe, was man im Dom erleben kann, und jetzt Zeit für einen Neuaufbruch, frische Ideen und Gedanken ist“, sagt der charmante Vorzeige-Rheinländer freimütig. Deshalb hat er die Koordination des Ehrendienstes an den 49-jährigen Dirk Gahn übergeben. Als ganz normales Mitglied allerdings wird Sevenich dem Ehrendienst erhalten bleiben. „Wie habe ich immer gesagt? Den Ehrendienst verlässt man erst mit dem Tod.“

 

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