Sittenpolizei

Iran: Warum Frauen gegen den Kopftuchzwang rebellieren

Proteste im Iran: Warum die Frauen gegen den Kopftuchzwang rebellieren.
Demonstration gegen Irans Regierung - Frankfurt
Foto: Foto: | Demonstrantin während einer Kundgebung gegen das politische Regime im Iran. dpa

Alles begann mit dem brutalen Tod der 22-jährigen Kurdin Mahsa Amini in Teheran – im Gewahrsam der Sittenpolizei, der ominösen Gasht-e Ershad, die sie drei Tage zuvor verhaftet hatte. Der Grund ihrer Verhaftung war ein Kopftuch, das in einer Weise getragen wurde, die als unpassend empfunden wurde. Dabei gibt es im Koran weder eine Kopftuchvorschrift und erst recht nicht Vorschriften, wie dieses zu tragen sei. Da keine Autopsie durchgeführt werden durfte, die die Wahrheit über die Todesumstände hätte ans Licht bringen können, glaubte niemand mehr den Unschulds-Beteuerungen der Behörden. Hundertausende Iraner gingen schleierlos auf die Straßen. Dabei kamen Hunderte weitere Menschen ums Leben. Besonders stark sind die Proteste im kurdischen Teil des Iran, aus dem Mahsa Amini stammte.

Videos zeigten, wie Frauen bei Kundgebungen mit entblößtem Kopf ihre Haare mit wütenden Scherenschnitten abschnitten, während andere unter Beifall ihre Schleier ins Feuer warfen. Diese Proteste werden auch von Iranerinnen im Ausland massiv unterstützt. Es beteiligen sich alle Altersgruppen, sozialen Schichten und ethnischen Gruppen im Iran. Ein Flair von 1978/79 liegt in der Luft, als das einst so mächtige Regime des Schahs innerhalb weniger Wochen zusammenbrach, weil die Proteste nicht mehr nachließen und sich immer mehr Gruppen, zuletzt auch die einst dem Schah so treu ergebenen Soldaten und Sicherheitskräfte, den Protesten anschlossen.

Die Mullahs fürchten um ihre Autorität

Die iranische Gesellschaft hat unter den Mullahs große Veränderungen durchlaufen: Die Alphabetisierungsrate auch unter Frauen ist enorm gestiegen, die Verstädterung ist massiv vorangeschritten, die wirtschaftliche Entwicklung hat die traditionellen Familienstrukturen aufgelöst, die Geburtenraten gleichen sich denen im Westen an. Diese Entwicklung konnten die Mullahs nicht aufhalten, deshalb fürchten sie, dass der Islam in Gefahr sei. Sie verschärften die Vorschriften, die sich hauptsächlich gegen Frauen als schwächste Gruppe der Gesellschaft richten. Aber immer mehr Menschen im Iran zweifeln an den Vorschriften ihrer Religion, auch weil diese sich zum Machtinstrument einer korrupten Kleriker-Kaste machen lässt, das zeigen gerade wieder die Proteste. Die Säkularisierung wirkt auch im Iran, ebenso oder sogar stärker als in westlichen Ländern, wo Religion Privatsache geworden ist. Nun ist der Iran das einzige Land der Erde mit einem gesetzlich vorgeschriebenen Kopftuchzwang auch für nichtmuslimische und ausländische Frauen, an den sich sogar ausländische Staatschefinnen halten müssen.

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Makabre Dimensionen

Selbst in Saudi-Arabien, das sonst jederzeit mit dem Iran in Fragen religiös begründeter Frauendiskriminierung mithalten kann, gilt ein Kopftuchzwang nur für Muslimas. Alle Frauen und Mädchen müssen seit der Islamischen Revolution 1979 im Iran ab einem Alter von neun Jahren in der Öffentlichkeit ein Kopftuch sowie einen langen, weiten Mantel tragen, um Haare und Körperkonturen zu verbergen. Der Kopftuchzwang kann manchmal sogar makabre Dimensionen annehmen, wenn etwa bei Erdbeben im Iran, die relativ häufig vorkommen, weibliche Opfer aus Trümmern gerettet werden und sie – bevor ihnen Infusionen angelegt werden – zuerst noch ein Kopftuch verpasst bekommen.

Dass die Frauen in islamischen Ländern oft tapferer sind als die Männer, hatten sie bereits im vergangenen Jahr in Afghanistan, einem Nachbarland des Iran, bewiesen, als die Männer vor den Taliban wegliefen und die Frauen allein gegen diese auf die Straße gingen. Auch die Kurden im Irak und Syrien, ebenfalls Nachbarländer des Iran, haben den „Islamischen Staat“ wegen ihren tapferen Fraueneinheiten besiegt, welche die Gotteskrieger das Fürchten lehrten. Diesmal ist offenbar der Gottesstaat Iran an der Reihe. Doch wieder einmal antwortet das Mullah-Regime auf die einzige Art und Weise, die es zu kennen scheint: mit Gewalt.

Mehr Kompetenzen für die Sittenpolizei

Der ultrakonservative Präsident Ebrahim Raissi, der in seiner Amtszeit als Oberrichter tausende Menschen hinrichten ließ und 2021 faktisch ohne wirklichen Gegenkandidaten gewählt wurde, hatte im Juli „präventive Maßnahmen“ verkündet, um zu verhindern, dass „die Feinde des Iran und des Islams“ den „religiösen Werten und Grundlagen der Gesellschaft“ schaden könnten. Er verschärfte den Kopftuchzwang und die Kompetenzen der Sittenpolizei. Er machte das Kopftuch zum zentralen Gegenstand der religiösen Werte und Sitten des Islam. Jetzt müssen sich die Mullahs nicht wundern, wenn mit dem Kopftuch auch der Islam immer mehr abgelehnt wird: Einer Telefonumfrage des der Universität Utrecht angegliederten Meinungsforschungsinstituts „Group for Analyzing and Measuring Attitudes in Iran“ (GAMAAN) zufolge bekannten sich im Jahre 2020 nur noch 40 Prozent der Iraner zum Islam.

Rund 72 Prozent lehnten die Hijab-Pflicht ab, während 15 Prozent auf der gesetzlichen Verpflichtung zum Tragen des Hijab in der Öffentlichkeit bestanden. Fast 60 Prozent kannten die religiöse Legitimierung des Schleierzwangs überhaupt nicht. Aber Frauen leiden nicht nur unter dem Kopftuchzwang. Nach dem offiziellen Islam, der im Gottesstaat Iran herrscht, haben Frauen vor Gericht und in der Gesellschaft in etwa die Stellung von Kindern, die einen männlichen Vormund und eine männliche Sittenpolizei zur Aufsicht brauchen. Auch sind die Frauen im Erb- und Scheidungsrecht benachteiligt. Im schiitischen Islam, der sich unter den Mullahs im Iran so streng gibt, gibt es sogar, wiederum nur für Männer, die Institution der Stundenehe, eine religiös verbrämte Zulassung der Prostitution. Frauen können im Iran, wie die Religion, nur noch durch Zwang und extreme Gewalt, kontrolliert werden. Deshalb brannten bei den Demonstrationen auch Moscheen und Bilder von religiösen und militärischen Führern. Die religiösen und politischen Machthaber unterdrücken die Proteste mit brutaler Gewalt und erklärten gleichzeitig die Proteste zum Werk des nichtislamischen Westens. So kann man weiter den Islam als Opfer hochstilisieren. Dabei ist der Staatsislam im Iran längst zum Täter geworden. Dies erkennen auch immer mehr Muslime. Aufrufe zur Reform des Islam, die im Iran sogar aus dem Kreis der Ayatollahs kommen, werden ebenso unterdrückt.

Dient das Kopftuch der Verhöhnung der Männer?

Immer wieder hatte es im Iran Protestwellen gegen den Kopftuchzwang gegeben. Meist blieben diese auf die sozialen Netzwerke beschränkt. Manchmal hatten sie sogar humorvolle Aufmacher wie vor einigen Jahren der von der iranischen Journalistin Masih Alinejad organisierte Hashtag #MenInHijab (etwa: „Männer in Kopftüchern“). Damals hatten sich Männer ein Kopftuch angezogen und sich neben ihren kopftuchfreien Frauen fotografieren lassen, um zu zeigen, dass der Kopftuchzwang nach muslimischem Verständnis keine Referenz gegenüber Gott ist, wie die jüdische Kippa etwa, sondern einfach ein Zugeständnis an die angebliche Schwachheit der Männer, die ihre Männlichkeit beim Anblick unbedeckter Frauen angeblich nicht im Zaun halten können. Indirekt ist so der Kopftuchzwang ja auch eine Verhöhnung der Männer.

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