Feuilleton

Holyween statt Halloween

Halloween ist die Zeit der Grusel-Masken. Doch für Christen gibt es eine schöne Alternative. Von Jacinta Fink
Die heilige Indianerin Kateri Tekakwitha kann Kindern Vorbild sein
Foto: Bild: Familie Stumpf | Heiligenverehrung statt Monsterspuk: Die hl. Indianerin Kateri Tekakwitha kann Kindern Vorbild sein, Halloween einmal anders zu feiern.

„Hier heute Holyween“ steht auf einem Schild vor der Tür der Familie Stumpf aus Oberbayern. Die Kinder öffnen sie, denn es hat geklingelt und das bereits zum sechsten Mal an diesem Abend. „Jedes Jahr werden es mehr Kinder, die um Süßes oder Saures betteln“, sagt Simone Stumpf. Sie ist gelernte Erzieherin und Sozialwirtin. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie fünf Kinder im Alter von zwei, vier, fünf, sieben und acht Jahren. Die Familie lebt auf dem Land im Bezirk Oberschwaben. Was für manchen Jugendlichen wie ein Rechtschreibfehler wirkt, ist in Wirklichkeit eine brillante Idee. Zuvor wurden Engelsplätzchen gebacken. Die Kinder durften sie mit Zuckerguss verzieren und nun auch selbst verschenken.

Jedes Jahr um Halloween befinden sich viele besorgte Eltern in einem Spagat. Die Tochter oder der Sohn wurde zu einer Grusel-Party eingeladen. Die Freunde und Mitschüler nehmen natürlich alle daran teil und es wird wild gewetteifert, welche Horror-Idole dieses Jahr durch die Nacht spuken. Statt sich der „es ist ja nur Verkleidung und es steckt keine Überzeugung dahinter“-Meinung hinzugeben, hat sich Simone Stumpf mit ihren Kindern für eine schöne Alternative entschieden. Es ist schließlich der Abend vor dem Hochfest Allerheiligen. Die jüngste Tochter ist beschäftigt. Sie malt fröhlich Bilder an und singt dazu. In solch einem Moment bietet sich für Frau Stumpf die Möglichkeit zu einem kurzen Gespräch am Telefon. „Anfangs hatten wir versucht, Halloween und die gruseligen Gestalten zu ignorieren“, sagt Frau Stumpf. „Wir wollten unsere Kinder mit dem Thema Halloween so wenig wie möglich in Berührung kommen lassen.“ Dass dies bei der alltäglichen Präsenz von Halloween sowohl in den Supermärkten als auch in den Medien allerdings kaum möglich ist, haben Frau und Herr Stumpf bald erkannt. „Wir wollen kein Fest der Hässlichkeit feiern, wir wollen schöne Dinge feiern.“ Familie Stumpf ist dabei nicht allein. Immer mehr Familien entdecken diesen offensiven Umgang mit Halloween für sich.

Im Internet sucht sie nach Ideen und findet bald Anregungen. Auf einer italienischen Internetseite zu diesem Thema springen einem Ausrufe wie „Engel, keine Geister“, „Freude, keine Sorge“ ins Gesicht. Durch amerikanische Beiträge lässt sie sich inspirieren, das Leben der Heiligen über Kostüme und Attribute Kindern näherzubringen. Dies umzusetzen verlangt viel Ideenreichtum und Vorbereitung, sollen die Kinder Holyween ja nicht als eine bloße Kostümparty verstehen, sondern einen ehrfurchtsvollen Stil entwickeln. Letztes Jahr nahmen auch bereits drei weitere Kinder von Verwandten an der Feier teil. Die älteste Tochter suchte sich im vergangenen Jahr die Heilige Kateri Tekakwitha aus und verkleidete sich nach dem großen Vorbild als Indianerin.

Stimmungsvoll und ehrfürchtig beginnt die Allerheiligenfeier im Wohnzimmer. Ähnlich wie an Weihnachten ist die Tür zuvor verschlossen. Die Kinder, inzwischen eine bunte Schar kleiner Heiliger, warten gespannt, bis sie den Raum betreten dürfen. Mit viel Mühe wurde dekoriert und gestaltet: Im ganzen Raum brennen knapp dreißig Teelichter. Vor jeder Kerze steht das Bild eines Heiligen. Im Hintergrund läuft leise Taizé-Musik. Gemeinsam mit den Kindern werden bekannte und eben auch völlig unbekannte Heilige erforscht und genauer betrachtet. Dabei wird deutlich, wie verschieden die Heiligen waren. Manche jung, andere alt, lebten sie zu ganz unterschiedlichen Zeiten und haben in ihrem jeweiligen Stand das getan, was Gott von ihnen erwartet hat. Jeder findet auch seinen Namenspatron im Raum wieder. Die Augen der Kinder beginnen zu leuchten. Anders als in einer Gruselgeisterbahn mit Elektrolicht und Schrecken, befinden sich die Gäste hier in einem Raum der Stille und des Lichtes. Gemeinsam werden die Heiligen um Fürsprache bei Gott gebeten und Fürbitten formuliert. Frau Stumpf erklärt, dass jeder, ob groß oder klein, zur Heiligkeit berufen sei.

Die Kinder suchen nach Möglichkeiten, wie sie Heiligkeit im Alltag umsetzen könnten. Ein Kind zum Spielen nach Hause einzuladen, das im Kindergarten wenig Freunde hat, wird vorgeschlagen. Nach dem besinnlichen Teil kommt die Party so richtig in Fahrt: verschiedene Spielstationen vom Keller bis in den ersten Stock – jeweils thematisch an Heilige gebunden. Da werden beispielsweise Rosen gesammelt in Anlehnung an die heilige Elisabeth. Auch pantomimische Darstellungen dürfen die Kinder an einer der Stationen ausprobieren und ein Heiligenquartett aus dem Bällebad fischen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Es gehe dabei laut zu, aber das dürfe auch sein. Schließlich gehören die Heiligen auch bereits der triumphierenden Kirche an.

Wichtig sei, dass die Kinder Spaß haben. Ihnen einfach nur zu verbieten bei Halloween teilzunehmen, wäre für Frau und Herr Stumpf keine Option gewesen. Als katholische Kirche dürfen wir aus einem reichen Erbe an Festen und Schätzen schöpfen. Kirchenfeste in der Familie zu besprechen und diesen Schatz zu nutzen, ist Familie Stumpf ein großes Anliegen. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sich hier Familien gegenseitig sehr gut unterstützen können. So wie sie nun ihre Erfahrungen mit Holyween weitergibt, hat sie selbst auch bereits vorgefertigte Konzepte zu Familienfeiern von anderen Müttern empfangen. Eltern sollten sich nicht von anderen oder den eigenen Kindern unter Druck setzen lassen. „Hier reicht es nicht zu dem Kind zu sagen, du darfst da nicht mitmachen, weil wir katholisch sind. Eben weil wir katholisch sind, dürfen wir den Glauben feiern und uns glücklich schätzen.“ Deshalb machen sich Frau und Herr Stumpf Jahr für Jahr die Mühe, ihren Kindern statt Halloween das Hochfest Allerheiligen nahezubringen. Was die Reaktion der fremden Kinder sei? Diese zeigten Offenheit und fänden Partys und Geschenke sowieso toll. Frau Stumpf hofft natürlich, durch die Holyween-Feier auch andere Familien zum Nachdenken anzuregen. „Wenn die Kinder begeistert sind, dann erzählen sie es weiter in der Schule und im Kindergarten, dafür brauchen wir selbst gar nicht zu sorgen“, ergänzt Frau Stumpf.

Am Ende der Party versammeln sich alle Kinder nochmals im Kreis, um den Blick auf die Heiligen zu richten. Zum Abschluss bekommt jeder ein kleines Geschenk. Letztes Jahr war es eine selbst bemalte Holzfigur des jeweiligen Namenspatrons – für die Gebetsecke zuhause im Kinderzimmer.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Mitten in der Uckermark nördlich von Berlin steht seit einigen Jahren ein russisch-orthodoxes Kloster, unter anderem auf Initiative des heutigen Moskauer Patriarchen Kyrill.
10.07.2022, 15  Uhr
Oliver Gierens
Themen & Autoren
Allerheiligen Kirchenfeste

Kirche

Das deutsche Ergebnis der Befragung zur Weltbischofssynode zeigt: Mit dem Synodalen Weg können Gremien Monologe führen, aber keine jungen Leute hinter dem Ofen hervorlocken.
09.08.2022, 11 Uhr
Regina Einig
„Du sollst dir kein Bild von Gott machen“ – oder doch? Der Bilderstreit des achten und neunten Jahrhunderts.
09.08.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Beeindruckendes Buch: Andreas Sturm beschreibt seinen Weg zum Austritt aus der katholischen Kirche mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ein Spiegel der Kirche unserer Tage.
06.08.2022, 07 Uhr
Peter Winnemöller