Jerusalem

Hillel Schenker: „Wir sind wie die Arche Noah“

Der israelisch-jüdische Friedensaktivist vom „Palestine-Israel Journal“: Hillel Schenker.
Hillel Schenker - Schreiben für den Frieden
Foto: JZ | Schreiben für den Frieden: Hillel Schenker.

Ost-Jerusalem, Redaktion des Palestine-Israel Journal. „Wir wollen nicht für immer Sklaven Israels sein!“ Nisreen Abu Zayyad hat Feuer. Die Palästinenserin, Muslima ohne Kopftuch und Mitte 30, redet sich in Rage. Der nächste Satz: „Israel hat alles unternommen, um die Zwei-Staaten-Lösung kaputtzumachen. Die wäre für uns Palästinenser ohnehin ein riesiger historischer Kompromiss.“ Hillel Schenker lächelt und gibt dann seine Sicht der Dinge wieder. Auch er redet Klartext, nur ruhiger „Israelis dominieren Palästinenser, die keine Rechte haben. Es ist eine Art Apartheid.“

Einige aus der deutschen Pilgergruppe, die dieses Hintergrundgespräch gesucht hat, dürften sich wundern: Eine Palästinenserin und ein israelischer Jude im Gespräch? Und sie arbeiten auch noch zusammen?

Hillel Schenker ist der israelische Chefredakteur der Zeitschrift, Nisreens Vater Ziad Abu Zayyad sein gleichberechtigtes palästinensisches Pendant. Letzterer hatte 1994 die einzige gemeinsame Zeitschrift zwischen Mittelmeer und Jordanfluss mitgegründet. Doch welchen Titel sollte man wählen? Die Palästinenser baten ihre israelischen Kollegen: „Ihr habt einen Staat, wir noch nicht. Dann lasst uns wenigstens im Titel den Vorrang.“ So kam es zum Namen, der gleichzeitig ein Hinweis auf die Sprache der Zeitschrift ist. Auch in der Redaktion spricht man Englisch. Um der Gleichberechtigung willen hat das Magazin nicht nur zwei Chefs und Herausgeber, sondern auch bei Mitarbeitern und Autoren sowie beim regelmäßigen Runden Tisch sind Israelis und Palästinenser gleich stark vertreten. „Wir sind wie die Arche Noah, von jeder Art gibt es zwei“, charakterisiert es Hillel Schenker.

Jenseits der Denkschablonen

Das Journal behandelt brennende Fragen, bricht Tabus und regt nicht nur Israelis und Palästinenser an, jenseits ihrer Denkschablonen kreative Ideen zu entwickeln. Das Credo aller Redakteure: Sie glauben an eine friedliche Lösung des Konflikts, lehnen israelisch-jüdische Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten ab und befürworten die Zwei-Staaten-Lösung.

Wie kommt eine Ausgabe zustande? Die Redaktion einigt sich auf ein Thema und sucht Autoren. Vierteljährlich erscheinen 128 Seiten, je zur Hälfte von Israelis und Palästinensern gestaltet. Alle Aspekte des Konflikts hat das Journal schon beleuchtet, das Epizentrum des Konflikts Jerusalem schon siebenmal. Andere Ausgaben behandelten das Schicksalsjahr 1948, das Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge, den Siedlungsbau, Wasser, Kinder im Konflikt, Trauma oder Berichterstattung der Medien. Eine Nummer erörterte die Frage, was Israelis und Palästinenser vom nordirischen Friedensprozess lernen können, eine andere das Dreiecksverhältnis Israel-Germany-Palestine. Die aktuelle Ausgabe trägt den Titel Israel and the Apartheid Threshold – a Wake-up Call; sie enthält einen Gastbeitrag der deutschen Nahostexpertin Muriel Asseburg.

Das PIJ, wie sich das Magazin selbst nennt, kann ohne ausländisches Geld nicht publizieren. Mal kommt es von der Europäischen Union, der Friedrich Ebert- oder Heinrich Böll-Stiftung, vom Institut für Auslandsbeziehungen ifa oder einer ausländischen Botschaft in Israel/Palästina. Zur notorischen Geldknappheit kommt ab und an politisches Bauchweh: Ziad Abu Zayyad war es jahrelang vom israelischen Innenministerium verboten, in das Redaktionsbüro nach Jerusalem zu kommen. Für Treffen in seinem Haus im palästinensischen Al-Azzaryie, dem neutestamentlichen Ort der Auferweckung des Lazarus, mussten Redakteure zeitweise Schleichwege benutzen. 2001 wurde der palästinensischen Kollegin Leila Dabdoub die Einreise verwehrt. Als sie nach einer Englandreise in Tel Aviv landete, teilten ihr die Beamten mit, ihr Name finde sich nicht im Computer, folglich könne sie nicht einreisen. Seitdem lebt sie in Chile. „Schikane“ fällt Hillel Schenker dazu nur ein.

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Seit Jahrzehnten für den Frieden unterwgs

Er selbst, mittlerweile 80 Jahre ist, ist seit Jahrzehnten im Friedenslager aktiv. 1942 in New York geboren, wanderte der jüdische US-Amerikaner 1963 nach Israel ein. Nach Studien der Kommunikationswissenschaften arbeitete er als Journalist ab 1977 in der Friedenszeitschrift New Outlook, die dem Geiste Martin Bubers verschrieben war. Rückblickend gesteht er, dass die Teilnahme am Yom-Kippur-Krieg 1973 sein „Wendepunkt” war. Fünf Jahre später gründete er mit anderen die bis heute bestehende Friedensorganisation Schalom Achschav (Frieden Jetzt). Auch Schenker kennt, wie jeder im Friedenslager, Enttäuschung und Niedergeschlagenheit. Trotzdem hat er sein Engagement nie eingestellt. „Es gibt keine Alternative“, meint er lapidar. Es sei Israelis und Palästinensern ein existenzielles Bedürfnis, „eine Lösung zu suchen, um unserer zukünftigen Generationen, meiner Kinder und Enkel, willen“. Seine Arbeit bei der einzigen israelisch-palästinensischen Publikation nennt er einen Einsatz „an der Front, wo man nach Lösungen sucht. Ich bin nicht nur pessimistisch und deprimiert, ich bin aktiv und ergreife die Initiative“. Gemeinsam mit den Kollegen versucht er seit genau 20 Jahren, die Lage zu verstehen, Strategien zu entwickeln und Antworten zu finden, wie man die Friedens-Sackgasse verlassen kann. „Genau diese Aktivität verleiht mir Energie.“

Darüber, dass der scheidende Premierminister Israels, Yair Lapid, einmal vor der UNO-Vollversammlung von einer Konfliktlösung sprach, hat sich Schenker gefreut. Das sei ein „erfrischender Wandel” gewesen, denn Lapids Vorgänger Bennett habe die Zwei-Staaten-Lösung abgelehnt und vor der UNO-Vollversammlung kein Wort über Frieden verloren.

Kein Fahrplan für Zwei-Staaten-Lösung

Schenker merkt jedoch auch Kritik an: Lapid habe keinen Fahrplan zur Zwei-Staaten-Lösung vorgelegt, außerdem „hat er es vermieden, sich mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas zu treffen.” Für Schenker hatte dies mit den vorgezogenen Wahlen am 1. November zu tun: Lapid wollte offenbar Wähler des rechten Spektrums nicht verprellen. Doch inzwischen hat sich die politische Konstellation in der Spitze des Staates sowieso geändert. Der Wahlsieger hieß schließlich Benjamin Netanjahu. Für Lapid blieb nur der Platz auf der Oppositionsbank.

Schon seit Jahren mahnt der in Tel Aviv lebende Schenker seitens Nordamerika und Europa eine stärkere Einmischung an. Seine Botschaft ans deutsche Publikum lautet klar: „Habt keine Angst, euch stärker bei der Konfliktlösung zu engagieren! Vielleicht habt ihr alle möglichen Bedenken. Um unseretwillen rufen wir, israelische und palästinensische Friedensaktivisten, euch auf, euch einzumischen. Ihr müsst aktiver dabei werden, euch der Besatzung und dem Siedlungsbau zu widersetzen. Helft, dass Wege gefunden werden, damit Israelis und Palästinenser vorwärtskommen. Wir wollen eure Beteiligung!“

Und schon setzt er sich wieder an den Schreibtisch. Er, Ziad Abu Zayyad sowie die 15 israelischen und 15 palästinensischen Kollegen im Redaktionsrat trotzen weiterhin allen Hindernissen. Mit jeder Ausgabe des Journals beweisen die Friedensbefürworter, dass Israelis und Palästinenser sehr wohl miteinander können. Sie reden, einigen sich und schaffen nicht nur eine Zeitschrift, sondern Vertrauen zueinander.

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