Ukraine

Hilfe in einem bürokratischen Land

Pastoralreferentin aus der Ukraine Tetyana Lutsyk steht Landsleuten in Aachen und Umgebung bei.
Tetyana Lutsyk
Foto: GF | Setzt sich tatkräftig für ihre Landsleute ein: Tetyana Lutsyk.

Sie ist ein fröhlicher, aufgeweckter, hochaktiver Mensch. Doch ihr Lebensmut und ihr mitreißender Optimismus sind durch den Vernichtungskrieg gegen ihr Heimatland Ukraine schwer erschüttert worden. „Ich hätte mir gewünscht, nicht vor dieser Entscheidung stehen zu müssen, ob ich Waffenlieferungen für richtig halte oder nicht“, sagt Tetyana Lutsyk, Pastoralreferentin in Aachen, mit leiser, bewegter Stimme. „Putin hat unser Land gegen sich geeint.“ Sorgen macht sie sich allerdings darum, welche Auswirkungen der barbarische Krieg auf die Menschen dieser Generation und ihre Kinder haben wird. „In der Ökumene muss man sich heute klar positionieren, wo man steht“, fordert sie. „Zugleich werden wir neu lernen müssen, wie wir den Frieden neu erringen und gemeinsam aufrechterhalten können.“

In der Katholischen Kirche beheimatet

Tetyana Lutsyk ist in einer konfessionell gemischten Familie aufgewachsen: Ihre Mutter ist griechisch-katholisch, ihr Vater bezeichnet sich als orthodox. 1983 geboren, ist sie in dem kleinen Dorf Jalynkuwate (übersetzt: „Tannenbaumdorf“) im Lviver Gebiet aufgewachsen, das nicht weit von der polnisch-ukrainischen Grenze entfernt ist. Um die deutsche Sprache kennenzulernen, kam sie von 2000 bis 2002 als Au-pair nach Limburg/Lahn und studierte ab 2003 Katholische Theologie an der Universität Bonn. „Ich dachte, meine Eltern wären entsetzt, wenn ich meinen Studienwunsch äußern würde, denn mein Vater hatte keine so gute Meinung über die katholische Kirche“, erzählt sie. „Aber sie hatten zu meiner Überraschung nichts dagegen und fanden es sogar gut.“

Im Jahr 2010 schloss sie ihr Studium mit dem Diplom ab und trat eine Stelle als Pastoralassistentin in Herzogenrath-Merkstein bei Aachen an. Im Jahr 2013 übernahm sie zwei halbe Stellen als geistliche Leiterin der Christlichen Arbeiter-Jugend (CAJ) und als Pastoralreferentin im Aachener Stadtteil Forst. Seit Februar 2019 ist sie in der GdG Grenzenlos im Aachener Nordwesten tätig. „Ich fühle mich beheimatet in der katholischen Kirche und bin zufrieden mit dem, was ich in der katholischen Kirche tun und bewegen darf“, bekennt sie. Sie gestaltet Trauerfeiern und Schulgottesdienste an weiterführenden Schulen und kümmert sich insbesondere um geflüchtete Familien. In der Gemeinde gehört sie außerdem dem Leitungsteam an, das zusammen mit engagierten Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen die Gemeinschaft der Gemeinden leitet. Seit dem 1. Juni ist sie darüber hinaus für die Flüchtlingsseelsorge in den Regionen Aachen-Stadt und -Land zuständig.

Ein dunkles Datum

Der 24. Februar, also der Tag, an dem Wladimir Putin den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine entfesselte, ist in ihrer Erinnerung „ein dunkles Datum“. Ängste vor einem möglichen Krieg seien schon vorher in der Gesellschaft spürbar gewesen, aber jeder habe den Gedanken an den Krieg von sich ferngehalten. Sie habe an dem betreffenden Fettdonnerstag morgens ihre beiden Kinder für den Karneval in der Kita geschminkt und bunt angezogen und erst danach in ihr Handy geschaut. „Zwei Tage lang war ich danach völlig verzweifelt und konnte es nicht fassen, dass es zu diesem Krieg gekommen ist“, berichtet sie mit bewegter Stimme.

„Das stellte unser Leben total auf den Kopf.“ So gut, wie es eben ging, machte sie ihren Kindern klar, dass dort, wo ihre Oma lebt, etwas ganz Schlimmes passiert sei. Ihre Mutter selbst, eine entschlossene Frau, habe sich auf ihrem Selbstversorger-Hof sofort darauf eingestellt, dass Geflüchtete aus Lviv und Kiew bei ihr eintreffen werden, für die sie Essen bereitstellen muss. „Das ist dann auch am ersten Wochenende nach Kriegsbeginn bereits eingetreten“, sagt Tetyana Lutsyk. Eine befreundete ukrainische Familie, die ihr Kind wegen beruflicher Verpflichtungen zur Oma nach Odessa gebracht hatte, war unterdessen in heller Aufregung. Tetyana machte sich mit ihnen auf eine 2 500 Kilometer lange Fahrt durch Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien und schließlich Moldawien. „Das war eine kräftezehrende Aktion, aber die Solidarität unter den Menschen in allen diesen Ländern war riesig“, erinnert sie sich. Auf der Rückfahrt hätten sie an den Grenzen dann viele Frauen mit Kindern gesehen, die die Flucht vor dem Krieg ergriffen hätten.

Viele verunsicherte Menschen

Trotzdem konnte sie sich zunächst noch nicht vorstellen, dass viele ihrer Landsleute in den äußersten Westen nach Aachen kommen würden. Als aber Freiwillige aus verschiedenen deutschen Städten Alarm schlugen, entschloss sie sich, auf Kirchengemeinden zuzugehen und sie anzufragen, wer Wohnraum und andere Ressourcen zur Verfügung stellen kann. Dass viele sich bereit erklärten, ihre Privaträume, Wohnzimmer und Schlafsofas mit ukrainischen Familien zu teilen, war für Lutsyk neu. Darüber hinaus wurden selbstverständlich auch Sammel- und Gruppenunterkünfte zur Verfügung gestellt, kamen viele ukrainische Geflüchtete, auf ganz Aachen verteilt, in Turnhallen und Hotels unter.

Lesen Sie auch:

Doch während Tetyana Lutsyk der Stadt für die Organisation der Unterkünfte, die Anfang März innerhalb weniger Tage über die Bühne ging, ein hohes Lob ausspricht, weist sie zugleich darauf hin, dass viele Ankömmlinge, die mit den städtischen Behörden in Kontakt treten, verunsichert sind und eine Menge Fragen haben. Sie selbst hat deswegen Landsleute viele Stunden lang bei Behördenbesuchen begleitet und ihnen als Übersetzerin beigestanden. Von Seiten der Kirche wurden bistumsweit Vernetzungsmöglichkeiten aufgebaut, da sich herausstellte, dass sowohl die Ankommenden wie die sie aufnehmenden Deutschen Orientierung brauchen. Etwa 10 000 Flüchtlinge, Frauen und Kinder und einige wenige Männer im Rentenalter sind bisher in der Region Aachen/Düren/Heinsberg im Westen der Republik angekommen. „Alle die, welche die Ukraine verlassen konnten und wollten, sind schon geflüchtet“, weiß die Pastoralreferentin. „Manche gehen auch schon wieder zurück – in den Westen der Ukraine, nach Kiew oder Charkiw.“

Bleiben oder zurück gehen?

Derzeit seien viele dabei, für sich abzuwägen, was sie als Nächstes tun sollten, und stünden vor hochemotionalen Entscheidungen: Lohnt es sich, all die Anstrengungen mit Sprachkursen, Wohnungs- und Arbeitssuche anzunehmen? Wo finde ich eine Arbeit, die meinen Qualitäten und meiner Vorstellung entspricht? Oder ist es doch besser, bald zurückzugehen, egal, was ich vorfinde? „Viele brauchen Zeit, um sich an ein bürokratisches Land zu gewöhnen, und werden ungeduldig“, lautet Tetyanas Einschätzung. „Sie wollen nicht vom Sozialamt oder vom Jobcenter leben.“ Die meisten ukrainischen Frauen seien längst gleichberechtigt, gut ausgebildet und brächten viele Kompetenzen mit, müssten aber in Deutschland darum kämpfen, dass ihre Qualifizierung anerkannt werde. „Die Gefahr, dass sie demotiviert werden, ist real“, warnt Lutsyk. „Es wäre aber fatal, wenn viele von ihnen Deutschland, wo sie eigentlich gebraucht werden, wieder verlassen würden.“

Individuell hinschauen

Deswegen fordert die agile Theologin, viel mehr Sprachkurse als bisher anzubieten und stärker individuell hinzuschauen, wo jemand sinnvollerweise eingesetzt werden kann. Vielen Familien mache auch die fehlende Kinderbetreuung große Sorgen. Diese müsse vorrangig geregelt werden, bevor die Familien nächste Schritte tun könnten. Zudem könnten die Ukrainerinnen die deutsche Sprache am besten durch alltägliche Praxis lernen. Viele seien total willig, sich einzubringen und etwas von dem zurückzugeben, was sie an Hilfe erhalten haben. „Die Frauen sind zugleich sehr belastet und sorgen sich um die Familienmitglieder, die in der Ukraine zurückgeblieben sind“, macht Tetyana deutlich.

„Sie sind zwischen der Sehnsucht nach dem Zuhause und ihrer Verantwortung für ihre Kinder oder ihre Eltern, mit denen sie flüchten konnten, zwischen Trauer, Schuld- und Abschiedsgefühlen sowie Ängsten hin und hergerissen und haben ganz viele unbeantwortete Fragen.“ In dieser schwierigen Situation müsse man ihnen das Gefühl geben, wertgeschätzt zu sein. Und eine andere große Sorge treibt sie ebenfalls um: Wie können in Deutschland lebende russisch-stämmige und ukrainisch-stämmige Menschen wieder zueinander Wege in die Zukunft suchen, Vorurteile aus dem Weg räumen und friedlich zusammenleben?

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Die westlichen Sanktionen sind hart und verursachen auch hierzulande Kollateralschäden.
11.03.2022, 17  Uhr
Stefan Ahrens
Inwieweit die aktuelle Absenkung staatlicher Preisaufschläge auf Energie für den Mittelstand hilfreich ist, wird sich erst im Herbst nach Beendigung dieser Maßnahme zeigen.
19.07.2022, 15  Uhr
Friederike Welter
Wenn man schon Dinge klaut, sollte man wissen, wie man sie bedient.
06.05.2022, 21  Uhr
Hendrik ter Mits
Themen & Autoren
Gerd Felder Familienmitglieder Kirchengemeinden Kriegsbeginn Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Ukraine Vernichtungskriege Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Nach Kritik am DBK-Vorsitzenden Bätzing erhält „Maria 1.0“ ein Antwortschreiben. Eine Auseinandersetzung mit den Inhalten des Briefes finde darin jedoch nicht statt, so die Initiative.
15.08.2022, 11 Uhr
Meldung
Für eine Taufpatenschaft holte ich meine Firmung nach und entdeckte einen neuen Zugang zu Gott.
15.08.2022, 07 Uhr
Victoria O.
Die „ganze Sache mit Jesus Christus“: An ihr hängt eigentlich alles im Leben. Vertraut man wirklich darauf, dass Gott Mensch geworden ist?
16.08.2022, 07 Uhr
Rudolf Gehrig