Bosporus

Großes Feuer, große Wirkung

Vor 100 Jahren, am 12. September 1922, zündeten Truppen Kemal Paschas das griechische Smyrna in Kleinasien an. Die Grenzen Europas wurden durch den Brand an den Bosporus zurückgedrängt.
Atatürk-Denkmal in Bukarest
Foto: BB | Ein echter Gentleman mit Fliege? Das Atatürk-Denkmal in Bukarest gibt wohl nicht die umfassende Wahrheit über Mustafa Kemal wieder.

Der 1. Weltkrieg in der Türkei begann bereits mit dem ersten Balkankrieg 1912 und endete erst mit dem Sturz des Sultans 1923. Gleich nach Ende der Kampfhandlungen 1918 hatte sich in Anatolien unter Führung von General Kemal Pascha eine nationalistische türkische Gegenregierung gebildet, die jegliche Friedensverhandlungen oder Reparationszahlungen an die alliierten Siegermächte ablehnte. Im Gegenteil, diese Regierung führte den Kampf der Jungtürken, die für die Niederlage im 1. Weltkrieg verantwortlich waren, gegen die Alliierten, aber auch gegen die alte osmanische Sultans-Regierung weiter. Die Stadt Smyrna, die zweitgrößte Stadt des Osmanischen Reiches, war kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zur Hälfte von Muslimen und zur anderen Hälfte von christlichen Griechen, Levantinern und Armeniern bewohnt. Levantiner gab es nur in Smyrna.

Die Sitten des Orients angenommen

Es waren orientalisierte Westeuropäer und Amerikaner, die die Sitten des Orients angenommen hatten. Nach der osmanischen Niederlage 1918 besetzten am 15. Mai 1919 griechische Truppen mit Unterstützung der Alliierten die Stadt und stießen von hier aus weiter nach Anatolien vor, um ein Reich der Pontosgriechen in Anatolien zu begründen. Beim Friedensvertrag von Sèvres 1920 wurde die Stadt Griechenland zugesprochen, aber im Zuge der griechischen Niederlage im Griechisch-Türkischen Krieg in Kleinasien wurde sie am 9. September 1922 von den nationalistischen Truppen Kemal Paschas zurückerobert, obwohl die Türkei damals noch alliiertes Besatzungsgebiet war und Zehntausende alliierter Soldaten und Kriegsschiffe im Lande waren.

Nach dem Zusammenbruch der Front und dem ungeordneten Rückzug des griechischen Expeditionskorps aus Anatolien war die mehrheitlich aus Christen bestehende Bevölkerung an der kleinasiatischen Küste auf sich allein gestellt. Die unaufhörliche Ankunft von Zügen mit versprengten griechischen Soldaten und Flüchtlingen (schätzungsweise 30 000 pro Tag) in Smyrna sowie die starken Gerüchte über den allgemeinen Zusammenbruch der Front steigerten die Panik und die Angst der Bevölkerung. Der griechische Hochkommissar Aristides Stergiadis weigerte sich jedoch, die griechische Zivilbevölkerung zu evakuieren. Bis zum letzten Moment beruhigten die Behörden die Bevölkerung von Smyrna. Stergiadis weigerte sich auch, den Vorschlägen des griechischen Militärkommandanten und des griechisch-orthodoxen Metropoliten Chrysostomos zur Bewaffnung der Bevölkerung nachzukommen. Vergeblich warteten, wie Fotos zeigen, Hundertausende von Flüchtlingen am Hafenkai auf die griechischen Schiffe, die sie zu den benachbarten griechischen Inseln bringen sollten.

Ein Pfarrer rettete den Großteil der Menschen

Nach einer Intervention des amerikanischen Konsuls G. Horton wurden lediglich zwei amerikanische Zerstörer geschickt, um den Flüchtlingen zu helfen. Am 8. September (1922), waren die griechischen Zivilbehörden abgereist, der griechische Hochkommissar Stergiadis floh auf einem englischen Kriegsschiff über Konstantinopel nach Monaco. Am 11. September 1922 war auf den benachbarten griechischen Inseln Chios und Mytilene eine militärische Revolte ausgebrochen. Infolgedessen wurde fast die gesamte griechische Flotte mit allen Schiffen der griechischen Armee aus Smyrna ohne Flüchtlinge an Bord dorthin abkommandiert, von dort sahen die griechischen Matrosen zwar den Rauch der Zerstörung am Tag und des Feuers in der Nacht aus Smyrna, aber eingreifen durften sie nicht. Die Zerstörung der Stadt begann am 12. September, wenige Tage nach dem Einzug der türkisch nationalistischen Armee unter Mustafa Kemal in die Stadt. Ein Feuer brach aus, nachdem türkische Soldaten die armenische St.-Nikolaus-Kirche, in die sich Frauen und Kinder geflüchtet hatten, gesprengt hatten. In der Nähe der Kirche hatte ein griechischer Hauptmann Sideris (Isidoros) Pantazopoulos Widerstand gegen die Türken geleistet. Mithilfe eines für die Türken günstigen Windes (der gegen das türkische Viertel wehte) und des Benzins, mit dem die Türken die Häuser der Griechen und Armenier besprühten, brannte das Feuer die gesamte christliche Stadt ab. Die muslimischen wie die jüdischen Viertel blieben verschont. Kemal Atatürk, der angeblich so zivilisierte spätere Staatsgründer der modernen Türkei, setzte so die Politik der im Ersten Weltkrieg gescheiterten Jungtürken fort. Sie bestanden vorwiegend aus ethnischen Säuberungen und der Schaffung von vollendeten Tatsachen. Auch die Besatzung von mindestens 25 Kriegsschiffen der Franzosen, Briten und Amerikaner schaute zunächst tatenlos zu und rettete nur ihre eigenen Bürger.

Von Flammen eingeschlossen

Auch Aristoteles Onassis erlebte das Grauen von Smyrna in seiner Geburtsstadt mit, er wurde wie Zehntausende andere von den Flammen Eingeschlossene durch die Initiative des presbyterianischen US-Pastors aus New York, Asa Jennings, der sich als US-Offizier ausgab und so alliierte Kriegsschiffe und griechische Fährschiffe mobilisierte, gerettet. Ab dem 17. September wurden Zehntausende von Armeniern und Griechen im Alter von 17 bis 45 Jahren auf Todesmärsche ins Landesinnere der Türkei geführt. Die Griechen wurden, wenn sie Glück hatten, später Teil des Bevölkerungsaustausches, die Armenier wurden die letzten Opfer des Völkermords. Dass es in Smyrna überhaupt noch Armenier gab, hatten sie dem preußischen General jüdischer Herkunft, Liman von Sanders (1855-1929), dem Helden von Gallipoli, zu verdanken, der es 1915 als Stadtkommandant dem türkischen Gouverneur der Stadt untersagt hatte, Armenier zu deportieren, weil dies die Kriegsanstrengungen behindert hätte.

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Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet sein ehemaliger Adjutant, Kemal Pascha, an der Spitze einer türkisch-nationalistischen Armee auch die letzten Armenier des untergehenden osmanischen Reiches vernichten sollte. In Smyrna erinnert selbst im Stadtmuseum nichts mehr an den großen Brand. Dieser wurde zur Generalprobe für das Konzept „ethnischer Säuberungen“ bis heute. Der Vertrag von Lausanne von 1923 unter der Regie des Völkerbundes gab ihnen den Namen „Bevölkerungsaustausch“ und machte Vertreibungen zum gängigen Mittel der Diplomatie. Darunter hatten auch nach 1945 die deutschen Vertriebenen zu leiden.

Das ungläubige Izmir

Der Brand von Smyrna war der Durchbruch von Mustapha Kemal zu Kemal Atatürk, dem Begründer der modernen Türkei. Kaum ein Jahr später stürzte er den Sultan, beendete die Monarchie und machte sich selbst zum Präsidenten der türkischen Republik. Zur neuen Hauptstadt machte er die Stadt Angora in Anatolien, einst eine mehrheitlich von katholischen Armeniern besiedelte Stadt, die in Ankara umgetauft wurde. Zu seinen engsten Mitläufern wurden die Täter des Genozids an den Armeniern, allen voran Şükrü Kaya (1882-1959), der Umsiedlungsbeauftragte und Cheflogistiker (der Eichmann) des armenischen Völkermords, der viele Jahre Minister und Nachfolger Atatürks als kemalistischer Parteichef wurde.

Smyrna heißt heute Izmir, im Volksmund sagt man „Gâvur İzmir“, was „Ungläubiges Izmir“ bedeutet. Selbst nach der Vertreibung der Christen bewahrten die zurückgebliebenen muslimischen Türken einen Teil des liberalen Charakters der Stadt. Izmir gilt immer noch als die europäischste und liberalste aller türkischen Städte, mit den schlechtesten Wahlergebnissen für Erdogan und seine AKP. Auch dies ist vielleicht noch eine Spätfolge des großen Feuers von 1922, das neue Grenzen zwischen Europa und Asien zog.

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