Glosse: Wie sich die Zeiten wandeln

Das Zauberwort Integration. Von Burkhardt Gorissen

Menschen können, so die gängige Meinung, schlecht integriert oder gut integriert, sogar hervorragend integriert sein, sie sind demnach mal vollkommen integrationsunfähig oder integrationswillig. Aber was macht sie zu Deutschen? Das Zauberwort Integration bleibt im Diskurs um Zuwanderung kaum hinterfragt. Reicht es, sich irgendein heimattümelndes Detail anzueignen oder die deutsche Nationalhymne mitzusingen, die immerhin von einem Ausländer geschrieben wurde.

Na gut, Joseph Haydn war „nur“ Österreicher. Sein Streichquartett in C-Dur trägt die Opuszahl 76 Nr. 3 und ist besser bekannt als „Kaiserquartett“, das der Vater der Wiener Klassik nach seiner Rückkehr aus London komponierte und dem ungarischen Adeligen Erdödy widmete. Soviel Internationalität war Künstlern und Adeligen nun mal nicht fremd. Die schwierige Frage, hätte Ferenc Puskás jene Haydn-Hymne mitgesungen, wenn er dadurch Fußballweltmeister geworden wäre? Zu Erinnerung: Puskás war der Weltstar schlechthin, der die ungarische Mannschaft 1954 zur Weltmeisterschaft führen sollte. Nach Expertenmeinung stand der Sieger fest, aber das deutsche Team um Fritz Walter räumte den Titel ab. Wäre Puskás zwei Jahre zuvor aus dem kommunistischen Ungarn in den freien Westen geflohen, hätte er mit Leichtigkeit die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen und neben Fritz Walter Weltmeister werden können. Da hat es der Özil schon besser gemacht, auch wenn er nicht die Nationalhymne mitsingt – oder sang, jedenfalls nicht die deutsche, was Wasser auf die Mühlen von Seehofers Islam-Deutschland-Divergenzchen war. Immer dieser Özil. Geharnischt teilte die BILD-Zeitung mit, dass der Kicker seinen Pressesprecher vorschickte, „um den nagelneuen schwarzen Mercedes GT/R (Neupreis ab 166 000 Euro) abholen zu lassen“, den er als Honorar für sein Mercedes-Benz-Markenbotschafter-Dasein erhält. Zur Erinnerung, die deutschen Weltmeister von 1954 bekamen einen VW-Käfer, damaliger Wert: 3 950 Mark. Mitgesungen haben sie die Nationalhymne damals aber auch nicht. Überhaupt, wenn man sich alte Übertragungen anschaut, etwa von der WM 1974, da öffnet kein deutscher Nationalspieler seine Lippen zur Hymne – weder Beckenbauer, noch Maier, noch Vogts. Schlecht integriert oder einfach andere Zeiten? Als Gäste beim damaligen Endspiel gegen Holland: Helmut Schmidt, gerade zu Kanzlerehren gekommen, und Henry Kissinger als US-Außenminister. Damals hätte sich niemand in kühnsten Träumen ein Merkel-Deutschland oder ein Trump-Amerika vorstellen können. Die Zeiten wandeln sich eben, was ein anderes Haydn-Produkt, die Sinfonie Nr. 64 in Erinnerung bringt: Sie trägt den Beinamen „Tempora Mutantur“ (Die Zeiten ändern sich). In Anlehnung an Ovid. Wäre dies zukünftig nicht die passendere Nationalhymne? Vielleicht. Doch nur wenn sie von Bushido interpretiert wird. Dieser Berufsrapper steht für knochenharte Asphalt-Romantik und blindwütige Haudrauf-Poesie und – was im Deutschland des Jahres 2018 auch im Trend liegen könnte – er pflegte und pflegt sukzessive Kontakte zu zwei Berliner Clans, die sich derzeit eine Fehde liefern, wie die Medien berichten. Deren palästinensisch-libanesische Mitglieder kamen offensichtlich in den achtziger und neunziger Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland. Etliche Angehörige dieser Familien beziehen Sozialleistungen und gelten offiziell als arbeitslos. So etwas. Dabei gehen sie doch einer geregelten kriminellen Arbeit nach. Etwa zwanzig derartige Großfamilien gibt es mittlerweile in Deutschland, zwölf davon leben allein in Berlin. Ist es angesichts der deutschen Vergangenheit unangemessen, solche Phänomene offen zu kritisieren?

Schon das aussprechen dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit stört irgendwie, wenn man von Integration spricht. Allerdings, liebe Freunde der Nacht, lässt sich mit dem Morgenstern-Motto „Dass nicht sein kann, was nicht sein darf“, nur eine Zeit lang wunderbar Politik betreiben. Aber am Ende könnte ein trauriges Ergebnis stehen: Man hat die Gewalt integriert. Tempora Mutantur.

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