Aus aller Welt

Glosse: Geschüttelt und gerührt

Biorhythmus war gestern, heute wird funktioniert. Zum lebenslangen Lernen bleibt da keine Zeit. Von Bernhard Huber

Sogar der natürliche und regenerierende Schlaf gilt als unproduktive Zeitverschwendung. Also wird immer weniger geschlafen, bis es einem im Schlaflabor wieder beigebracht werden muss. Im nimmermüden Hamsterrad des Wettbewerbs verlieren nicht zuletzt auch die Umgangsformen ihre friedensstiftende Bedeutung. Weil sich Meinungen außerdem schneller twittern als ausdenken lassen, mutieren im Schutz der weltweiten digitalen Anonymität ganz gewöhnliche Menschen zu ganz außergewöhnlichen Monstern mit maßlosem Geltungsanspruch. Das vollgetrollte Internet wird zur Bühne für den Übermenschen, der in jedem von uns stecken mag.

Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog, der äußerst medienwirksam rhetorische Punktlandungen zu inszenieren verstand, forderte in einer Zeit, als die Banken noch das Vertrauen ihrer Kundschaft genossen, unser Land möge von einem Ruck durchzittert werden. Insbesondere war ihm das Besitzstandsdenken ein Dorn im Auge. Er las der Öffentlichkeit derart wirksam die Leviten, dass seine Rede als Ruckrede berühmt wurde und ins kollektive Gedächtnis einging. Dabei hat er unwissentlich und unwillentlich vorweggenommen, was heute als das Alleinstellungsmerkmal von Populisten verschrien ist: Er hat komplizierte Zusammenhänge und Sachverhalte in markigen Worten einer einfachen und alternativlosen Lösung zugeführt, besagtem Ruck eben.

Im Bildungssystem erkannte er die Hauptursache für gesellschaftliche, politische, vor allem aber für ökonomische Missstände. Ob er Recht hatte oder daneben lag, hat niemanden interessiert. Die Rede hatte einfach nur einen durchschlagenden Erfolg, der Ruck war in aller Munde. Jedoch kam nicht einfach ein Ruck, der wie auf Knopfdruck unser föderalistisches Bildungssystem in Beschlag genommen hätte. Vielmehr setzte sich eine jegliche schulische Diversität niedertrampelnde Hauruck-Politik durch, die der Pädagogik die Ökonomie als didaktisches Prinzip an die Seite stellte. Im Ergebnis machte Herzogs Aufforderung zum Ruck die Wirtschaft zum „Megathema“ und nicht, wie er beabsichtigte, die Bildung. Eine Themaverfehlung also, die nichtsdestotrotz Kultstatus genießt.

Nicht lange danach wurde das neunte Jahr des Gymnasiums liquidiert. Ebenfalls versetzte man dem international renommierten Universitätsdiplom kurzerhand den Todesstoß. Nachdem dann schließlich noch die natürlichen Talente und Neigungen der Kinder erfolgreich oder auch nicht auf dem Altar ökonomisch nutzbringender, aber bildungsferner Kompetenzen geopfert worden sind, begehrt inzwischen die Digitalisierung Einlass in die Schulen, die ansonsten sogar den Eltern den Zutritt verweigern. Wenn die Schule das Beste für die Kinder will, dürfen das die Eltern noch lange nicht. Obwohl sie im Sinne des Grundgesetzes genau das müssen, stehen sie gerade dann sehr schnell unter Helikopterverdacht.

Überhaupt erweckt die Digitalisierungseuphorie den Eindruck, der binäre Programmiercode wäre uns angeboren wie die Farbe der Augen. Dahinter steckt die Idee von einem unaufhaltsamen linearen Prozess, an dessen Ende die gute alte analoge Welt in einer schönen neuen und total digitalen aufgehen soll. Es wird uns weisgemacht, die Digitalisierung würde wie eine höhere Gewalt über uns herfallen.

Der hochmögende Aktionsrat Bildung, der namens der vermögenden bayerischen Wirtschaft ein ungefragtes Bildungsgutachten ums andere verfasst und veröffentlicht, erfreut mit einer ganz besonders waghalsigen Hirnschmalzakrobatik. Er verkleppert die selbstbestimmte Nutzung digitaler Medien mit dem diesbezüglichen permanenten Anpassungszwang bedenken- und wohl auch gedankenlos zur „digitalen Souveränität“, als würde man 007 seinen Martini geschüttelt und gerührt kredenzen.

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