Gläubiger Muslim und guter Deutscher

In Berlin wurde diskutiert, wie Islam und Deutschland zusammenpassen könnten

Berlin (DT) „Bitte lassen sie uns heute über eines nicht reden, das Kopftuch“, meinte Omid Nouripour, Bundestagsabgeordneter für Bündnis90/Die Grünen, und sorgte damit für einen lockeren Einstieg in eine ansonsten ernsthaft und auf hohem Niveau geführte Diskussion. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hatte in der vergangenen Woche Politiker, Vertreter muslimischer Verbände und Kulturwissenschaftler in den voll besetzten Einstein-Saal in ihr Haus am Gendarmenmarkt geladen, um über „Muslime in Europa – Möglichkeiten und Grenzen öffentlich gelebter Religiosität“ zu reden.

Ein bloßes „Seid nett zueinander!“ genügt nicht

Nouripour warb für eine Neuauflage des interreligiösen Dialogs, „aber nicht wie in den Neunzigern, wo sich Vertreter der Weltreligionen treffen und sich gegenseitig bescheinigen, wie friedlich sie doch sind“. Streit sei nötig, voranzutreiben sei die Integration des Islams in Deutschland und die Anstellung von in Deutschland ausgebildeten Imamen und islamischen Religionslehrern. Die größten Probleme sind in Nouripours Augen ohnehin nicht kultureller, sondern sozialer Natur. „Der Graben in der Gesellschaft verläuft nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, sondern zwischen denen, die an die Demokratie glauben, und denen, die sie ablehnen.“

Werner Schiffauer, der sich als Kulturanthropologe seit den achtziger Jahren mit der muslimischen Minderheit in Deutschland beschäftigt, hielt dagegen einen ständigen Dialog für gar nicht notwendig und sogar kontraproduktiv. Sein ideales Deutschland der Zukunft ist ein Land, in dem ein respektierendes Nebeneinander der diversen Religionen herrscht. Denn eine wirkliche Verständigung sei ohnehin kaum möglich, da Glaubensgrundsätze keine Verhandlungsmasse sind und am Schluss nicht, wie in der Demokratie, eine Kompromiss stehen kann. Viel sinnvoller und verbindender als der vergebliche Versuch, die Weltreligionen derart kurzzuschließen, findet Schiffauer kurzfristige Aktionsbündnisse. So kann er sich durchaus vorstellen, dass jüdische und muslimische Gemeinden gemeinsam für die Erlaubnis des Schächtens in der Bundesrepublik eintreten. Schiffauer, der an der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder lehrt, sieht außerdem den in jüngster Zeit verstärkt zu beobachtenden Willen nach Abgrenzung, den auch junge Muslime an den Tag legen, sei es durch Kleidung oder andere Symbole, nicht als grundsätzliches Problem, das bekämpft werden muss, sondern im Gegensatz als den möglichen Beginn der lang ersehnten Identifikation mit Staat und Gesellschaft. Denn wer sich mit den Bedingungen hierzulande auseinandersetzt, interessiert sich für eine Zukunft hier und akzeptiert, dass man eben nicht bloß „Gastarbeiter“ auf Zeit ist, sondern ein Bürger der Bundesrepublik. Joschka Fischer habe gezeigt, wie aus dem wütenden Demonstranten eine tragende Kraft des demokratischen Systems werden kann. Die Politik dürfe die kritische Haltung der Muslime nicht als Vorwand zur Isolation der Minderheit, sondern als Aufforderung zu einer Diskussion über die Gestalt des zukünftigen Zusammenlebens auffassen. Im Augenblick geht es laut Schiffauer aber in die andere Richtung. Das zeigten die seit Jahren zurückgehenden Einbürgerungszahlen. „Hier deutet sich eine Katastrophe an.“ Denn wer die Staatsbürgerschaft seines Heimatlandes behält, bekräftigt seinen Status als Gast und wird sich wenig engagieren wollen.

Privilegien künftig auch für muslimische Gemeinden?

Eine interessante Frage warf Schiffauer mit der Bemerkung auf, dass man sich auch darüber klar werden müsse, ob man die historisch gewachsenen Privilegien, die die beiden christlichen Kirchen in Deutschland genießen, auch anderen Religionsgemeinschaften zugestehen soll. Oder ob, wie das in anderen Ländern schon geschehen ist, die großen Kirchen ihre Sonderstellung verlieren und zu Religionsgemeinschaften unter vielen werden. Diese Diskussion möchte Schiffauer in den nächsten Jahren verstärkt geführt sehen. „Das ist nämlich die wahre Integration. Hier in Deutschland muss sich was ändern“, nicht nur bei den Muslimen.

Bei den Muslimen ändert sich derzeit einiges, bestätigte Burhan Kesici, Politologe und Vizepräsident der Islamischen Föderation Berlin. „Wir sind mitten in einem Selbstfindungsprozess“, sagte er. Erst in den Neunzigern sei die Identität als Muslim wichtig geworden, davor habe man sich eher vor allem über den Herkunftsstaat definiert. Viele Muslime seien in Deutschland nun dabei, mit ihren Patchwork-Identitäten, etwa als Türke, Muslim und Deutscher fertig zu werden. „Lassen Sie uns ein wenig Zeit“, meinte Kesici. Nadeem Elyas, bis vor kurzem Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, pflichtete dem bei und betonte, dass öffentlich gelebte Frömmigkeit keine Aussage gegen die Demokratie sein muss. „Man kann gläubiger Muslim und ein guter Deutscher sein.“ Hier sei die Politik gefragt, die muslimische Religiösität bisher noch als Affront gegen das demokratische System und das Land an sich verstehe.

Das wollte der Berliner Innensenator Ehrhart Körting, der sich, vielleicht durch die Kritik an seiner Aufhebung der Beobachtung von Scientology geschwächt, ungewohnt zurückhielt, so nicht auf sich und seinen Kollegen sitzen lassen. Zwar müsse die deutsche Gesellschaft endlich akzeptieren, dass auch Fremde zu ihr gehören. Aber auch die Muslime müssten vor allem in religiösen Alltagsfragen pragmatischer werden. „Im Koran steht nirgendwo, dass man in der zehnten Klasse nicht auf Klassenfahrten gehen darf.“

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