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Flucht nach dem Mauerbau

Ein Tunnel führte in den Westen: Mehr als 120 DDR-Bürger konnten entkommen Von Carl-H. Pierk
Westberliner Fluchthelfer Klaus-Michael von Keussler beim Tunnelbau
Foto: dpa | Der Westberliner Fluchthelfer Klaus-Michael von Keussler beim Tunnelbau unter der Berliner Mauer, aufgenommen im November 1963.

Sie wollten dem Unrechtssystem der DDR für immer entfliehen. Aber viele schafften es nicht, den Todesstreifen zu überwinden. Von etwa 150 000 Fluchtversuchen glückten 40 000, etwa 1 400 Menschen starben beim Versuch, die Grenze zu überwinden. Zu den Todesopfern gehören Chris Gueffroy, der im Februar 1989 erschossen wird, sowie Winfried Freudenberg, der im März 1989 mit einem improvisierten Gasballon abstürzt. Sie sind die letzten, die auf dem Weg von Deutschland nach Deutschland ums Leben kamen. Und die Fluchthelfer, die ihr eigenes Leben dabei aufs Spiel setzten, wurden vom DDR-Staatssicherheitsdienst mit ungeheurem Aufwand bekämpft und später auch in der Bundesrepublik zunehmend diskreditiert. Viele verschwanden jahrelang in DDR-Gefängnissen, andere wurden schwer verletzt oder getötet.

Bei der Flucht aus der DDR waren der Kreativität und dem Einfallsreichtum keine Grenzen gesetzt. Die Menschen bauten unter anderem Ballons, gruben Tunnel, flohen auf selbstgebauten Surfbrettern oder holten Angehörige mit Leichtflugzeugen aus der DDR. Faszinierend ist dabei der unbändige Freiheitswillen, unter Einsatz des Lebens zu fliehen, die jahrelange akribische und detailgetreue Planung und Durchführung der Fluchten, das tüftlerische Geschick beim Bau der unterschiedlichsten Fluchtfahrzeuge sowie der Mut, den die Flüchtlinge auf sich nahmen. Viele setzen sich mit gefälschten Pässen über das „benachbarte sozialistische Ausland“ ab oder werden in Kofferräumen über die Grenze geschmuggelt. Besonders erfolgreich war Hasso Herschel. Er verhalf bis 1972 durch professionelle Fluchthilfe – mit Tunnelbauten, umgebauten Autos, durch Unterstützung von Diplomaten und über den Fernlastverkehr von Ungarn nach Österreich – etwa tausend Menschen zur Flucht. Heute lebt er, 76 Jahre alt, in Brandenburg.

Mit einem selbstgebauten Heißluftballon planen die Familien Strelzyk und Wetzel ihr Flucht in die Freiheit. Die Vorbereitungen dauern Monate. Am 3. Juli 1979 misslingt der erste Versuch. Nur zweihundert Meter vor dem Todesstreifen bleibt der Ballon in den Bäumen hängen. Erst Tage später entdecken ihn die Grenztruppen. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Spur die Stasi zu den Fluchtwilligen führt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Tag und Nacht nähen die Familien Strelzyk und Wetzel an einem neuen, größeren Ballon. Am 16. September 1979 wagen sie den zweiten Versuch. Doch auch dieses Mal läuft nicht alles nach Plan. Der Ballon reißt, der Gasbrenner setzt aus. Die Grenzsoldaten entdecken den Ballon und erbitten um Schießbefehl aus Berlin. Doch als der eintrifft, ist der Ballon bereits mit Bruchlandung im Westen angekommen. Die Flucht im selbst genähten Heißluftballon sorgt weltweit für Schlagzeilen. 1981 wird sie in Hollywood verfilmt.

Von den etwa 70 Fluchttunnelbauten ist der „Tunnel 57“ das erfolgreichste Unternehmen. Zwischen dem 3. und 5. Oktober 1964 fliehen 57 Menschen durch einen Tunnel von Ost- nach West-Berlin. Es sind 20 Männer, 27 Frauen, fünf Jugendliche bis 18 Jahre und fünf Kinder bis 14 Jahre, die durch das enge unterirdische Bauwerk mit einer Länge von 145 Metern in die Freiheit gelangen – zwölf Meter unter der Bernauer Straße und vor allem unter der Mauer hindurch. Ihre Zahl gibt dem Tunnel seinen Namen: Tunnel 57.

Mehr als sechs Monate, von April bis Oktober 1964, wird daran gearbeitet, über 30 Studenten der Freien Universität Berlin (FU) beteiligen sich am Bau. Neben Wolfgang Fuchs (25 Jahre), der bereits zuvor Fluchttunnel gegraben hat und der Kopf der Gruppe ist, gehört der 24-jährige Physikstudent Reinhard Furrer dazu. Er wird 1985 als westdeutscher Astronaut berühmt.

Ausgangspunkt des Tunnels ist die Bernauer Straße 97 in West-Berlin, wo Wolfgang Fuchs die Räume einer leerstehenden Bäckerei angemietet hat. Ziel des Tunnels ist ein Keller im Haus Strelitzer Straße 55 in Ost-Berlin. Am 2. Dezember ist der Durchbruch geschafft. Doch zur Überraschung der Tunnelbauer kommen sie nicht wie geplant im Keller des Hauses Strelitzer Straße an die Oberfläche, sondern im Innenhof in einem nicht mehr genutzten Toilettenhäuschen. Nun informieren Kuriere die ersten Fluchtwilligen. Sie begeben sich am Abend des 4. Oktober in kleinen Gruppen und mit zeitlichen Abständen ins Haus Strelitzer Straße 55. Dort werden sie von Fluchthelfern empfangen, zum Tunneleingang geführt und dann durchs Erdreich kriechend nach West-Berlin geschleust – dabei ist ein dreieinhalbjähriges Kind. In der ersten Nacht gelingt 29 Menschen die Flucht durch den 90 Zentimeter hohen und 80 Zentimeter breiten Stollen.

Auch in der zweiten Nacht verläuft zunächst alles nach Plan. Wieder kommen im Zehn-Minuten-Abstand die Fluchtwilligen und erreichen ohne Probleme West-Berlin. Über den Weg und den Ort des Einstiegs werden sie jeweils erst unmittelbar vor der Flucht informiert. Doch auf der Liste der Fluchtwilligen befindet sich ein Stasi-Spitzel, der das Fluchtvorhaben verraten hat. Fieberhaft suchen bereits Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes in Zivilkleidung nach dem Tunneleinstieg. Kurz nach Mitternacht – es sind bereits 28 Menschen geflohen, werden sie fündig.

Als sich zwei Stasi-Mitarbeiter dem Toreingang der Strelitzer Straße 55 nähern, werden sie von Reinhold Furrer empfangen. Er geht davon aus, dass es sich um Fluchtwillige handelt. Unter dem Vorwand, schnell noch einen Freund holen zu müssen, verschwinden die beiden wieder. Umgehend holen sie Verstärkung. Kurze Zeit später erschallt plötzlich der Befehl „Durchladen“. Im schwachen Licht einer Taschenlampe erkennt Fluchthelfer Christian Zobel, der beim Tunneleinstieg helfen soll, DDR-Grenzsoldaten mit Maschinenpistolen. Zobel kehrt unversehrt zurück nach West-Berlin. Am nächsten Tag melden DDR-Medien die Ermordung des 21-jährigen Unteroffiziers Egon Schultz durch „westliche Terroristen“. Die DDR verlangt die Auslieferung der „Mörder“. Aber erst im Jahr 2000 wurde bekannt, dass Schultz versehentlich durch eine Maschinenpistolensalve des eigenen Kameraden tödlich getroffen worden war.

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