SERIE: GLÄUBIGE ADELIGE

Er steht ritterlich gegen die Glaubensverwässerung

Mönch und zugleich Graf: Gregor Henckel Donnersmarck über das Leben zwischen Armut und Reichtum und über die Aufgabe des Adels heute. Zweiter Teil der Artikelserie „Adel & Glaube“.
Altabt Gregor Henckel Donnersmarck
Foto: Stift Heiligenkreuz/ Elisabeth Fürst | Altabt Gregor Henckel Donnersmarck bei seinem 40-jährigen Priesterjubiläum am 1. August 2022.

Zwischen abgeschiedenem Klosterleben und dem öffentlichen Rampenlicht: Gregor Henckel Donnersmarck kennt beides. Als ehemaliger Abt des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz im idyllischen Wienerwald hütete er zwölf Jahre ein traditionsreiches Kloster mit seinen aktuell über 100 Mönchen. Doch zurückgezogen lebte Henckel Donnersmarck deswegen in seiner Amtszeit als Abt nicht: so besuchte 2007 der damalige Papst Benedikt XVI. Stift Heiligenkreuz und die dazugehörige Hochschule auf Einladung von Altabt Gregor hin, die Mönche des Konvents stürmten mit ihrer CD „Chant“, auf der sie den traditionellen Gregorianischen Choral singen, die Charts, ein Neffe des Mönches schrieb in dem Stift einen Teil seines Oscar-gekrönten Films „Das Leben der Anderen“ und brachte so einen Hauch Hollywood in den Konvent.

„Ich bin mein ganzes Leben lang geführt worden
und so wie es gelaufen ist, fühle ich mich unheimlich beschenkt.“

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Gregor Henckel Donnersmarck selbst, dessen Geburtsname eigentlich Ulrich ist und der zwischen seinem Nachnamen ein „von“ trägt, das wegen des österreichischen Adelsaufhebungsgesetzes gestrichen wurde, wird als „eine der bekanntesten christlichen Persönlichkeiten des Landes“ bezeichnet. Denn sowohl in säkularen Zeitungen als auch in Talkshows ist der Zisterziensermönch ein gern gesehener Gast – obwohl er dort mit Aussagen zum Papst und zur Verkündigung des Glaubens auch schon mal aneckt.

Doch genau darin sieht der aus schlesischem Adel stammende Graf heute die Aufgabe von Ritterorden. Wie es einst die Intention der Ritter war, den katholischen Glauben zu erhalten, so sollten sich auch heute Adelige öffentlich für die Lehre der Kirche einsetzen: „Katholische Aristokraten sollten sich der allgemeinen Tendenz der Glaubensverwässerung mutig und ritterlich entgegenstellen – sowohl öffentlich als auch im privaten Gespräch. Ich glaube, dass Reste der Aristokratie heute nur noch dort vorhanden sind, wo sich der Adel zum Glauben bekennt.“ Ohne blaues Blut kein Glaube – diesen Schluss zieht der Graf für sein eigenes Leben aber nicht. Auch dass es der Kirche heute besser ginge, wenn die Monarchie immer noch das vorherrschende politische System wäre, will der 80-Jährige so nicht unterschreiben: „Die Entwicklung der letzten 200 Jahre mag man in mancher Hinsicht bedauern, aber sie ist nun einmal so und wir müssen versuchen, das Beste daraus zu machen – durch aristokratische Absonderung werden wir nichts verbessern.“

Vielfältige Aufgaben in der Kirche

Er selbst ist als Aumônier-Vicaire des Ordens vom Goldenen Vlies und Konventualkaplan des Malteser-Ordens Seelsorger von zwei bedeutenden Ritterorden. Auf diese Positionen sowie sein blaues Blut generell meint Henckel Donnersmarck aber nicht stolz zu sein. „Meine Mutter hat mir mit zwei kräftigen Ohrfeigen ausgetrieben, stolz auf etwas zu sein, was ich selbst nicht verdient habe. Und diese Positionen habe ich nicht verdient, sondern ich bin erwählt worden.“

Dennoch spricht ein gewisser Stolz auf seine Vorfahren aus seiner Stimme, wenn er davon erzählt, wie sein Urgroßvater sich als Abgeordneter des Preußischen Landtags dagegenstellte, die katholische Kirche wie von Bismarck geplant unter die Obhut des Staates zu bringen. Und tatsächlich hängt an dem Namen eine lange Geschichte und ein beeindruckender Stammbaum: Insbesondere durch den Steinkohlebergbau und die Industrialisierung Schlesiens kam das Geschlecht Henckel Donnersmarck zu einem beachtlichen Vermögen: Graf Guido war 1913 mit einem Vermögen von rund 254 Millionen Mark die zweitreichste Person Preußens und erhielt vom deutschen Kaiser Wilhelm II. den Fürstentitel.

Vertreibung, Flucht, Vermögensverlust, Halt im Glauben

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Doch mit dem Vorrücken der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg wurde der Reichtum Geschichte: Abt Gregors Mutter, die aus Liebe zu seinem Vater von der evangelischen zur katholischen Kirche konvertiert war, floh mit dem Zweijährigen (damals noch Ulrich) nach Bayern, wo das protestantische Adelsgeschlecht Castell der Familie Schutz bot. Wenige Tage nach der Flucht brannten die sowjetischen Truppen den Familiensitz Schloss Romolkwitz nieder.

Vom wohlhabenden Adelshaus zu besitzlosen Flüchtlingen – diese abrupte Änderung zu verarbeiten, sei für die Familie nicht immer leicht gewesen, doch der christliche Glaube sei eine große Unterstützung gewesen, reflektiert Henckel Donnersmarck: „Der christliche Glaube war ein wichtiger Anhaltspunkt, denn dieser besagt, dass die menschlichen Bestimmungswerte nicht vom Besitz abhängen und ist somit gegen den Materialismus.“ Gegen das materialistische Leben entschied Henckel Donnersmarck sich später nochmals ganz bewusst.

Späte Nachfolge

War es ursprünglich der Traum des Altabtes Regisseur zu werden, entschied er sich doch nach dem Präsenzdienst beim Bundesheer für ein Studium an der Hochschule für Welthandel in Wien und arbeitete anschließend acht Jahre für die Speditionsfirma „Schenker & Co“, deren Tochterfirma „Schenker Spanien S.A.E.“ in Barcelona er als Geschäftsführer vier Jahre leitete. Doch trotz seiner steilen Karriere fehlte dem Wirtschaftsmanager etwas. „Ich war ein fauler und nicht sehr engagierter Christ und eine Hauptmotivation ins Kloster zu gehen, war, das zu ändern.“

Ein Schritt, der für viele in seinem Umfeld abwegig und nicht nachvollziehbar schien – auch für seine Mutter. „Meine Mutter war verzweifelt über die Entscheidung, denn sie hat den Eintritt ins Kloster mit ihrer ehemals protestantischen Seele vielleicht als eine Art Weltflucht wahrgenommen, das war es bei mir überhaupt nicht.“ Der Zisterziensermönch, der von einem Neffen auch neckend nicht als „Spätberufener“, sondern als „Spätgefolgter“ bezeichnet wird, hat den Schritt aber nie bereut.

Zufrieden im Schatten der Bäume

Er habe den Eintritt ins Kloster nie als Opfer empfunden: „Der Eintritt war völlig anders als ich erwartet hatte: Er war viel schöner. Ich bin nicht ausgestiegen, sondern in die mir geschenkte Berufung eingestiegen.“ Seine Berufung zum Priester durfte er anlässlich seines 40-jährigen Jubiläums erst kürzlich wieder feiern. Doch ansonsten zieht sich Henckel Donnersmarck immer mehr zurück: die Jahre der Oscar-Feiern und der Auftritte in Talkshows sind vorbei – auch seine Tätigkeit bei den Ritterorden möchte er allmählich abgegeben. Und der Altabt wirkt zufrieden damit, wie er während der ruhigen Mittagszeit im Schatten der Bäume von Stift Heiligenkreuz sitzt. „Ich bin mein ganzes Leben lang geführt worden und so wie es gelaufen ist, fühle ich mich unheimlich beschenkt.“

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