Eine nationale Reliquie

Vor vierzig Jahren kehrte Ungarns Nationalheiligtum aus dem US-Exil zurück.
Budapest
Foto: KNA | Omnipräsent: Die Stephanskrone ziert Freiheitsbrücke in Budapest.

Am 5. Januar 1978 landete die Air Force One gegen zehn Uhr abends auf dem Budapester Flughafen. Allerdings stand weniger die Ankunft der Delegation von US-Abgeordneten im Zentrum des Interesses, als vielmehr die Rückkehr des bedeutendsten ungarischen Nationalheiligtums; nach 33 Jahren Exil kehrte die heilige Stephanskrone zurück. Am darauffolgenden Dreikönigstag wurde die Krone – zusammen mit Szepter, Schwert, Reichsapfel und Krönungsmantel – im Kuppelsaal des Budapester Parlaments feierlich übergeben. US-Außenminister Cyrus Vance erklärte im Namen seines Präsidenten Jimmy Carter, „dieser historische und religiöse Schatz (...) sollte in Ungarn sein“ und der Kommunist Antal Apró begrüßte die Rückkehr dieser „unschätzbaren nationalen Reliquien“ – als Parlamentspräsident hatte er die Empfangsquittung unterzeichnet. Die Rückgabe der Stephanskrone war ein Zeichen der Entspannung während des Kalten Krieges. Seit 1990 krönt sie sogar wieder das ungarische Staatswappen.

Vor den Sowjets versteckt, von den Amerikanern sichergestellt

Die ungarischen Kronjuwelen waren 1944 vor der heranrückenden Roten Armee nach Westen in Sicherheit gebracht worden und nach der deutschen Kapitulation in die Hände der US-Army gefallen. Zunächst wollte man den Staatsschatz der neuen ungarischen Regierung übergeben. 1945 war schon die ebenfalls vor den Sowjets versteckte Handreliquie des heiligen Stephan unter Glockengeläut feierlich nach Budapest zurückgebracht worden. Dies hatte bei den Ungarn Hoffnungen, bei den sowjetischen Besatzern aber größtes Misstrauen geweckt – sie betrachteten das Land als Teil ihrer Einflusssphäre. Aus Angst vor prowestlichen Demonstrationen lehnten sie das Angebot der Amerikaner ab. 1947 schlug der ungarische Kardinal József Mindszenty vor, die Kroninsignien dem Vatikan zu übergeben, von wo die Stephanskrone im Jahr 1 000 der Legende nach gekommen sein soll – als Geschenk Papst Sylvesters II. für den später heiliggesprochenen König Stephan von Ungarn.

Stattdessen wurde sie in die Vereinigten Staaten gebracht und in Fort Knox verwahrt. Später bemühten sich auch die ungarischen Kommunisten um eine Rückgabe der Krone, doch die Zeiten waren nicht danach: Kalter Krieg, der Ungarnaufstand und seine blutige Niederschlagung – der Westen argumentierte, die 220 000 in Ungarn stationierten Sowjetsoldaten seien der Beweis dafür, dass das Land weder souverän noch frei sei. Die Stephanskrone aber sei das Symbol einer freien und unabhängigen Nation...

Immer wieder gestohlen, immer wieder versteckt, verbogen

Es war nicht das erste Mal in der Geschichte, dass die „heilige Krone“, wie die Stephanskrone in Ungarn genannt wird, auf Reisen war. Mehrmals wurde sie gestohlen oder musste vor Feinden in Sicherheit gebracht werden. Sie wurde versteckt, vergraben und versenkt. Einmal wurde sie sogar verloren und wiedergefunden – 1305 von dem zu seiner Krönung reisenden Otto dem Bayern. So krumm wie ihre Geschichte ist auch die Krone selbst, besteht sie doch aus zwei nachträglich zusammengefügten Teilen: der „griechischen“ und der „lateinischen Krone“. Auf das mit Perlen, polierten Edelsteinen und Zellschmelzplatten besetzte Golddiadem einer byzantinischen Frauenkrone wurden zwei goldene Bänder in Bügelform aufgenietet. Die Bänder tragen Email-Platten mit Aposteldarstellungen. Vier der Jünger aber fielen der Umarbeitung zur Krone zum Opfer und der Pantokrator in der Mitte musste brutal durchbohrt werden, um das Scheitelkreuz aufschrauben zu können. Vom Kronreif hängen Pendilien herab – in Granat-Anhängern abschließende Kettchen. Während die „griechische Krone“ aus der Regierungszeit des byzantinischen Kaisers Michael Dukas (1071–1078) stammt, kann die Montage der Bügel nur ungefähr ins 12. Jahrhundert datiert werden. Das für die Stephanskrone so charakteristische, schiefstehende Kreuz ist eine Zutat der frühen Neuzeit und sollte wohl ein früheres byzantinisches ersetzen – wobei nicht klar ist, wann und warum es verbogen wurde. Die wohl schönste Erklärung ist die, die Schräge des Kreuzes sei eine Verneigung vor Gott.

Über die Herkunft ihrer Einzelteile hinaus stellt die Stephanskrone auch als Ganzes ein geopolitisches Ost-West-Symbol dar: Sowohl die byzantinische als auch die römische Kirche warben um die Christianisierung der Magyaren, die erst im 9. Jahrhundert im Karpatenbecken sesshaft geworden waren. Fürst Geza entschied sich für Rom, bat um die Entsendung von Missionaren und ließ seinen Sohn auf den Namen des Passauer Diözesanheiligen Stephan taufen. Mit Stephans Krönung reihten sich die Ungarn endgültig in den Reigen der christlichen Völker ein. Gerade weil dies mit einer vom Papst gesandten Krone geschah, wurde deutlich, dass Ungarns Herrscher auf Augenhöhe mit den übrigen Monarchen Europas standen und nicht etwa unter der Oberherrschaft des deutschen Kaisers. Dies unterstreicht auch das ebenfalls von Sylvester II. verliehene Vorrecht, sich „Apostolische Könige“ nennen zu dürfen. So ist die Krone unlösbar mit dem nationalen Gründungsmythos verwoben. Nur derjenige war rechtmäßiger König, der mit ihr gekrönt wurde. Seit 1267 leisteten die Ungarnkönige auf sie ihren Treueeid. Nach altungarischer Rechtsauffassung war das gesamte Land Besitztum der Stephanskrone. Nicht im Erbrecht, sondern im gegenständlichen Symbol wohnt die Macht der ungarischen Wahlmonarchie; das Symbol aber war im Besitz der Stände – bis ins 19. Jahrhundert also des Adels und der Kirche. Heute ist sie im Besitz des Parlaments.

In ihrem Namen wurde Recht gesprochen und zu den Waffen gegriffen, wurden Verfassungen angenommen und Aufstände geprobt, Revolutionen durchgeführt und Freiheitsrechte erkämpft. Als mit dem letzten österreichischen Kaiser Karl die Habsburgerherrschaft unterging, bestand in Ungarn die Heilige Krone als Institution weiter; als Monarchie ohne Monarch; die Krone war Staatsoberhaupt geworden.

Bis heute gilt die Heilige Krone als Symbol für die staatliche – auch verfassungsmäßige – Kontinuität Ungarns und die Einheit der ungarischen Nation. Auch während des Gulaschkommunismus', als das Land gezwungenermaßen Teil Ostblocks war, stand sie für das Selbstverständnis der Ungarn, Teil der spirituellen, kulturellen und geistesgeschichtlichen Traditionen Westeuropas zu sein – einer Verbindung, die auf die Krönung des Heiligen Stephan zurückgeht. Auf diese Werte berufen sich die Nationalkonservativen um den ungarischen Regierungschef Viktor Orbán. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich auch deren Skepsis gegenüber EU-Europa verstehen. Kritisch werden all jene Direktiven aus Brüssel hinterfragt, von denen man in Budapest der Auffassung ist, dass sie an Ungarn vorbei oder über die Interessen des Landes hinweg gefällt wurden. Dazu kommen die jahrhundertelangen, leidvollen Erfahrungen mit Fremdherrschaft und Besatzung – Erfahrungen, die alle Länder des ehemaligen Ostblocks teilen.

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Georg Blüml Frühe Neuzeit (1517 - 1899) Heiligtum Jimmy Carter József Mindszenty Ungarische Regierungen Viktor Orbán

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