London

Ein verstecktes Juwel

Londons älteste Pfarrkirche, St. Bartholomew the Great, hat kurz vor ihrem 900. Gründungsjubiläum die Lady Chapel renoviert. Sie blickt auf eine dramatische Geschichte zurück.
St. Bartholomew the Greath, Londons älteste Pfarrkirche
Foto: CH | Verborgen: Londons älteste Pfarrkirche St. Bartholomew the Greath.

Verborgen hinter einem schmalen Fachwerktorhaus aus der Tudor-Zeit, ein paar hundert Meter nördlich der St. Paul‘s Kathedrale, liegt Londons älteste Pfarrkirche St. Bartholomew the Great. Wer den kleinen Durchgang nicht kennt, kann leicht vorbeilaufen. Über einen Hof gelangt man zum Portal. Im Inneren der Kirche umfängt den Besucher eine magische Stille, die Augen müssen sich erst an die dunklen Räume gewöhnen. Es herrscht eine ganz besondere Stimmung in dieser Kirche aus normannischer Zeit mit ihren mächtigen romanischen Mauern, gedrungenen Säulen und Hufeisenbögen.

Kaum ein Gotteshaus in der Themse-Metropole kann auf eine bewegtere Geschichte zurückblicken. In welchem anderen Gemäuer erschien sonst noch die Jungfrau Maria, wie ein Mönch im 12. Jahrhundert berichtete (die Lady Chapel ist tatsächlich der einzige Ort einer Marienerscheinung in ganz London), arbeitete später, nach der Reformation und der Auflösung des Klosters, der junge Benjamin Franklin in einer Druckerei und wurde Hugh Grant in „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ (beinahe) verheiratet? Über Jahrhunderte verfiel das säkularisierte Kloster zur Ruine; Gebäudeteile wurden als Stall, Schmiede, Lager, Schule und Fabrik genutzt, bevor man die Kirche wieder aufbaute.

Marienkapelle war einsturzgefährdet

Und erst voriges Jahr war wieder einmal das Dach der Marienkapelle einsturzgefährdet. Die Balkenkonstruktion verrottete, Wasser drang ein und ruinierte die Mauern. Nur durch eine private Spendenaktion, die der Historiker und Filmemacher Tom Holland tatkräftig unterstützte, kam etwa eine Drittel Million Pfund zusammen, um das Dach zu erneuern und die Kapelle zu retten. Vor ein paar Tagen ist die Lady Chapel wiedereröffnet worden, an deren hinterer Wand ein größeres Altargemälde „Madonna mit Kind“ des spanischen Malers Alfredo Roldán hängt, der sich an Matisse und Modigliani orientiert hat.

Was man heute in St. Bartholomew the Great sieht, sind die Reste einer einst viel größeren Klosterkirche und Anlage, die ein Mann namens Rahere im Jahr 1123 gegründet hat. Rahere war ein Höfling des normannischen Königs Heinrich I., des Sohns von William dem Eroberer. Er soll als Musikant und eine Art Hofnarr sehr beliebt gewesen sein. Mit der Zeit hatte Rahere aber genug vom Späßemachen und wurde Priester. Als der ganze Hof nach dem Untergang des White Ships um den gestorbenen Thronerben 1120 trauerte, ging Rahere auf Pilgerschaft nach Rom, wo er an Malaria erkrankte und in der pflegenden Obhut von Mönchen knapp überlebte.

Kirchbau nach einem Gelübde

Einem Gelübde folgend, begann Rahere nach seiner Rückkehr nach Britannien in Smedfeld (Smithfield), vor den Stadtmauern Londons, mit dem Bau einer großen Klosterkirche und einem Hospital mit einer kleineren Kapelle, das noch heute zu den wichtigen Krankenhäusern der City zählt. Beide benannte er nach dem Apostel Bartholomäus, der nach der Legende bei seinem Martyrium gehäutet wurde. Besucher der Kirche sehen heute im südlichen Querschiff eine blitzend-goldene Skulptur des Künstlers Damien Hirst, der den lebensgroßen Märtyrer mit seiner abgezogenen Haut am ausgestreckten Arm darstellt. Das Grabmal des Gründers Rahere, der 1145 verstarb, liegt auf der anderen Seite nahe dem Altar. Besonders in Pestzeiten war es ein stark frequentierter Pilgerort.

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In der Probstei St. Bartholomew versorgten vierhundert Jahre lang Augustinermönche Kranke und Arme, ließen Besucher und Pilger übernachten. Das Kloster expandierte immer mehr. Smithfield, am Rand der Stadt gelegen, war damals ein Ort für beliebte Jahrmärkte und Feste, zeitweilig auch für Turniere und grausame Exekutionen; hier wurden Aufständische der Bauernrebellion des Wat Tyler enthauptet und später Lollarden als Ketzer verbrannt.

Im Charterhouse neben der Kirche debattierten Gelehrte wie Thomas Morus und Erasmus von Rotterdam. Die Markttradition ist in Smithfield bis heute lebendig: In den Hallen der London Central Markets von 1886, einen Steinwurf von der Kirche entfernt, herrscht jeden Werktag frühmorgens gewaltiger Betrieb und an die fünfhundert Tonnen Fleisch werden verkauft, um die acht Millionen Londoner sattzubekommen.

Londoner Seuchengeschichte

Historiker Tom Holland betont, wie eng die Kirche und das Hospital St. Bartholomew mit der Seuchengeschichte Londons verbunden ist, was in Corona-Zeiten in die Erinnerung kommt. Nicht nur fielen dem Schwarzen Tod Mitte des 14. Jahrhunderts etwa ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer, 1666 wütete die Pest abermals in London und raffte fast ein Viertel der Gemeindemitglieder hinweg. Kurz zuvor, 1665, war das Kloster nur knapp dem Großen Brand entgangen, der fast die ganze Innenstadt und über 80 Kirchen vernichtete. Das mörderische Feuer konnte ein paar Straßen vor St. Bartholomew gestoppt werden; heute erinnert an diese Stelle in der Giltspur Street die Figur „The Golden Boy of Pye Corner“ an die Katastrophe.

Zu dieser Zeit war allerdings von der einst prächtigen Probstei St. Bartholomew kaum noch etwas vorhanden. Heinrich VIII. hatte 1539 alle Klöster aufgehoben und ihren Besitz verkaufen lassen. Die Mönche von St. Bartholomew wurden mit einer kleinen Pension abgespeist und fortgeschickt; ihr Prior Robert Fuller, offenbar ein gerissener Mann, bekam die Gebäude übertragen, er starb aber ein Jahr später, so dass der ganze Klosterkomplex schließlich – nach einem kurzen Zwischenspiel von Dominikanern in der Zeit von Königin Mary –, an den korrupten Lordkanzler Lord Rich fiel, der sich in der Reformationszeit massiv bereicherte und das Kloster demolierte.

Lange Zeit säkulare Nutzung

Dreieinhalb Jahrhunderte lang wurde der Großteil der Gebäude von St. Bartholomew säkular genutzt. Die Lady Chapel etwa baute man zu einem zweigeschossigen Wohnhaus um, im frühen 18. Jahrhundert richtete dort ein Drucker seine Werkstatt ein. 1725 kam ein junger Mann aus Amerika. Benjamin Franklin, fünfzig Jahre später einer der Autoren der Unabhängigkeitserklärung der USA, war aus Pennsylvania geschickt worden und sollte Druckmaschinen kaufen; er arbeitete einige Zeit als Setzer und Lehrling in der Lady Chapel. In die Sakristei zog ein Schreinermeister ein, im Kirchenschiff hämmerte ein Hufschmied und der Rauch seines Feuers zog hinüber zu dem Raum der Restkirche, in dem Methodisten ihre Gottesdienste feierten.

Teile des Kirchenschiffs stürzten ein, man benutzte die massiven Mauern als Steinbruch und legte dazwischen einen Friedhof an. Auf der nördlichen Galerie mit den normannischen Bogenfenstern wurden in einigen Räumen eine Schule eingerichtet, die im frühen 18. Jahrhundert bis zu 150 Kinder besuchten. Andere Gebäudeteile nutzten Bauern als Ställe, Geschäftsleute lagerten Waren in den Hallen oder betrieben kleine Fabriken.

Ursprünge in normannischer Zeit

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts besann man sich auf den Wert der Kirche mit ihren Ursprüngen in der normannischen Zeit und begann seit den 1860er Jahren mit Plänen für ein großes Wiederaufbau- und Restaurierungsprogramm, das zur Rekonstruktion der romanischen Apsis und des Kirchenschiffs unter dem Architekten Sir Aston Webb führte. 1921 war der Wiederaufbau fertig. So „schlüpfte die Kirche nach jahrhundertelangen Verletzungen wie ein Schmetterling aus einem Kokon wieder aus“, wie Rena Gardiner, eine bekannte Zeichnerin und Autorin historischer Bücher, in ihrer liebevoll illustrierten Kirchengeschichte schreibt.

Heute ist St. Bartholomew ein Geheimtipp in London, den nur wenige Besucher der Weltmetropole kennen. Während sich in Vor-Corona-Zeiten Touristenmassen um St. Paul?s herum drängten, verirren sich in die romanische Pfarrkirche einen halben Kilometer nördlich nur wenige.

Die Gottesdienste dort sind speziell: St. Bartholomew the Great gehört zur sogenannten anglo-katholischen Strömung in der Church of England, die das liturgische Erbe und Traditionen der Alten Kirche hochhält. Die Pfarrkirche erhält weder von der Church of England noch vom Staat Geld, sondern muss sich rein aus Spenden und Beiträgen der Gemeindemitglieder finanzieren.

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