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Ein Pionier der Zeitgeschichte

Rudolf Morsey war als Historiker prägend für die Forschung zum politischen Katholizismus. Ein Nachruf.
Rudolf Morsey
Foto: imago stock&people | Davor steht oft ein kluger Kopf: Rudolf Morsey vor gut gefüllter Bücherwand.

„Geschichte, die noch qualmt“ – so hat die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman einmal die Zeitgeschichte bezeichnet. Rudolf Morsey, der nun im Alter von 96 Jahren gestorben ist, war ein wahrer Meister dieser geschichtswissenschaftlichen Zunft. Wie alle seine Generationsgenossen stand Morsey, Jahrgang 1927, förmlich mitten im Qualm. Das Scheitern der Weimarer Republik, das NS-Regime mit seinen Verbrechen und der verlorene Weltkrieg – diese Ereignisse riefen die Frage auf: Wie konnte es dazu kommen? Damit verbunden war freilich auch immer eine andere andere Aufgabe: Wie kann künftig so etwas verhindert werden?

Vor allem der zweite Punkt erklärt den großen Erfolg der Zeitgeschichte in der Bundesrepublik. Ihre Erkenntnisse hatten unmittelbaren Einfluss auf die politische Kultur. Diese Konstellation birgt allerdings auch ihre Gefahren. Schnell kann die Rolle des Zeithistorikers in die des Demokratie-Lehrmeisters umkippen, der seine Forschungen dazu instrumentalisiert, seine politische Meinung in die Öffentlichkeit zu tragen. Dieser Versuchung ist Rudolf Morsey nie erlegen. Ganz im Gegenteil: Er ist geradezu der Inbegriff des soliden Historikers, der eng an den Quellen arbeitet.

Experte für Adenauer und Brüning

Morsey hat wie wenige andere die Forschungen zum politischen Katholizismus geprägt, besonders zur Zentrumspartei und der Christdemokratie. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf Konrad Adenauer und Heinrich Brüning. 1962 zählte Morsey zu den Gründern der Kommission für Zeitgeschichte, jener Institution, die ganz wesentlich zur Erforschung des politischen und sozialen Katholizismus beigetragen hat. Eine große Biographie widmete Morsey Heinrich Lübke, dem so oft verkannten zweiten deutschen Bundespräsidenten. Eines seiner letzten Bücher galt Fritz Gerlich, dem „frühen Gegner Hitlers und des Nationalsozialismus“, für den seit 2017 ein Seligsprechungsprozess läuft.

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Der gläubige Katholik Morsey stammte aus dem Westfälischen, nach Kriegsdienst und Gefangenschaft studierte er in Münster. Prägend für ihn wurde die Begegnung mit dem Priester Georg Schreiber (1882-1963), einem der sogenannten „Zentrumsprälaten“. Schreiber hatte in Weimarer Zeit dem Reichstag angehört, dem jungen Morsey gab er nun wichtige Impulse und Anregungen für dessen wissenschaftliche Arbeit.

Besonders verbunden fühlte sich Rudolf Morsey der Görres-Gesellschaft. In einer Studie untersuchte er die Geschichte dieses Zusammenschlusses katholischer Wissenschaftler in der NS-Zeit. 2003 wurde er mit dem Ehrenring dieser ehrwürdigen Sozietät ausgezeichnet.

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Sebastian Sasse Das dritte Reich Heinrich Brüning Katholikinnen und Katholiken Weimarer Republik Zeitgeschichte Zeithistoriker

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