Ein Leben, geprägt vom „Überleben!“

Zu Besuch bei dem jüdischen Zeitzeugen Adi Bader. Von Constantin und Ulrike von Hoensbroech
Adi Bader - Jüdischer Weltenbummler aus Köln
Foto: Foto: | Jüdischer Weltenbummler aus Köln: Adi Bader. privat

Der morgendliche Weg von der heimatlichen Wohnung in der Engelbertstraße bis zur Schule führte Adi Bader auch immer an dem großen Kaufladen eines Kölner Juden vorbei. „Am 10. November 1938 kam ich dort vorbei, die großen Fensterscheiben waren alle zersplittert, das Geschäft verwüstet“, erinnert sich der 87-Jährige und fügt hinzu: „Oft haben wir dort an der Ecke Weyerstraße/Mauritiussteinweg gestanden, durch die großen Glasscheiben geschaut und die Waren betrachtet.“

Ein Gefühl der Bedrohung spürte er zunächst nicht

Ein Gefühl der Bedrohung habe er dabei eigentlich nicht so sehr empfunden, und die Zusammenhänge, dass die Verwüstungen des Ladens den Ausschreitungen der vorangegangenen Nacht geschuldet waren, habe er erst viel später erfahren. „Zwar gab es insbesondere unter den jüdischen Jugendlichen eine gewisse Angst“, so Bader. „Aber ich war bei der Kristallnacht sieben Jahre alt und hatte bis dahin immer nur zu hören bekommen, ich solle mich gut und unauffällig benehmen.“ Das sagte sein Vater auch zu ihm, als sie an der Litfaßsäule unweit der Synagoge an der Roonstraße standen und auf die Seiten der dort aushängenden antisemitischen Wochenzeitung „Der Stürmer“ blickten. Was das aber alles genau bedeutete und warum er sich so verhalten sollte, verstand er erst nach und nach während des Krieges.

Sein Vater ließ ihn kurz vor Kriegsbeginn nach Belgien schmuggeln, wo ein christliches Ehepaar ihn bei sich aufnahm und ihn als seinen Sohn ausgab. Dort erreichte ihn eine Karte seines Vaters, mit der er mitteilte, er sei nun im Gefängnis im Kölner Stadtteil Müngersdorf. „Ich wusste erst überhaupt nicht, warum“, sagt der gebürtige Kölner mit dem bis heute deutlich hörbaren rheinischen Singsang in der Stimme. Später brachte ihn seine Pflegemutter in ein orthodoxes jüdisches Kinderheim in Antwerpen. „Sie meinte, dass ich nun einen gelben Stern tragen müsse und dass sie das nicht wolle“, erzählt der gebürtige Kölner, Jahrgang 1931, Uhrmachermeister und – nach eigener Angabe – Weltenbummler. Er könne sich an die Vorkriegsjahre in Köln nur noch verschwommen erinnern, „aber ich habe nichts vergessen“. Sein Vater und seine Stiefmutter – Baders leibliche Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben – wurden wie auch ein Bruder nach Minsk deportiert und dort ermordet, ein weiterer Bruder wurde in Auschwitz getötet.

Seit 1956 lebt Bader, mit einigen Unterbrechungen, wieder in Deutschland, nun in Düsseldorf. Auf die Frage, was sein Leben geprägt hat, kann der vierfache Vater zunächst nicht antworten. Tränen schießen ihm in die Augen, und dann presst er mühsam nur ein Wort hervor: „Überleben!“

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