Geschichte

Echos von Cluny

Vom kometengleichen Aufstieg und jähem Fall einer Abtei.
Cluny Abbey, Cluny, Saone-et-Loire Department, Burgundy Region, Maconnais Area, France, Europe (Javier Larrea)
Foto: Javier Larrea/Imago | Immer noch ein eindrucksvolles Gebäude: die Abtei von Cluny.

Cluny. Allein der Name lässt Superlative aufleuchten! Die in überirdischem Glanz erstrahlende Kirche, der unerhörte Reichtum der Abtei und die unvergleichliche Macht ihrer Äbte. Bei der laus perennis, dem engelsgleichen, ununterbrochenen Gotteslob, versprach Cluny das perfekte Mönchsleben. Wo der heilige Benedikt nur 37 Psalmen pro Werktag vorgesehen hatte, kam der Cluniazenser auf ein Tagespensum von 215. Eine weitere Besonderheit von Cluny war das Totengedächtniswesen. Einmal ins klostereigene Totenbuch eingetragen, war garantiert, dass für die Seele des Verstorbenen gebetet wurde. Immer. Auf ewig. In einem Zeitalter, in welchem die Politiker ihr Gewerbe nicht so subtil wie heutzutage betrieben, sondern noch klassisch mit Mord und Totschlag, versprachen die cluniazensisch reformierten Klöster dadurch ein direktes Ticket ins Himmelreich.

Für den Adel war dieser hochtourige Seelengedenk-Service ein attraktiver Grund, das Eigenkloster der Familie dem Abt von Cluny zu überlassen. Dieser entsandte dann prompt einen cluny-geschulten Prior dorthin, um die betfaulen Klosterkollegen spirituell auf Trab zu bringen und den Klosterschenker von seiner Sündenlast zu befreien. So verfügten die Cluny-Äbte bald über ein Netzwerk aus über 1 000 Klöstern mit geschätzten 20 000 Mönchen und Nonnen und mischten auch in der großen, europäischen Politik mit.

Hochblüte im 11. Jahrhundert

Ihre Hochblüte erreichte die 910 gegründete Mutterabtei schon im 11. Jahrhundert. In kürzester Zeit wurden hintereinander drei Abteikirchen gebaut, denn kaum war die eine fertig, war sie schon wieder zu klein geworden – so groß war der Andrang der Postulanten, die Einlass in die Klosterfamilie begehrten. Bereits Mitte des 12. Jahrhunderts war wieder damit Schluss, denn im nur 100 Kilometer entfernten Kloster Cîteaux regte sich Widerstand gegen das Dauerbeten. Ora ET labora hatte Benedikt gefordert; nicht nur beten, sondern auch arbeiten! So übernahmen die Zisterzienser die Reform der Reform und mit Cluny ging es bergab. Zwar schwang man sich dort noch einmal zu Höchstleistungen auf und konnte 1230 mit Cluny III das gewaltigste Gotteshaus der mittelalterlichen Christenheit einweihen; einen Triumph der Hochromanik. Die Abtei aber hatte an Strahlkraft verloren und geriet bald unter die Knute der französischen Könige.

Opfer der Revolution

Im 16. Jahrhundert lief der Neubau des Petersdoms der Abteikirche den Rang ab und nach 1516 wurde der Stuhl des Abtprimas nur noch kommendatarisch vergeben – vom König, der damit verdiente Berater belohnte, ohne dass diese dort hätten wohnen müssen. Unter anderem bekleideten die Kardinäle Richelieu und Mazarin das Amt. Der vorletzte Abt rang sich wenigstens noch zum Neubau der heruntergekommenen Konventsgebäude durch, weswegen nach 1750 ein phantasieloser Neubau in frühklassizistischen Formen entstand, wie sie für das französische Rokoko typisch sind. Kaum fertig gestellt, hoben die Revolutionäre das Kloster 1790 auf, die Abteikirche wurde auf Abbruch verkauft und die unersetzlichen Archive verbrannt; auf dem Altar der Nation brannten auch Gebeine der Klosterheiligen – Clunys kometengleicher Aufstieg und jäher Fall.

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So nimmt es nicht Wunder, dass der heutige Besucher Clunys nur noch vor einer Trümmerstätte steht. Durch das Kirchenschiff wurde im 19. Jahrhundert eine Straße gebaut, und außer einigen Säulenstümpfen und Mauerresten ragt nur noch ein Seitenturm wie ein hohler Zahn auf. An Größe und Eleganz hätte er wohl einer jeden Kirche in Burgund zur Ehre gereicht – hier jedoch war er nur einer von sechsen. Erhalten ist auch noch der Getreidespeicher mit seinem beeindruckenden Dachstuhl und der frühklassizistische Konventsbau, der aber eine Niederlassung der École des Arts et Métiers beherbergt, der Technischen Eliteuniversität. Vom Prunk der Kirchenausstattung finden sich in dem zentralfranzösischen Städtchen ansonsten nur noch Schattenbilder. Jedoch nicht an Gotteshäusern lassen sie sich entdecken, sondern an den Häusern der Bürger, die einst vom Reichtum ihrer Abtei profitierten und sich herrschaftliche Fassaden leisteten. So manches Gebäude im Stadtbild verfügt daher über elegante Rundbogenarkaden, wohlproportionierte Säulen und aufwändige Gesimse. Geschaffen wurden sie von den selben Steinmetzen, die auch an der Kirchenbaustelle arbeiteten; außer zum Ruhme Gottes meißelten sie sozusagen im Nebenerwerb Romanik für den Menschen.

Stilprägend für Europa

Ansonsten sind die Echos von Cluny vor allem außerhalb des Heimatortes zu erspüren, denn die Abtei und ihre Kirche wirkten stilprägend in ganz Europa und wurden nicht selten nachgeahmt. Eine Taschenausgabe von Cluny III etwa gibt es in der nur 50 Kilometer entfernten Kleinstadt Paray-le-Monial zu bewundern. Die heute als Sacré Cœur bekannte Wallfahrtskirche war ursprünglich der Mutter Gottes geweiht. Im Gegensatz zu ihrem verschwundenen Vorbild, dessen Grundriss ein Bischofskreuz mit zwei Querbalken nachzeichnete, verfügt Sacré Cœur nur über ein einziges Querhaus. Auch gibt es in Paray nur drei Kranzkapellen im Chorumgang gegenüber den fünfen von Cluny. Und natürlich sind die Dimensionen deutlich geringer: Cluny war 187 Meter lang und fünfschiffig; allein das mehr als 30 Meter hohe Hauptschiff war über 12 Meter breit – Paray verfügt dagegen über nur drei Schiffe, die Länge beträgt keine 50 Meter und das Hauptschiff erreicht knappe 8 Meter Breite bei 22 Metern Höhe.

Allerdings gibt es auch hier zwei Vorgängerbauten, denn das cluniazensische Priorat profitierte von seiner lukrativen Lage an einem der Jakobswege. Paray I, das bereits vom heiligen Odilo konsekriert wurde, einem der fünf großen Äbte von Cluny, hätte im heutigen Kirchenbau Platz gefunden. Noch unter seiner Regierungszeit wurde das Bauwerk zu Paray II erweitert, indem man einen frühromanischen Narthex anbaute, dessen markante Doppelturmfassade sich bis heute erhalten hat. Im Inneren besticht Paray heutzutage durch den reizvollen Kontrast zwischen dem reinen Weiß seiner Wände und Gewölbe und dem beigefarbenen Sandton der architektonischen Elemente; Wandmalereien haben sich nicht erhalten.

Abbild der Mutterkirche

Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wie Cluny III ausgemalt gewesen sein könnte, findet die Antwort im keine zehn Kilometer von Cluny entfernten Dorf Berzé-la-Ville. Der ebenfalls heilig gesprochene Bauherr der dritten Abteikirche, Abt Hugo der Große, der auch ein gefragter Vermittler im Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst war, gründete hier um 1100 ein Priorat für die Novizen der Abtei. Erhalten hat sich die Chapelle des Moines, die Mönchskapelle, ein kleiner, einschiffiger Raum mit Tonnengewölbe über einer kryptenartigen Unterkirche. Die Fresken an den Wänden des Chores und der Apsis zählen zu den Hauptwerken europäischer Wandmalerei der Romanik. Über dem Altarraum thront Christus in der Mandorla inmitten der Apostel. Zu sehen ist die Schlüsselübergabe an Petrus in Anwesenheit von Priestern und Diakonen. Darunter befindet sich eine Reihe von drei Rundbogenfenstern, deren Nischen von kleinen Säulen gerahmt werden. In den Zwickeln zwischen den Fenstern sind Heilige gemalt, als seien sie byzantinischen Ikonen entstiegen. Die Bilder der beiden seitlichen Blendnischen zeigen die Enthauptung des Heiligen Blasius und das Martyrium des Heiligen Laurentius. Nur sieben Farben hatten der oder die Maler auf ihrer Palette – Rauchschwarz, Bleiweiß, Grün, Blau, gelbes und rotes Ocker sowie Zinnober. Alles Übrige war daraus zu mischen. Vergleiche mit den letzten erhaltenen Fragmenten in der Mutterkirche Cluny III ergaben, dass die Malereien der Chapelle des Moines derselben Werkstatt entstammen; für die Novizen war dem heiligen Hugo nur das Beste gut genug.

Ein Klon in der Schweiz

Auch von Cluny II hat sich ein Klon erhalten; allerdings etwas weiter entfernt in der Westschweiz. Die zwischen Genfer und Neuenburger See gelegene Abtei von Romainmôtier soll der Legende nach die früheste Klostergründung im schweizerischen Raum und später in den Besitz der hochburgundischen Könige übergegangen sein. Jedenfalls verschenkte König Rudolf I. das Kloster des heiligen Romanus an seine Schwester Adelheid als Mitgift, die es wiederum an Abt Odo von Cluny weitergab, der damals gerade dabei war, den Grundstock für Clunys späteres Klosterimperium zu legen. So lag es nur auf der Hand, dass er Romainmôtier nach dem Vorbild seiner Abteikirche umgestalten ließ. Der dreischiffige Bau mit seinen dicken Säulen atmet noch viel vom Geist der Erbauungszeit um das Jahr 1000, auch wenn ihn spätere Jahrhunderte mit ihren Moden nicht unbehelligt ließen.

Aus dem Vorgängerbau hat sich sogar noch ein Ambo mit schönem Flechtdekor erhalten. Ob es dem passionierten und später heilig gesprochenen Musikliebhaber und Choralkomponisten Odo gefallen hätte, dass seine Kirche regelmäßig auch für Konzerte genutzt wird? Romainmôtier jedenfalls hat die Reformation überdauert, indes vom Jahrtausendkunstwerk Cluny, diesem Schatz der Christenheit, nicht viel mehr geblieben ist, als ein verstreutes Puzzle. Es lohnt, sich danach auf die Suche zu begeben; ein Eintrag in die UN-Welterbeliste wird vorangetrieben. Zumindest elf der cluniazensischen Stätten in der Schweiz erklärte der Europarat 2005 schon mal zu einem „Kulturweg“.

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