Tradition

Die Stadt der drei Weihnachten

Früher war Suleiman Abu Dayyeh Sozialwissenschaftler, nun ist er Reiseleiter in Bethlehem.
Suleimann Abu Dayyeh
Foto: privat | Suleimann Abu Dayyeh studierte in Bonn, Bochum, Münster und Bremen.

Absturz und Wiederauferstehung hätten nicht jäher, abrupter, schneller sein können. Stöhnten im Herbst 2019 Reisebüros und -leiter sowie Busfahrer ob der Touristenmassen und Wartezeiten an heiligen Stätten, so taten sie dasselbe drei, vier Monate später wegen ausbleibender Pilgergruppen. Nun hat sich der Tourismus im Heiligen Land schneller erholt als gedacht. Suleiman Abu Dayyeh aus Bethlehems Nachbarort Beit Jala war deshalb „stärker eingespannt als ich wollte“. Der Sozialwissenschaftler, der jahrzehntelang bei der Friedrich-Naumann-Stiftung in Jerusalem tätig war und seit kurzem im Ruhestand ist, betrachtet die Reiseleitung als Hobby. Wegen der starken Nachfrage hat er jedoch fast 15 Gruppen in diesem Jahr durch Israel und Palästina geführt, mehrheitlich deutsche, aber auch US-Amerikaner, Kanadier und Schweizer. Auch ihn hat es überrascht, dass der Tourismus so schnell „wieder auflebt“. Der Mittsechziger gibt jedoch angesichts von 12-, 13-Stunden-Tagen zu bedenken, dass das Führen einer 25- bis 35-köpfigen Gruppe „mit viel Arbeit und Anstrengung verbunden und entgegen der allgemeinen Meinung eine schwierige Aufgabe ist“.

Weihnachtsmarkt in Bethlehem

Seine letzte Gruppe, Katholiken aus Weingarten, hat nicht schlecht gestaunt: erstens über den Weihnachtsmarkt auf Bethlehems Krippenplatz, und zweitens, dass Glühwein ausgeschenkt wurde. „Sie waren absolut überrascht und außer sich, vor allem, weil sie Glühwein trinken konnten.“ Dabei ertönte arabische Weihnachtsmusik ebenso wie englischsprachige. Schon seit Jahren stellt die Stadtverwaltung Bethlehem zusammen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen einen solchen Markt auf die Beine. Der Plastik-Christbaum auf dem Platz vor der Geburtsbasilika wird immer schon zu Beginn der Adventszeit aufgestellt und entzündet – so wie es auch in Ramallah oder Jericho geschieht. Überall sei es ein „Riesenfest“ unter Beteiligung der muslimischen Mehrheitsbevölkerung, erklärt Abu Dayyeh, der in Bonn, Bochum, Münster und Bremen Sozialwissenschaften studiert hat. Lediglich im christlich-muslimischen Örtchen Zababdeh bei Jenin im nördlichen West-Jordanland seien die Feierlichkeiten abgesagt worden – wegen der vielen Toten in und um Jenin, vor allem im Flüchtlingslager. Schon im November bezeichneten die Vereinten Nationen dieses Jahr als das „tödlichste“ im Westjordanland seit 2005. Kann da Weihnachtsstimmung unter den etwa 50 000 palästinensischen Christen zwischen Jenin und Hebron aufkommen? Abu Dayyeh: „Dort wo Christen leben, versuchen sie, Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen.“ So sind die drei Städte im sogenannten christlichen Dreieck Bethlehem – Beit Jala – Beit Sahour weihnachtlich-festlich geschmückt und illuminiert. „Man spürt, dass etwas Besonderes stattfindet und dass man sich auf Weihnachten vorbereitet.“

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Advent ist eher eine westliche Tradition

Kennen palästinensische Christen Adventsbräuche? „Nicht so sehr“, räumt der Reiseleiter, selbst lutherischer Christ, ein. „Advent ist eher eine westliche Tradition“, erklärt er, dessen Urgroßvater 1898 den deutschen Kaiser Wilhelm II. in Jerusalem traf. Laut Abu Dayyeh ist angesichts der vorherrschenden Konfession griechisch-orthodox unter den Palästinensern des Westjordanlandes der Adventskranz weitgehend unbekannt, zudem verschiebe sich wegen des julianischen Kalenders alles um 13 Tage. Diese Christen feiern nämlich erst am siebten Januar ihr Weihnachten. Abu Dayyeh selbst war am dritten Advent in der evangelischen Reformationskirche in Beit Jala und „verspürte etwas von Advent beim Anzünden der Kerzen“. Er und seine römisch-katholische Frau – sie war mal palästinensische Tourismusministerin und Botschafterin in Berlin – haben in guter deutscher Tradition einen Adventskranz in ihrer Wohnung. Abu Dayyeh ist es wichtig, an etwas Einmaliges zu erinnern: Von Präsident Yasser Arafat eingeführt ist der 25. Dezember und der siebte Januar ein gesetzlicher Feiertag. „Das ist einmalig in der arabischen Welt, ja eigentlich weltweit, weil nirgendwo zweimal Weihnachten gefeiert wird.“ An diesen beiden Tagen sind palästinaweit Universitäten, Schulen, Banken, Postämter geschlossen. Genau genommen weihnachtet es sogar dreimal in Bethlehem: am 18. Januar feiert die armenisch-apostolische Kirche Weihnachten; ein gesetzlicher Feiertag ist das jedoch nicht.

Somit ziehen Patriarchen dreimal durch das eigens für sie geöffnete Metalltor in der israelischen Sperrmauer; je nach Perspektive heißt sie Sicherheitsbarriere, Apartheidmauer oder Landraubwall. Am 24. Dezember macht der lateinische Patriarch Pizzaballa – höchster katholischer Bischof des Heiligen Landes – den Anfang. Von seinem Amtssitz in Jerusalems Altstadt macht er sich nach Bethlehem auf und wird beim griechisch-orthodoxen Mar Elias-Kloster, etwa 500 Meter vor der Mauer und noch im Stadtgebiet Jerusalems, vom Bürgermeister Beit Jalas begrüßt. „Dort begann zu osmanischer Zeit die Grenze Beit Jalas“, erläutert Abu Dayyeh die Hintergründe. Dann, nach Durchschreiten des Metalltores der Mauer, wird er am Rachelsgrab vom stellvertretenden Bürgermeister Bethlehems sowie dem Bürgermeister Beit Sahours (Ort der Hirtenfelder) willkommen geheißen. Weiter zieht er durch die Sternengasse in Richtung Krippenplatz, wo er vom Bürgermeister und den Honoratioren empfangen wird. Hanna Hanania, seit kurzem Bürgermeister von Bethlehem, sagte am 3. Dezember in der Zeremonie, in der die Lichter des Christbaums auf dem Krippenplatz entzündet wurden, am Ende seiner langen Rede: „Mit seinem Licht senden wir eine Botschaft an die ganze Welt. Die Stärke Bethlehems liegt in seiner Botschaft und seiner Fähigkeit, die Welt im weihnachtlichen Geist zu einen, der von der Grotte ausgegangen ist. Diese Botschaft könnte das Weltgewissen aufrütteln, um sich auf die Seite der Wahrheit zu stellen, sprich auf die Palästinas. Von dem Land, das Gott mit der Geburt des Jesuskindes segnete und vom Ort, an dem das Wort Fleisch wurde, heiße ich Sie alle nochmals willkommen und wünsche Frohe Weihnachten, mit Güte und Liebe für alle.“

Muslime wollen Weihnachten erleben

Frage an den aufmerksamen Beobachter Abu Dayyeh – wie hat sich Weihnachten in Bethlehem in den vergangenen Jahrzehnten verändert? „Das Signifikante“, sagt er, sei die „hohe Beteiligung von Tausenden von Moslems, die das miterleben wollen.“ Sie kommen aus dem Bezirk Bethlehem, aus den umliegenden Dörfern, „sodass daraus ein nationales, ein gesamtgesellschaftliches Ereignis geworden ist“.

Und was ist sein Weihnachtswunsch für Bethlehem? „Für das Land und für Bethlehem: Frieden.“ Des Weiteren wünscht er sich angesichts von 593 Hindernissen (letzte Zählung der UNO-Agentur OCHA) wie Kontrollpunkten, Erdhügeln und Gräben die „Aufhebung der Sperren, die Öffnung der Grenzen und das Abreißen der Mauer – weil es vielen Menschen das Leben schwermacht“. Nicht wenige Palästinenser aus Bethlehem, Muslime wie Christen, waren seit zehn oder mehr Jahren nicht mehr im benachbarten Jerusalem, eine zehnminütige Autofahrt entfernt, weil sie von Israel keinen Passierschein erhalten. Kurzum: Abu Dayyeh wünscht sich „bessere, einfachere Lebensbedingungen, dass man die Besatzungsmaßnahmen nicht so sehr spürt“. Eines fernen Tages, wenn die Militärbesatzung vorbei ist, „wenn die Maßnahmen der Besatzung zu Ende sind, dann kann man in Bethlehem ausgelassen feiern und ein friedliches Weihnachten spüren“. Praktischerweise dann auch weiterhin dreimal im Jahr.

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