Die Reise zum Wunder

Im polnischen Liegnitz in Niederschlesien ist es möglich, einem Stück des Herzens Jesu ganz nah zu begegnen. Von Martin Lohmann
Wunder von Liegnitz
Foto: dpa | Mit einer Hostie, die versehentlich zu Boden fiel, fing das eucharistische Wunder von Liegnitz an.

Eine Fahrt, die sich lohnt: Im polnischen Liegnitz in Niederschlesien ist es möglich, einem Stück des Herzens Jesu ganz nah zu begegnen. Ein Phänomen, das nicht nur Gläubige beeindruckt, sondern auch Wissenschaftler

Es ist dunkel. Die Fahrt von Jasna Gora, vom Hellen Berg, nach Liegnitz ist äußerlich ungemütlich. In Geist und Herz schwingen noch die Begegnungen mit der Schwarzen Gottesmutter in Tschenstochau nach. Dort, im wichtigsten Wallfahrtsort von Polen, pulsiert der Glaube und lebt die Andacht jung und frisch. Das Vertrauen auf die Fürsprache Mariens und die Ehrfurcht vor dem wirklich anwesenden Herrn in der Eucharistie ist geradezu physisch spürbar. Generationsübergreifend. Aber jetzt, auf der Fahrt durch die winterliche Dunkelheit, behindert Schneeregen die Sicht.

Auf der mehr als dreistündigen Fahrt ins niederschlesische Legnica lesen wir in einem aktuellen Buch auch über das Wunder von Liegnitz. Es handelt sich um das jüngste eucharistische Wunder, also etwas ganz Aktuelles. Es war am Weihnachtstag 2013, als dem Pfarrer Andrzej Ziombra beim Kommunionausteilen eine Hostie zu Boden fiel. Der Geistliche hob sie sofort auf und legte sie in ein Gefäß mit Wasser, um die aufgelöste Hostie, vielmehr die Flüssigkeit, wenige Tage später in das Sakrarium schütten zu können.

Doch zusammen mit zwei anderen Geistlichen gab es eine erstaunliche Überraschung für ihn: Die Hostie hatte sich nur zur Hälfte aufgelöst. Aber sie sahen etwas Rotes, das sich von der Hostie gelöst hatte und wie frisches menschliches Blut aussah. Was war das? Pilzbefall? Schimmel? Der Bischof von Liegnitz ließ das Phänomen untersuchen, es wurden Proben entnommen. Und siehe da: Das Breslauer Institut für Gerichtsmedizin schloss ein Bakterium oder einen Pilz kategorisch aus. Die histopathologische Untersuchung aber ergab: Höchstwahrscheinlich handelt es sich um das Gewebe eines Herzmuskels.

Doch man wollte auf Nummer sicher gehen. Also wurde ohne Hinweis auf die Herkunft eine weitere Probe an das Stettiner Institut für Gerichtsmedizin gegeben. Dort wurde ein anderes Untersuchungsverfahren angewandt. Aber die Histopathologie der Pommerschen Medizinischen Universität kam zu dem Ergebnis, es handele sich um „Gewebefragmente“, die „fragmentierte Bestandteile eines kreuzgestreiften Muskels enthalten“. Es müsse sich wohl um einen „menschlichen Herzmuskel mit Veränderungen“ handeln, „wie sie während des Todeskampfes auftreten können“. Außerdem habe man menschliche DNA im Blut entdeckt. Die Herzspezialistin aus Liegnitz teilte zudem mit, man habe das Material unter UV-Strahlen und mit einem Orange-Filter untersucht. Dabei seien Herzmuskelfasern identifiziert worden, die „typisch für myokardiales Gewebe sind, mit Veränderungen, wie sie oft während eines Todeskampfes auftreten“. Ein Wunder? Offenbar. Die Glaubenskongregation in Rom stimmte zu, dass man in der Kirche des Heiligen Hyacinth das Wunder verehren könne. Im Juli 2016 begann dort mit der feierlichen Rückführung des wundersamen Teils der heiligen Hostie die Verehrung.

Wer glauben kann, der lässt sich hier packen

Bei kaltem Wind und winterlichem Regen taucht schließlich während unserer Reise an diesem Sonntagabend die tausendjährige Stadt Liegnitz aus dem Halbdunkel auf. Es scheint eine schöne, eine mächtige Stadt zu sein. Zahlreiche Kirchtürme und herrschaftliche Häuser prägen das Stadtbild hier am Ufer des Dnjepr. Rund um die rote Backsteinkirche mit ihrem neugotischen Flair ist es unwirtlich. Nichts deutet auf das hin, was gleich passieren wird und regelrecht in den Bann nimmt. Gleichwohl steigt neugierige Erwartung in einem auf. Die Abendmesse hat soeben begonnen. Die Kirche ist gut besucht. Gläubige, jung und alt, bilden eine Familie im Blick auf den Altar. Wir, die wir nur mal rasch vorbeischauen wollen, möchten nicht stören. Langsam und leise gehen wir links an der Gemeinde vorbei, wo wir gleich neben dem Altarraum in einer kleinen Kapelle das Wunder von Liegnitz entdecken. Unglaublich. Wie von selbst gehe ich in die Knie, verweile im sprachlosen Gebet. Meine Augen haften buchstäblich am Wunder. Die Kälte von draußen weicht, die Hektik der Fahrt macht einer bewegend tiefen und zufrieden wärmenden Ruhe in dieser nicht besonders gut geheizten Kirche Platz. Zwiesprache ohne Schranken. Anbetung und Staunen. Eucharistische Anbetung ganz anders: dichter, direkter, näher. Ehrfurcht ist der Kern der Liebe. Was für eine Begegnung! Realpräsenz. Worte, Reden – das scheint fast schon banal zu sein in dieser Audienz.

Unfassbar und umfassend. Meine Augen sehen ein Stück des Herzens Jesu. Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. Der Schlusschoral von Bachs Johannespassion spielt sich prophetisch und sehnsuchtsvoll ins Herz: „Dass meine Augen sehen dich in aller Freud, O Gottes Sohn, mein Heiland und Gnadenthron! Herr Jesu Christ, erhöre mich, ich will dich preisen ewiglich!“ Cor ad cor loquitur. Wenn nicht hier, wo dann?!

Der Empfang des eucharistischen Herrn wenig später in dieser Kirche ist für uns alle intensiver als gedacht. Forthin sowieso. Nach dieser Begegnung. Aus dem kurzen Vorbeischauen ist ein langes Verweilen geworden. Die Tränen, die nach der heiligen Kommunion – hier selbstverständlich an der Kniebank und als Mundkommunion – bei der Rückkehr zur Kniebank vor dem Wunder kommen, sind äußeres Zeichen einer inneren Erschütterung. Wer glauben kann, der lässt sich packen. Wer an die Realpräsenz des Gottessohnes in der Gestalt der Hostie glaubt, weiß sich hier bestärkt – und bestätigt.

Was für ein Zeichen! Mitten in einer Zeit, in der die anbetende Ehrfurcht vor dem Sakrament des Altares weithin verdunstet zu sein scheint. Mitten in eine Zeit hinein, in der es vielen schwer zu fallen scheint, vor dieser Wahrheit der Eucharistie, vor Gott selbst in die Knie zu gehen und einfach nur anzubeten und zu preisen. Mitten in eine Zeit, in der – wie es der emeritierte Papst Benedikt einmal formulierte – eine gewisse „Verdunkelung Gottes“ in der Liturgie Ursache für manche Krisenerscheinungen der Kirche und des Glaubens zu sein scheinen.

Auf der sehr spät begonnenen Weiterfahrt begleiten uns ins nahe Deutschland viele Eindrücke, Gedanken und vor allem Dankbarkeit. Draußen ist es nach wie vor dunkel und ungemütlich kalt. Aber im Herzen und in der Seele macht sich eine wohltuend warme Helligkeit breit. Vermutlich waren es nicht nur die normalen Augen, die das Herz des Herrn sehen konnten. Es waren auch die Augen des Herzens. Alles ist jetzt sehr hell und klar. Was für ein Wunder!

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