Kunsthandwerk

Die Herrgottschnitzer

Den Händen schmeicheln: Bei besonderen Kunsthandwerkern im Heiligen Land.
Jack Giacaman, Holzschnitzer
Foto: J. Zang | Gelernt ist gelernt: Jack Giacaman.

Bethlehem/Besetzte Palästinensische Gebiete: Eineinhalb Jahre ohne Kundschaft in einem Land, das weder Kurzarbeitergeld noch Neustarthilfe kennt, weder Kindergeld noch Hartz IV; auch Witwen- und Waisenrente sind in den palästinensischen Gebieten unbekannt. Wieder einmal muss die Großfamilie einspringen, die Sippe zusammenhalten – nicht nur bei den Olivenholzschnitzern im Raum Bethlehem.

Sie hat die Pandemie hart getroffen, wieder einmal: nach der fünf Jahre dauernden zweiten Intifada ab der Jahrtausendwende und seitdem vier Gaza-Kriegen, die jeweils Touristen- und Pilgerzahlen abstürzen ließen. Und Einheimische kaufen eher selten ein Souvenir aus Ölbaumholz.

Das wichtigste Gewerbe in Bethlehem

„Olivenholzschnitzerei ist für den Tourismus das wichtigste Gewerbe in Bethlehem“, verkündet die Internetseite der palästinensischen 30 000-Einwohner-Stadt Bethlehem seit jeher. Manche Historiker meinen, dass im vierten Jahrhundert im Zuge des Bauarbeiten an der Geburtsbasilika Mönche den Einheimischen das Schnitzen beigebracht hätten. Andere Quellen setzen den Beginn über 1 000 Jahre später an und behaupten, die Franziskaner hätten im 15. Jahrhundert Kunsthandwerker aus Florenz nach Bethlehem gebracht. Wie dem auch sei: Heute wird in Dutzenden von Betrieben im christlichen Dreieck – Bethlehem mit seinen Nachbarorten Beit Jala und Beit Sahour – das äußerst harte Olivenholz per Hand, aber auch mit ausrangierten Zahnarztbohrern bearbeitet.Der römisch-katholische Palästinenser Jack Giacaman hat das Handwerk von Vater und Onkel gelernt. 

In seiner Werkstatt in der Milchgrottengasse, buchstäblich einen Steinwurf von der Geburtsbasilika entfernt, werden seit 1917 Krippchen, Schweifsterne, Kreuze, Szenen aus der Heiligen Schrift und weitere Devotionalien aus dem harten Olivenholz gefertigt. Zusätzlich betreibt er mit seinem jüngeren Bruder ein Verkaufsgeschäft am Krippenplatz, 300 Meter weiter. Dieses hat der 50-Jährige vor wenigen Jahren umbenannt: in „Christmas House“ und dazu eine Internetseite in deutscher Sprache erstellen lassen. Mehr denn je ist er auf Bestellungen übers Internet angewiesen. Er erinnert sich gerne an Großaufträge, die per Email eintrafen: 230 Hände aus Olivenholz für Wallfahrer aus der Diözese Würzburg. Die „offene Hand Gottes“, die Giacaman auf Anfrage entwarf, fand das Gefallen des Wallfahrtsleiters, der jedem Pilger solch eine Hand zur Erinnerung schenkte.

Viele Aufträge aus Deutschland

Kürzlich ging bei dem Vater zweier Töchter ein weiterer Auftrag aus Deutschland ein. 500 Christbaumanhänger und 150 Handschmeichler in Herzform sind mittlerweile unterwegs, um rechtzeitig zu einem Adventsbasar einzutreffen. Bei den Giacamans in Bethlehem, deren Betrieb ein halbes Dutzend Familien ernähren muss, wird es dank der Solidarität aus Deutschland wieder etwas heller im Corona-Tunnel.

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Licht und Hoffnung – das erhofft sich auch die Reha-Einrichtung Lifegate in Bethlehems Nachbarort Beit Jala. 65 einheimische, mehrheitlich christliche Mitarbeiter behandeln und unterrichten etwa 200 behinderte Klienten. Das Spektrum an Einschränkungen könnte größer nicht sein: Spina Bifida (Fehlbildung der Wirbelsäule), Schmetterlingskrankheit, Down-Syndrom, Zerebralparese, Autismus, Gehörlosigkeit. Der Behandlungsplan umfasst Physio-, Ergo-, Musik- und Hydrotherapie. Die zweite Säule von „Lifegate“-Tor zum Leben: In zwölf Berufen kann man sich ausbilden lassen, darunter als Olivenholzschnitzer. Kürzlich verschickte die Einrichtung den gut 30 Seiten starken Produktkatalog Geschenkideen aus Bethlehem. Die Hälfte der Seiten zieren ansprechende Bilder von Olivenholzwaren, mit Maßen, Bestellnummern und Preisen. Lifegate, das einen Werkstattverkauf im baden-württembergischen Tauberbischofsheim betreibt, wirbt mit der typischen Maserung des Holzes: von gelblich über braun bis fast Schwarz. Positiver Nebeneffekt: „So sind alle Arbeiten Unikate und strahlen Wärme aus, fassen sich sehr schön an und begeistern die Menschen, zum Beispiel als Handschmeichler.” Die Herz-Handschmeichler, die nach eigenen Angaben Jack Giacaman als erster im Raum Bethlehem gefertigt hat, finden sich auch im „Lifegate“-Angebot. Doch geht die Einrichtung noch einen Schritt weiter: Die Herzen in drei Größen werden auch mit Aufdruck geliefert: „Glaube”, „Liebe” oder ein Bibelvers wie „mit dem Herzen sehen” (Epheser 1, 18). „Auf Vorbestellung können wir Ihnen die Aufschrift der Herzen anpassen, zu Hochzeiten oder Konfirmationen”, verspricht der Katalog. Außer religiösen Artikeln kann der Interessierte auch Salatbesteck sowie Servietten- oder Handyhalter erstehen. Mit „Ein Blickfang. Zeitlos. Außergewöhnlich” wirbt der Katalog für die handgefertigte Fliege aus Olivenholz, „ein tolles Accessoire, das nicht fehlen sollte und jedes Outfit besonders macht.”

Olivenbäume stehen auf der anderen Seite

Wer denkt, in dieser Branche spiele der Konflikt, der Unfriede zwischen Israelis und Palästinensern keine Rolle, irrt. Im zweiten Aufstand der Palästinenser (Intifada) verteuerte sich aufgrund der zeitweise 700 Straßensperren der Holzpreis. Der bei Kunsthandwerkern begehrte Rohstoff musste von einem LKW auf den nächsten umgeladen werden: der Preis für eine Ladung aus Nablus, etwa 80 Kilometer nördlich von Bethlehem, stieg um das Dreifache. „Bethlehem ist wie eine Insel geworden, abgeschnitten von anderen palästinensischen Städten und Ost-Jerusalem“, fasst Schnitzer Jack die Lage zusammen. Er und seine Familie können obendrein ihren Olivenhain im Nachbarort Beit Sahour nicht mehr erreichen. Hunderte uralter Olivenbäume stehen nun, wegen des Zickzack-Verlaufs der Barriere auf israelischer Seite. Seitdem müssen die Giacamans Olivenöl kaufen. Früher erbrachte die Ernte der eigenen Bäume in einem guten Jahr bis zu 1 500 Liter Öl.

Mehrere Quellen haben in den vergangenen Wochen von einer deutlichen Zunahme der Gewalt seitens jüdischer Siedler berichtet. Die UNO-Agentur OCHA berichtete in ihrem „Protection of Civilians“-Report im Zeitraum 5. bis 18. Oktober von über 1 600 größtenteils Olivenbäumen, die entweder von Siedlern beschädigt oder deren Ernte von diesen gestohlen wurde. Die vielfach ausgezeichnete israelische Menschenrechtsorganisation „B?Tselem“ hat auf der Internetseite dazu eigens die Rubrik: „State Backed Settler Violence“ – Siedlergewalt, vom Staat gedeckt. Zurück zu den Herrgottschnitzern: Im „Lifegate“-Oktoberbrief heißt es: „Die Folgen der Corona-Pandemie, das Ausbleiben der Besucher bei Lifegate, weniger Verkaufsmöglichkeiten sind immer noch zu spüren. Nur mit Ihrer Hilfe konnten wir diese Herausforderung bisher meistern.” Werden die Christen außerhalb des Heiligen Landes ihre Brüder und Schwestern weiterhin unterstützen? Sonst droht ein weiterer Exodus der Christen in den Westen.

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Johannes Zang Geburtsbasilika Jack Giacaman Römisch-katholische Kirche

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