Sterbende begleiten

Den Tod etwas leichter und schöner machen

Sterben und Trauer sind Teil des Lebens – werden aber oft verdrängt. Umso wichtiger, dass es Menschen gibt, die Sterbende zu begleiten verstehen.
Sabine Mardmöller.Bo
Foto: Bou | Ehrenamtlich im Einsatz: Sabine Mardmöller.Bou

Auf einer Intensivstation ist der Tod der Feind und muss verhindert werden“, stellt die Diakonin Anna Scheilke fest. „Wenn Kolleginnen und Kollegen aus den Krankenhäusern in unsere Kurse kommen, frage ich sie zuerst: ,Arbeitest du in einer Einrichtung, in der gestorben werden darf oder in der nicht gestorben werden darf?‘“

Die erfahrene Sozialpädagogin bietet Palliativ-Care-Weiterbildungen an, in denen Menschen lernen, die Lebensqualität von Sterbenden zu verbessern. „Für Krankenhauspersonal ist es oft schwierig, sich auf ein Seminar einzulassen, bei dem es darum geht, zu akzeptieren, dass der Tod manchmal nicht verhindert werden kann.“

Für Angehörige liegt die psychische Belastung bei der Begleitung einer Sterbenden oft insbesondere in der Länge und der Ausweglosigkeit des Prozesses. Anna Scheilke erinnert sich an einen 76-jährigen Mann: „Eines Tages sagte er zu mir: ,Seit zwanzig Jahren besuchen wir meine Mutter hier im Altenheim. Ich kann nicht mehr.‘ Das ist natürlich dramatisch. Aber diese Dramatik ist nicht laut. Sie ist eher leise, still und manchmal sehr verzweifelt.“

Palliativ-Care-Kurse für Ehrenamtliche

In Kursen von 160 Stunden wird in Vorträgen, Selbstreflexionsübungen, Rollenspielen und Kleingruppen darüber gesprochen, was man Sterbenden auf ihrem Weg noch Gutes tun kann. „Seit der Verabschiedung des Palliativgesetzes gibt es einen bemerkenswerten gesellschaftlichen Aufbruch“, erklärt Anna Scheilke. „Die Zahl der Menschen, die sich ehrenamtlich zu dem Thema engagieren wollen, steigt stetig.“

Eine dieser Ehrenamtlichen ist die alleinerziehende Mutter Sabine Mardmöller. Als mehrere Menschen, die ihr nahestanden, plötzlich gestorben sind, begann sie, sich intensiver mit dem Thema Tod zu beschäftigen. „So habe ich erfahren, dass es eine Ausbildung dazu gibt. Ich habe mich gleich angemeldet.“

Während eines Palliativ-Care-Kurses üben die Teilnehmerinnen und meist wenigen männlichen Teilnehmer, ihr Bewusstsein für die Bedürfnisse anderer Menschen zu schärfen. „Das war eine tolle Erfahrung“, erinnert sich Sabine Mardmöller. „Wir sind diesen Weg gemeinsam gegangen und als Gruppe zusammengewachsen. Da fließen auch mal Tränen und es wird viel gelacht.“

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Ehrenamtlich Zeit schenken

Das Miteinander der Gruppe ist ein zentrales Element der Kurse, erklärt die Seminarleiterin Eva Blomeier. „Wir haben ja alle dasselbe Ziel. Wir wollen Sterbenden den Tod etwas leichter und schöner machen.“

Viele Menschen in Deutschland sterben allein, manche zu Hause oder im Krankenhaus, andere im Pflegeheim. „Da kann man den Pflegekräften überhaupt keinen Vorwurf machen“, meint Eva Blomeier. „Die sind oft so überlastet, dass eine enge Betreuung gar nicht möglich ist. Deshalb kann es so wertvoll sein, wenn Ehrenamtliche ihre Zeit schenken. Sie arbeiten mit dem Hauspersonal zusammen, entlasten, und bringen die Bereitschaft mit, einen einsam Sterbenden zu begleiten.“

Die Ehrenamtlichen wollen Sterbenden helfen, ihre verbleibende Lebenszeit schöner zu gestalten. Sie tun das auch, weil dieses Engagement ihnen selbst viel gibt, sagt Eva Blomeier: „Es ist ein Geschenk und ein großer Vertrauensbeweis, am Bett eines Sterbenden sitzen zu dürfen. Hospiz ist ja kein Ort, sondern eine Haltung. Hospiz ist da, wo Menschen sterben und wo Menschen andere Menschen brauchen.“

Erlebnisse, die die Seele belasten

Sabine Mardmöller besucht seit einigen Monaten einmal in der Woche eine sterbende Person. „Beim ersten Treffen kennen wir uns nicht. Häufig ist das ein Vorteil. Manche Leute sind bereit, einem Außenstehenden Dinge zu erzählen, über die sie in der Familie immer geschwiegen haben. Dann reden sie über verdrängte Erlebnisse, die womöglich seit Jahrzehnten ihre Seele belasten.“

Manchmal treffen die Ehrenamtlichen auf schwerkranke Personen, die noch tiefsinnig über Tod und Sterben reflektieren können. Oft aber begleiten sie alte Menschen, die nicht mehr die Kraft haben, viel zu sprechen. „Das auszuhalten ist natürlich auch schwer“, räumt Eva Blomeier ein. „Deshalb ist es so wichtig, dass sich die Ehrenamtlichen untereinander austauschen. Für uns geht das Leben ja weiter.“

Auch nach dem Ende der Ausbildung hat Sabine Mardmöller immer wieder Kontakt zu ihrer Gruppe. Manchmal organisiert Eva Blomeier eine Exkursion oder man trifft sich in einem Café. Während eines solchen Treffens erzählt die Ehrenamtliche Ursula, wie sie selber den Tod ihrer eigenen Mutter erlebt hat. „Sie war 92 Jahre alt und komplett pflegebedürftig. Zwei Jahre lang haben wir ihr das Essen gereicht.“ Die Familie hatte sich entschieden, die Mutter mit ambulanter Unterstützung im Haus eines Sohnes zu pflegen. „Wir haben öfter gedacht: ,Jetzt stirbt sie.‘ Aber sie hat sich immer wieder berappelt, selbst nach Corona.“

Vorbereiten auf den Tod

Obwohl Ursula selbst eine Palliativ-Care-Ausbildung gemacht hat, war es auch für sie eine große Hilfe, dass ab und zu eine Ehrenamtliche gekommen ist, die dann oft einfach nur am Bett der Mutter saß. „Manchmal habe ich mich dazu gesetzt. Das war auch eine Begleitung für uns als Familie. So mussten wir diese Zeit nicht allein aushalten, nicht immer selbst etwas zu trinken anreichen. Es war gut, auch mal zuzusehen, wie jemand anderes das tut.“

Jeden Tag kamen Pflegekräfte ins Haus, ein Palliativmediziner, Ehrenamtliche, Ärzte. Sie alle haben der Familie geholfen, sich auf den nahenden Tod vorzubereiten. „Früher war das anders“, sagt Eva Blomeier. „Selbst im Sterben hat niemand über den Tod gesprochen. Da haben die Ärzte gesagt: ,Das wird schon wieder.‘ Und wenn der Tod dann doch kam, haben sie mit den Schultern gezuckt.“

Andererseits findet Eva Blomeier, dass manchen Medizinern noch heute viel zu oft der Satz rausrutscht: „Da können wir nichts mehr tun.“ Das sei nicht die richtige Einstellung, meint sie: „Wenn nichts mehr zu tun ist, ist ja noch viel möglich. Wir können Liebe geben, Nähe anbieten, die Hand halten, Sicherheit geben, auch den Angehörigen.“

Verantwortung macht oft Angst

Das kann Ursula bestätigen, denn gerade das Gefühl der Verantwortung hat ihr oft Angst gemacht: „Wenn meine Mutter hungrig war, dann habe ich ihr was zu essen gereicht. Aber gleichzeitig dachte ich, der Bissen könnte vielleicht Schluckbeschwerden auslösen. Sie könnte ersticken. Deshalb war ich all den Menschen so dankbar, die uns geholfen haben.“

Kurz vor dem Tod ihrer Mutter kam es zu einem Streit mit Ursulas Bruder über das Anreichen eines Getränks. Er war überzeugt: „Mama will nicht mehr trinken. Das ist gut. Umso kürzer ist der Prozess des Sterbens.“ Doch Ursula wollte dieses Argument nicht gelten lassen. In der Hoffnung auf Unterstützung rief sie Eva Blomeier an: „Meine Mama braucht doch Flüssigkeit!“ Die Antwort der erfahrenen Krankenschwester war ernüchternd: „Ursula, das hat man früher so gemacht. Heute wissen wir, dass Trinken in dieser Phase des Sterbens dazu führen kann, dass zu viel Flüssigkeit ins Herz gelangt oder in die Lunge. Das macht das Atmen schwerer. Deshalb brauchen Menschen am Lebensende keine Flüssigkeit mehr.“

Wenig später fragte der Palliativmediziner: „Die Mama darf doch gehen?“ Ursula antwortete: „Ja, darf sie.“ Aber das war nicht ehrlich. „Ich wollte nicht, dass sie stirbt. Es ist mir unheimlich schwergefallen, das zu akzeptieren. Aber wenn ich heute auf den Friedhof gehe, dann sage ich: ,Wie gut, dass mir so viele Menschen geholfen haben, letztlich doch loszulassen.‘ Es ist nicht so, dass man daran zerbrechen muss. Man kann daran wachsen.“

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Andreas Boueke Hospize Palliativmedizin Trauer

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