Migrationspolitik

Das Friedenslaboratorium von Malta

Die katholische Kirche hat auf Malta mit ihrem „Friedenslaboratorium“ in franziskanischer Tradition ein Leuchtturmprojekt für die Flüchtlingspolitik aufgebaut.
Peacelab in Malta
Foto: BB | Das Peacelab in Malta unterstützt Flüchtlinge auf der Basis franziskanischer Spiritualität.

Malta ist im Neuen Testament nur ein einziges Mal in der Apostelgeschichte (28, 1) als Insel bekannt, auf der der Apostel Paulus auf einer seiner vielen Reisen Schiffbruch erlitten hatte und gerettet wurde. Seit der großen Migrationsbewegung von Afrika nach Europa, die hauptsächlich von Libyen ausgeht, gehört Malta, das Libyen als EU-Land am nächsten liegt, zu einer der Hauptrouten für Boots-Migranten. Das hat den bevölkerungs- und flächenmäßig kleinsten EU-Staat Malta in den letzten Jahrzehnten ungewollt in den Fokus der europäischen und internationalen Migrationspolitik gebracht.

Bereitschaft zur Aufnahme von Migranten

Der katholischen Kirche Maltas stand bei dieser Herausforderung eine Einrichtung zur Verfügung, das Friedenslaboratorium, das 1971 von dem Franziskanerpater Dionysius Mintoff (91) gegründet wurde, das auf diese Situation eine Antwort bieten konnte. Das Peacelab trug dazu bei, dass in der maltesischen Gesellschaft die Bereitschaft zur Aufnahme von Migranten wesentlich höher ist und damit die Chancen auf eine Integration besser sind als in vielen anderen Ländern Europas. Beim Besuch von Papst Franziskus im Peacelab im April 2022 sagte der Papst: „Tausende von Männern, Frauen und Kindern haben in den letzten Jahren im Mittelmeer Schiffbruch erlitten. Traurigerweise endete es für viele von ihnen in einer Tragödie. Doch bei diesen Ereignissen sehen wir eine andere Art von Schiffbruch: den Schiffbruch der Zivilisation, der nicht nur die Migranten, sondern uns alle bedroht. Wie können wir uns vor diesem Schiffbruch retten, der das Schiff unserer Zivilisation zu versenken droht? Indem wir uns mit Freundlichkeit und Menschlichkeit verhalten. Indem wir die Menschen nicht nur als Statistiken betrachten, sondern als das, was sie wirklich sind: Menschen, Männer und Frauen, Brüder und Schwestern, jeder mit seiner eigenen Lebensgeschichte.“

„Wir sind alle eine Familie.“
Pater Dionysius Mintoff

Das Motto von Pater Mintoff lautet: „Wir sind alle eine Familie.“ Das Peacelab in Malta ist 50 Jahre alt. Seit 30 Jahren beherbergt es eine Freiwilligenorganisation mit einem umfangreichen Erwachsenenbildungsprogramm. Im Laufe der Jahre haben Tausende von Menschen diesen segensreichen und bescheidenen Ort besucht, zuletzt im April dieses Jahres auch Papst Franziskus, kurz vor seinem Abflug. Das Peacelab liegt nämlich auf dem Gelände des ehemals größten Militärgeländes der britischen Armee im Mittelmeer, direkt neben dem internationalen Flughafen von Malta. Im Friedenslaboratorium leben bis zu 50 Migranten in Baracken, Zelten und Hütten, eine kleine Kapelle sowie eine Reihe von Nebengebäuden für Flüchtlinge und Freiwillige gehören dazu, und es ist von weitläufigen Gärten und einer Landwirtschaft für Schafe und Hühner umgeben. Die Kapelle dient auch als Beratungszimmer und Konferenzraum.

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Malta ist von ausländischen Arbeitnehmern abhängig

Die Umwandlung von einer Militärstation in ein Friedenszentrum war das Ergebnis einer direkten politischen Aktion, erklärt Pater Mintoff. Das Friedenslaboratorium trägt den Namen von Papst Johannes XXIII., der neuen Wind in die Kirche bringen wollte. Es wollte ein lebendiges praktisches Beispiel für die wichtige Rolle sein, die eine nichtstaatliche Freiwilligenorganisation bei der Bewusstseins- und Meinungsbildung einer Gesellschaft spielen kann. Obwohl Malta seit über 40 Jahren Asylbewerber und Flüchtlinge aufnimmt, weigert sich die Politik bis heute eine nachhaltige, solide und faire Politik für Asylbewerber, Flüchtlinge und Migranten zu entwickeln. Das Land ignoriert oder verweigert den Migranten viele ihrer grundlegendsten Bedürfnisse in Bereichen wie Dokumentation, Beschäftigung, Gesundheit und Bildung. Armut ist für viele von ihnen nach wie vor eine tägliche Realität. Einige Migranten haben im Gespräch mit dem Papst im Peacelab ihre Situation nicht als Leben, sondern eher als Überleben bezeichnet.

Dabei ist die Gesellschaft Maltas immer mehr von ausländischen Arbeitnehmern abhängig, im öffentlichen Verkehr sind fast nur noch Busfahrer aus Indien oder Pakistan beschäftigt, im Hotelgewerbe dominieren Beschäftigte aus dem West-Balkan. Der Gründer des Friedenslabors, Pater Dionysius Mintoff, ein Franziskanermönch, glaubt fest an die Möglichkeiten einer offenen Begegnungsstätte, in der Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, Religion und unterschiedlicher Einstellung zusammenkommen können. Pater Mintoff ist der jüngere Bruder des maltesischen Staatsmannes Dominik Mintoff (1916-2012), der als Chef der Arbeiterpartei und mehrmaliger Premierminister Malta in der Nachkriegszeit mehr als alle anderen Politiker geprägt hat. Im Jahre 1971 leitete Dionysius Mintoff eine Gruppe Gleichgesinnter, die beschloss, Bildungs- und praktische Arbeit für mehr Gerechtigkeit und Einsatz für Menschenrechte zu verbinden. Man begann ein Experiment auf der Grundlage des christlichen Glaubens zur Förderung von Solidarität und moralischen Werten, ohne andere Ideen oder Personen auszuschließen. Das Friedenslabor war geboren.

Friedenslaboratorium mit eigener Radiosendung

Seit der Jahrhundertwende wechselte das Friedenslaboratorium seinen Schwerpunkt hin zur Migrantenarbeit. In der Nähe des Labors liegt auch der Containerhafen, in das die aus Seenot geretteten Schiffbrüchigen Migranten geleitet werden, und ein Militärlager der maltesischen Armee. Erst seit 2004, als Malta der EU beitrat, gibt es in Malta ein Asylgesetz. Seit damals hat das Friedenslab mit Anwälten zumeist erfolgreich gegen viele Abschiebeandrohungen von abgelehnten Asylbewerbern in Krisengebiete interveniert. Einer ihrer Anwälte war der heutige Ministerpräsident Robert Abela.

Seit 2012 betreibt das Friedenslaboratorium eine wöchentliche Radiosendung zum Thema Migration und Flucht unter dem Motto „Connect Africa“. Die von „One Radio“ in Zusammenarbeit mit der NRO Peacelab ausgestrahlte Sendung, die vor allem mit afrikanischer Musik aufwartet, erfreut sich großen Zuspruchs, weil sie deutlich macht, dass auch die Wurzeln unserer modernen Musikkultur zumeist in Afrika liegen. Derzeit leben 50 Migranten als Gemeinschaft im Peacelab-Zentrum, sie lernen Englisch oder Maltesisch, gehen ihrer Arbeit und Freizeit nach, feiern Gottesdienste und leben wie eine große Familie. „Zu den Aufgaben von Peacelab gehört es, gegen Ungerechtigkeit, Unfairness und Vorurteile für die Asylbewerber zu arbeiten, die in Malta ein neues Leben beginnen“, sagt Mintoff, der im Laufe seines Lebens etwa 3 500 Migranten unterstützt hat.

Medizinische Versorgung durch „Ärzte ohne Grenzen“

Seit einigen Jahren arbeitet das Friedenslaboratorium mit einem neuen Informationszentrum zusammen, das sich vor allem der wirtschaftlichen Integration von Asylbewerbern widmet. Dort wird Migranten geholfen, einen Lebenslauf zu schreiben und mit möglichen Arbeitgebern Kontakt aufzunehmen. In Malta dürfen alle Migranten von Anfang an arbeiten, an Arbeit mangelt es auf der Insel, die überaltert ist und ein internationales Tourismuszentrum ist, nicht. Auch private Arbeitsagenturen und eine staatliche Arbeitsvermittlung haben ihren Sitz in der Nähe des Peacelabs. In der Nähe befindet sich auch die größte Containersiedlung für Migranten ganz Maltas, so dass deren Bewohner auch die Dienstleistungen des Peacelabs in Anspruch nehmen können. Flüchtlinge sind ein begehrtes Arbeitskräftereservoir. Mit einer Arbeit ist auch die Integration und die Wohnungssuche sehr viel einfacher. Dennoch sind auch dank der immer noch sehr hohen Korruption, die schutzlosen Migranten, die nur ein kleines Taschengeld vom Staat erhalten, Ziel von krimineller Ausbeutung. Auch die Gesundheitsfürsorge ist bei den staatlichen Leistungen für Migranten in Malta nicht enthalten, die bekommen die Migranten im Peacelab kostenlos von „Ärzte ohne Grenzen“.

Frieden ist keine Selbstverständlichkeit

Den Namen Friedenslaboratorium hatte man vor 50 Jahren bewusst gewählt, weil der Frieden, obwohl Gnade Gottes, keine Selbstverständlichkeit ist. Es bedarf vieler Versuche und Experimente, um ihn sich mit Gebet und Arbeit zu erkämpfen. Dessen wird sich Europa heute auch wieder bewusst durch den Krieg in der Ukraine. Nur die langwierige Arbeit an der Überwindung von Ungerechtigkeit, Vorurteilen und Machtmissbrauch kann den Frieden sichern, innerhalb der Familien und über Grenzen von Systemen, Kulturen, Kontinenten und Religionen hinweg.

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