Christliches Symbol der Einheit

Die ungarische Regierung will die Stephanskrone in der Verfassung verankern. Von Stephan Baier
Stephanskrone im ungarischen Parlament
Foto: dpa | Die Stephanskrone im ungarischen Parlament: Der damalige Ministerpräsident Arpad Goencz und seine Frau Zsuzsa betrachten sie am 1. Januar 2000.
Stephanskrone im ungarischen Parlament
Foto: dpa | Die Stephanskrone im ungarischen Parlament: Der damalige Ministerpräsident Arpad Goencz und seine Frau Zsuzsa betrachten sie am 1. Januar 2000.

Graz (DT) Was hat eine „Heilige Krone“ in der Verfassung einer Republik zu suchen? Wer so fragt, kennt die Geschichte Ungarns nicht, in dessen neuer Verfassung die „Szent Korona“ verankert werden soll. Die regierende FIDEZ will, dass die Präambel der Verfassung „auf die heilige Krone als Verkörperung der ungarischen Staatlichkeit verweist“ und „die Rolle des Christentums in unserer Geschichte würdigt“. Am selben Tag dankte Papst Benedikt XVI. beim Antrittsbesuch des neuen ungarischen Vatikan-Botschafters, Gabor Györivany, dafür, dass das christliche Erbe in die Verfassung geschrieben werden soll.

Damit ist die Krone untrennbar verbunden: Nicht nur wegen ihres schiefen Kreuzes und weil auf ihrer Frontplatte Christus als Pantokrator thront, sondern weil sie durch Jahrhunderte zum Symbol der Einheit des Landes, seiner christlichen Prägung und seiner Zugehörigkeit zum Westen wurde. Nach ungarischer Rechtsauffassung war es nicht der Monarch, der Ungarn regierte, sondern die Krone selbst. Otto von Habsburg, dessen Vater der letzte Träger der Stephanskrone war – 1916 als Károly IV. in Budapest gekrönt – meint deshalb: „Das eigentliche Staatsoberhaupt, wenn man auf den Grund der ungarischen Staatsphilosophie geht, ist ja die Krone. Und nicht der Herrscher, der nur der Diener der Krone ist.“ Deshalb ging Joseph II., der sich nicht krönen ließ und die Verfassung Ungarns ablehnte, als „König mit dem Hut“ in die Nationalgeschichte ein.

Zwei Kronen wurden dem ungarischen König Stephan angeboten: eine aus Byzanz, die andere aus Rom. Er entschied sich für den Westen, nahm im Jahr 1000 die von Papst Silvester II. dargebotene Krone samt dem Titel „Apostolischer König“ an. Ist es nur Zufall, dass der erste Träger dieser Krone und dieses Titels heiliggesprochen, ihr letzter – der erwähnte Kaiser Karl I., in Ungarn König Károly IV. – seliggesprochen wurde? Nur Zufall auch, dass nicht weniger als sechs Heilige aus König Stephans Herrschergeschlecht, dem Haus Árpád, hervorgingen? Nur Zufall, dass der letzte Träger seiner Krone als Friedenskaiser in die Geschichte einging und 2004 von Papst Johannes Paul II. zum Vorbild für die Politiker Europas erklärt wurde? Beide – der heilige König Stephan wie der selige Kaiser Karl – waren echte Europäer, von denen die heutige Europapolitik lernen könnte. So schrieb der erste Träger der Krone an seinen Sohn und Thronerben, den ebenfalls heiliggesprochenen König Emmerich: „Mein Sohn, ein Reich von nur einer Sprache und einer Sitte ist schwach und dumm.“

Ist es da überhaupt relevant, ob es sich im rein materiellen Sinn um dieselbe Krone handelt, oder das Original 1074 verlorenging? Jedenfalls war die Geschichte der Krone wechselvoll: 55 ungarische Könige wurden mit ihr gekrönt. Mehrfach wurde sie gestohlen und entwendet, versteckt und vergraben. 1301 raubte sie der böhmische König Wenzel, der sie seinem Sohn aufs Haupt drückte und davonritt. Vier Jahre später trat Wenzel seine Ansprüche auf Ungarn samt Krone an Otto III. von Bayern ab. Der schmuggelte sie in einem Holzgefäß durch die habsburgischen Lande, verlor sie im stürmischen Ritt, fand sie am Straßenrand wieder und ließ sich 1305 in Stuhlweißenburg damit zum ungarischen König Béla V. krönen.

Als erster Habsburger wurde Albrecht II. 1438 mit der Stephanskrone zum ungarischen König gekrönt, noch bevor er in Frankfurt zum König des Heiligen Römischen Reiches gewählt wurde. Als er im Jahr darauf starb, ließ seine schwangere Witwe die Stephanskrone durch die Frau des Wiener Bürgermeisters heimlich aus Visegrad nach Österreich bringen, um so ihrem noch ungeborenen Sohn die Herrschaft in Ungarn zu sichern. Ihr Plan ging tatsächlich auf: Nach einem kurzen polnischen Interregnum anerkannten die ungarischen Stände den minderjährigen Ladislaus als neuen König, der von Johann Hunyadi als Reichsverweser vertreten wurde. Dessen Sohn Matthias Corvinus aber ließ sich selbst zum König erklären, um anschließend die in Wiener Neustadt aufbewahrte Stephanskrone den Habsburgern für 80 000 Goldforint abzukaufen.

Nach dem Sieg der Türken bei Mohács 1526 setzte Sultan Süleyman „der Prächtige“ die Stephanskrone sich und dann seinem Großwesir auf den Kopf. Er gab sie aber König Johann zurück. Ab 1551 war die Heilige Krone meist in habsburgischer Hand, auch wenn sie in Kriegswirren und Unruhen an unterschiedlichen Orten versteckt werden musste. Übrigens auch nach dem Ende des Königtums: Als sich die Rote Armee 1944 Budapest näherte, wurde die Krone zur Sicherheit vergraben. Wenige Wochen später wurde sie auf abenteuerlichen Wegen nach Österreich geschmuggelt und zusammen mit Zepter und Reichsapfel im Mattsee versenkt. Dort fand der US-Militärgeheimdienst den Kronschatz dank einer ungarischen Indiskretion und brachte ihn nach Amerika. Der Vorschlag des Primas von Ungarn, Kardinal József Mindszenty, die Stephanskrone nach fast einem Jahrtausend dem Vatikan zurückzugeben, fand keine Beachtung. 1978 gab US-Präsident Jimmy Carter die Krone den Ungarn zurück, und die Kommunisten stellten sie ins Nationalmuseum. Seit der Jahrtausendwende aber thront die Stephanskrone – tausendjähriges Symbol der ungarischen Einheit und Westorientierung – im Kuppelraum des Parlaments.

Die meisten Könige von Ungarn haben ihren Treueschwur auf die Krone abgelegt. Zuletzt Kaiser Karl, der 1916 in der Budapester Matthiaskirche gekrönt wurde, wobei der Fürstprimas von Ungarn, Kardinal Johannes Csernoch, den neuen König mahnend segnete: „Wenn Du in Betracht ziehst, dass alle Gewalt von Gott dem Herren ist, durch den die Könige regieren und die Gesetzgeber bestimmen, was Recht ist, wirst auch Du Gott Rechenschaft ablegen über die Dir anvertraute Herde.“ Karl antwortete: „Ich bekenne und verspreche vor Gott und Seinen Engeln, hinfort zu sorgen für Gesetz, Gerechtigkeit und Frieden zum Wohle der Kirche Gottes und des mir anvertrauten Volkes.“ Wenn die „Heilige Krone“ nun in der Verfassung Ungarns verankert werden soll, wird man sich – hoffentlich – auch der mit ihr verbundenen Werte wieder entsinnen.

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