Glaubensverluste

Brasilianer ohne Religion ?

Einst galt das riesige Land mit der berühmten Christus-Statue als katholisches Vorzeigeland Südamerikas – nun stehen die Zeichen auf synkretistische Experimente oder evangelikale Autoritätsgläubigkeit.
Karneval in Brasilien
Foto: dpa | Der leidende Christus, dargestellt von einer Frau, begleitet von Sambaklängen. Auch im Karneval zeigt sich das synkretistische Spektrum Brasiliens.

Ich habe keine Religion, ich bin da ganz offen. Ich glaube an Verschiedenes, vor allem an Jesus, den einzigen allmächtigen Gott. Ich glaube aber auch an Wesen, die mir sehr geholfen haben und die mir helfen, wann immer sie können. Ich glaube an Energien, an das Universum.“ So definiert Mariana Oliveira Viana, 21 Jahre alt, aus Rio de Janeiro, ihre Überzeugungen in einem sozialen Netzwerk. Die Inhaberin eines Manikürestudios im Stadtviertel Irajá im Norden von Rio hat eine teilweise evangelische Familie, wobei ihre Mutter auch noch Umbanda besucht, mystisch-spirituelle Kulte afrikanischen Ursprungs.

„Meine Eltern und Verwandten haben meinem Bruder und mir immer völlige Freiheit gelassen, niemand stellte irgendetwas infrage“, führte Mariana gegenüber „BBC News Brasil“ aus. In keiner Religion getauft, besuchte die junge Frau seit je her sowohl Terreiros – also rituelle Versammlungen der Afro-Religionen Condomblé und Umbanda – als auch Kirchen und sagt, dass sie sich an all diesen Orten wohl fühle. Sie beschloss, keine Religion zu wählen, an ihre Präferenzen zu glauben.

Mariana aus der Vorstadt Irajá, die an Gott, an Jesus, an Umbanda-Wesenheiten und an Energien glaubt, ist ein durchaus typisches Beispiel für diese jungen Leute ohne Religion, aber keineswegs ohne Glauben. So wie Mariana halten es Abertausende junger Brasilianer, die sich selbst als religionslos definieren. Unter den 16- bis 24-jährigen in den Großstädten Rio und São Paulo bilden sie bereits eine größere Gruppe als jene der Katholiken und als jene der Evangelikalen. Das stellte jetzt die erste Umfrage des Datafolha-Institutes für den Wahlzyklus 2022 fest.

Immer mehr Brasilianer sind religionslos

Bei der Volkszählung von 2010 hatte sich erst acht Prozent der brasilianischen Bevölkerung als ohne Religion bezeichnet. Dieser Prozentsatz ist Jahrzehnt für Jahrzehnt gestiegen: Ganz früher, 1960, befanden erst 0, 5 Prozent der Menschen in Brasilien, sie seien religionslos. Die hier zitierte Umfrage 2022 wurde nicht aus reiner Neugier bezüglich der Religions-Präferenz der Menschen in Brasilien gemacht. Vielmehr interessieren die Auftraggeber die darin enthaltenen Hinweise über das zu erwartende Wahlverhalten der Bevölkerungsgruppen bei der Präsidentenwahl im Oktober dieses Jahres.

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Der rechtspopulistische gegenwärtige Präsident, Jair Bolsonaro, will eine zweite Amtszeit von vier Jahren. Sein Gegner, der Ex-Präsident von der Arbeiterpartei, Luiz Inácio Lula da Silva – der mit dem wirtschaftsliberalen Ex-Gouverneur Geraldo Alckmin als vorgesehenem Vize gut aufgestellt ist – will eine solche verhindern und den Kurs ändern. Erschwerend für den amtierenden Präsidenten: Seine Wahlversprechen von vor vier Jahren wie wirtschaftlicher Aufschwung oder eine Reduzierung der Kriminalität, konnten nicht erreicht werden – und das Bruttoinlandprodukt des Riesenlandes sinkt kontinuierlich.

Könnte das Phänomen der „Gottlosigkeit“ der jungen Menschen in den Großstädten im Hinblick auf diese Wahlen von Bedeutung sein?

Eine pluralistischere Dimension der Religiosität

„Es ist festzustellen, dass nur eine Minderheit der ,Religionslosen‘ in Brasilien Atheisten oder Agnostiker sind“, erklärt Silvia Fernandes, Professorin an der UFFRJ. „Atheisten sind Menschen, die nicht an die Existenz Gottes glauben, während Agnostiker meinen, es sei nicht mit Sicherheit möglich zu sagen, ob Gott existiere oder nicht. Aber die meisten Religionslosen hier sind eher das Resultat einer Flucht aus den Institutionen. Das bedeutet, dass sie sich zwar von religiösen Institutionen entfernen, aber in ihrer Weltanschauung und sogar in ihren persönlichen Praktiken weiterhin christlich geprägt sind. Sie gehören zwar keiner Kirche mehr an, suchen aber eine pluralistischere Dimension der Religiosität“, sagt die Spezialistin. „Vielfach wird Synkretismus ausgeübt. Das heißt: Elemente aus verschiedenen Religionen werden gemischt. Es herrschen aber immer noch Überzeugungen vor, die sehr mit dem Universum des Christentums verbunden sind – Glaube an Gott, an Jesus, an Maria – aber selbst deklarieren sie sich als ohne Religion.“ Sich offen als Atheist zu erklären, wäre in Brasilien wenig opportun, weil mit gesellschaftlichen Nachteilen, Vorurteilen, Aggressionen und Misstrauen zu rechnen wären.

Junge Menschen auf der Suche

Regina Novaes, eine Anthropologin und Forscherin für Religionsstudien in Rio, meint, dass die Zeit zwischen 16 und 24 Jahren, in der es viele ,Religionslose‘ gibt, eben eine Phase des Experimentierens sei. „Es gibt jetzt eine Such- und Experimentier-Strecke im Leben der jungen Generation, die einst bei der älteren Garde von den damaligen Autoritäten unterbunden wurde“, sagt die Forscherin. Sie stellt fest, dass viele junge Menschen heutzutage in multireligiösen Familien aufwachsen, zum Beispiel mit einer spiritistisch angehauchten Großmutter, einem nicht praktizierenden katholischen Vater und einer evangelischen Mutter. Diese jungen Menschen fühlen sich keiner Familienreligion verpflichtet und suchen ihre eigene Religiosität.

Diese Experimentierphase könne verschiedene Resultate haben: die Suche könne zur Wahl einer Religion führen – oder zu einer persönlichen Synthese, bei der die Person verschiedene Glaubenselemente vereint, sich dann aber religionslos nennt, weil sie keiner Kirche angehört. „Das ist interessant, weil es einstmals eine Vorstellung gab, dass es im Laufe der Zeit mit fortschreitender Säkularisierung (dem Prozess, in dem die Religion an Einfluss auf die verschiedenen Lebensbereiche verliert) eine Zunahme von Menschen geben würde, die sich vom Glauben lösen würden. Aber das ist nicht passiert. Was nun geschieht ist, dass andere Arten des Glaubens entstehen“, sagt Novaes.

Afro-brasilianische Religionen als kulturelle Option

Sie stellte bei ihrer Forschungsarbeit fest, dass im Zuge des antirassistischen Kampfes im Land die afro-brasilianischen Religionen als kulturelle Option Zulauf erfuhren. „Neben der Rassenfrage gab und gibt es die Frage der Abstammung. So hören viele junge Menschen auf, Katholiken, Protestanten, Evangelikale zu sein. Sie schließen sich zum Beispiel einem ,Terreiro‘, einer ,Mãe de Santo‘ oder einem ,Pai de Santo‘ an“, sagt Novaes. „Und es gibt auch eine Gruppe, die sich nicht institutionell bindet, sich aber als Teil einer Kultur fühlt. Sie erklären, dass sie keine Religion hätten, nehmen aber an Kirchenfesten teil, die ,Orixás‘ verehren und tragen Zeichen wie Turbane und Halsketten als Teil einer entsprechenden Identität.“

Evangelikale für Bolsonaro – Religionslose und junge Katholiken für Lula? Das wäre eine grobe Verallgemeinerung, die aber nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

Ricardo Mariano von der USP meint, dass der PT-Kandidat Lula bei der sich von der Religion entfernenden Bevölkerungsgruppe besser abschneiden dürfte. „Die gegenwärtige Bolsonaro-Regierung hat sich ultrakonservative moralische Richtlinien, Waffen-Liberalisierung, Homophobie, Autoritarismus und eine antiökologische, antiwissenschaftliche Politik zu eigen gemacht. Insbesondere während der Pandemie hat dies junge Menschen sehr von ihr entfremdet“, beobachtet der Professor. „Diese jungen Leute haben Zugang zu vielen Informationen und sind in einer Reihe von Themen tendenziell wenig konservativ. Deshalb herrscht unter ihnen Ablehnung gegenüber der Bolsonaro-Regierung vor.“

Einfluss auf die Wahlen im Oktober

Regina Novaes stellt aber klar, dass Evangelikale keine homogene Gruppe – und Meinungen genauso wie bei den Nicht-Religiösen fließend seien. „Aber ja, man kann sich vorstellen, dass mehr junge Menschen abseits der Kirchen die jetzige Regierung hinterfragen und sich Lula annähern. In der Tendenz sind junge Evangelikale sicherlich konservativer und obrigkeitsgläubiger und somit potenzielle Wähler von Bolsonaro, während die Nicht-Religiösen und große Teile der Katholiken Lula wählen werden. Aber nicht vergessen werden darf: Alle Brasilianer haben neben der religiösen Orientierung auch noch eine Hautfarbe, sie haben eine soziale Klasse, einen Platz im Leben. Wie sich all diese Faktoren bei der Präsidentenwahl auswirken werden, wird sich zeigen.“

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