Spiritualität

Beginenhof von Anderlecht: Bei frommen Frauen

Belgiens kleinster Beginenhof erstrahlt wieder in seinem alten Glanz.
Beginenhof von Anderlecht
Foto: Reiter | Außerhalb der historischen Stadtmauern von Brüssel: Der Beginenhof von Anderlecht.

Vor allem in Flandern und in den Niederlanden waren sie vom Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert nicht aus dem Stadtbild wegzudenken: Beginenhöfe, die typische Wohnanlage der Beginen, einer religiösen Laiengemeinschaft, die ihr Leben am Armuts- und Bußideal in der Nachfolge Jesu Christi vor allem durch karitative Tätigkeiten für Kranke, Arme und Sterbende ausrichtete.

In Städten wie Amsterdam, Brügge oder auch Essen bestanden Beginenhöfe meistens aus einem um einen Innenhof gruppierten architektonischen Ensemble aus kleinen Wohnhäusern der Beginen, gemeinschaftlichen Konventhäusern, einer Kapelle, Nebengebäuden und oft noch einem größeren Haus für die Beginenmeisterin, umgeben von einem Nutz- und Ziergarten oder einer Grünanlage, durch eine Mauer oder einen Wassergraben vom Rest der Stadt abgegrenzt.

800 Jahre Tradition

Von ehemals 80 Anlagen in den früheren Vereinigten Niederlanden sollen noch etwa dreißig erhalten sein, die meisten davon in Belgien. 2013 verstarb mit Marcella Pattyn im westflämischen Kortrijk die letzte Begine. Mit ihr endete eine 800 Jahre alte Tradition frommer Frauen. Grund genug, die noch erhaltenen Perlen christlicher Stadtarchitektur zu pflegen und zu bewahren. So wie jetzt in Brüssel, wo sich der kleinste Beginenhof Belgiens befindet und nach umfassender einjähriger Renovierung zumindest temporär wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Den Reparaturarbeiten gingen mehr als zehn Jahre akribischer wissenschaftlicher Forschung voraus. Sie war Voraussetzung, um den Beginenhof im Stadtteil Anderlecht wieder in seinen beinahe ursprünglichen Zustand zu versetzen, und zwar mit den Materialien, Techniken und Farben, die die Beginen vom 15. bis 18. Jahrhundert gekannt haben müssen.

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Bemerkenswerter historischer Gebäudekomplex

Der denkmalgeschützte Anderlechter Beginenhof bildet zusammen mit dem benachbarten Erasmushaus und der gotischen Stiftskirche St. Peter und St. Guido einen bemerkenswerten historischen Gebäudekomplex mitten im Zentrum der Gemeinde. Er besteht aus zwei Flügeln, deren Bauteile aus dem fünfzehnten, sechzehnten und achtzehnten Jahrhundert stammen und die von einem ummauerten Garten mit Brunnen umgeben sind. Der Beginenhof bot Platz für acht Beginen und diente nach der Französischen Revolution bis zu seiner Schließung 1928 als Hospiz und Wohnhaus für verarmte Frauen. Danach wurde er in ein Museum für Volks- und Heimatkunde umgewidmet.

Im Herbst 2023 soll der restaurierte Beginenhof als Museumsprojekt über das Leben der Beginen endgültig seine Pforten öffnen. Doch bereits jetzt haben Besucher die Möglichkeit, das vollständig restaurierte architektonische Juwel zu bewundern, bevor es zu einem Ausstellungsraum wird. „Die Wiedereröffnung wird begleitet werden von Aktivitäten rund um die Gebäude und die Geschichte der Beginen, wie Führungen, Auftritte bildender Künstler, Konzerte, Vorträge über die Beginen und verschiedene Facetten der Beginenbewegung“, erklärt Zahava Seewald, Direktorin der Städtischen Museen von Anderlecht gegenüber dem kirchlichen Wochenblatt „Kerk en Leven“. Die Beginenbewegung biete ein besonders reichhaltiges und vielfältiges Forschungsfeld, sagt sie dort. „Man kann es aus vielen Blickwinkeln studieren, soziologisch wie spirituell, anthropologisch, psychologisch, literarisch und sogar feministisch.“

Wichtige kirchliche Rolle

Der Beginenhof von Anderlecht wurde 1252 gegründet und befand sich außerhalb der alten Stadtmauern von Brüssel. „Auch das ist außergewöhnlich“, lässt sich Zahava Seewald in „Kerk en Leven“ zitieren. „Andere Beginenhöfe genossen fast immer den Schutz der Stadtmauern. Bemerkenswert ist auch die Struktur, mit der die Gebäude errichtet werden. Schöne Handwerkskunst wurde bewahrt und von Fachleuten geschickt restauriert.“ Von den Beginen des 13. Jahrhunderts sei jedoch nur wenig dokumentiert, so die Museumsdirektorin. „Dokumente aus dem 16. und 17. Jahrhundert zeigen, dass sie eine wichtige Rolle in der Kirche spielten. Sie waren Gehilfinnen von Kanonikern oder kirchlichen Würdenträgern, sie übernahmen gewisse Aufgaben in der Stiftskirche, wie Nähen, Putzen, Sammeln während des Gottesdienstes, Pflege kranker Geistlicher.“ Wie so viele andere Beginenhöfe und Mönchsorden im heutigen Belgien hatte der Beginenhof von Anderlecht die Französische Revolution in seiner ursprünglichen Form nicht überstanden.

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Thomas Philipp Reiter Frömmigkeit Jesus Christus

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