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Auf Zypern wächst die Kirche

Obwohl türkische Truppen vor 50 Jahren große Teile Nord-Zyperns besetzten und dann annektierten und alle griechisch-orthodoxen Christen vertrieben wurden, erlebt die katholische Kirche dort einen Aufschwung.
Lala-Mustafa-Pascha-Moschee in der Altstadt von Magusa
Foto: H.Tschanz-Hofmann via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Viele christliche Gotteshäuser wurden nach der Eroberung Zyperns durch die Osmanen 1570 als Machdemonstration in Moscheen umgewandelt, wie die vormals prächtige gotische Sankt Nikolaus-Kathedrale in Magusa.

Das Christentum erreichte die Insel Zypern durch den Apostel Paulus und seinen Begleiter Barnabas noch vor dem europäischen Festland. Der erste Bischof der Insel, eingesetzt von Paulus und Barnabas, soll Lazarus, der Freund Jesu, gewesen sein. Sein Grab wird in Larnaca verehrt. Obwohl der international anerkannte Staat Zypern heute zur EU gehört, bleibt die Insel für die katholische Kirche ein Teil des Heiligen Landes. Mit dem Heiligen Land war nämlich ihr Schicksal seit Beginn ihrer Christianisierung sehr eng verbunden.

Zypern war nach der Spaltung der alten Kirche 1054 bei Byzanz verblieben. Deshalb begann ihre Beziehung zur katholischen Kirche erst in der Zeit der Kreuzzüge, als im Jahre 1126 Kaufleute aus Venedig und Genua sich auf der Insel ansiedelten. Nach dem Verlust des Heiligen Landes intensivierten sich diese Beziehungen, als im Jahre 1192 der Titularkönig von Jerusalem, Guy de Lusignan, die Insel von Richard Löwenherz erwarb und dort sein Exil und viele prächtige Kirchen errichtete.

Katholiken kamen erst im 12. Jahrhundert

Im Jahre 1196 wurde erstmals ein katholischer erzbischöflicher Stuhl in Nikosia errichtet, dem die Bischofssitze von Famagusta, Limassol und Paphos zugeordnet wurden. Die Mehrheit der Inselbevölkerung blieb auch in dieser Zeit griechisch-orthodox, Katholiken stellten nur etwa 15–20 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber sie bildeten die Oberschicht. Mit dem Fall von Akko in Palästina im Jahre 1291 wurde Zypern zur Bastion des westlichen Christentums, zum Handelszentrum mit der Levante und vielleicht nach Venedig zum reichsten Land Europas.

Als die Osmanen in den Jahren 1570–1571 die Insel eroberten, richtete sich deren Hass vor allem gegen die herrschenden Katholiken, die massakriert oder ausgewiesen wurden. Viele Katholiken flüchteten nach Rhodos, Malta oder in den Libanon, Dutzende von prächtigen gotischen Kathedralen und Kirchen wurden in Moscheen umgewandelt, aber behielten bis heute als Machtdemonstration ihr Äußeres als Kirche.

Katholische Kirche wurde aufgelöst

Die katholische Kirche wurde von den neuen Machthabern förmlich aufgelöst, während die autokephale griechisch-orthodoxe Kirche von Zypern die einzige anerkannte Kirche der Insel wurde, da ihr Zentrum in Konstantinopel war. Die auf Zypern bleibenden Katholiken hatten die Wahl, entweder zum Islam überzutreten oder griechisch-orthodox zu werden. Einige wählten einen dritten Weg und hielten sich im Troodos- und Pentadaktypos-Gebirge und auf der Halbinsel Karpasia jahrhundertelang versteckt, bis die britische Herrschaft 1878 auf Zypern begann.

Während die einfache katholische Bevölkerung vertrieben oder zwangskonvertiert wurde, konnten die Franziskaner im Jahre 1596 von Jerusalem aus auf Zypern zwei Konvente gründen, denn der Stadtstaat Venedig hatte mit den Osmanen einen Friedensvertrag abgeschlossen. In dieser Zeit entstand wieder eine kleine Gemeinschaft von Katholiken. 1646 wurde im Kloster Santa Croce in Nikosia die Schule „Terra Santa“ gegründet, die älteste bis heute bestehende Schule des Landes.

Auf Unabhängigkeit folgt wieder Vertreibung

Im 18. und 19. Jahrhundert bildete sich in Larnaca sogar wieder ein „Franken-Viertel“, auf den Resten des alten Kreuzfahrerviertels. In der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte eine Gemeinde von etwa 400 bis 600 Katholiken auf der Insel. Unter britischer Herrschaft seit Juli 1878 wurde die katholische Gemeinschaft ein integraler Teil der zypriotischen Gesellschaft. Als im Jahre 1960 die Unabhängigkeit des Landes ausgerufen wurde, waren katholische Laien-Vertreter Mitglied im Parlament des Landes, obwohl die orthodoxe Kirche eine Art Staatskirche wurde.

Bei der türkischen Invasion im Jahre 1974 wurden 1 500 Menschen getötet, 162 000 griechisch-orthodoxe Christen vertrieben, 550 orthodoxe Kirchen, Klöster oder Kapellen im Nordteil der Insel entweiht und teilweise in Moscheen und Hotels umgewandelt oder dem Verfall preisgegeben. Auch 30 katholische Familien aus dem heute nord-zypriotischen Teil der Insel wurden vertrieben, der Konvent und die Schule der Franziskaner in Famagusta geschlossen.

Allerdings durften einige Hundert katholische Maroniten in ihren Dörfern als einzige geschlossene christliche Gemeinschaftssiedlungen im Norden der Insel bleiben. In die verlassenen Dörfer der Griechen in Nordzypern siedelten die türkischen Militärs radikale türkische Sieder aus Anatolien an, die heute bereits im Nordteil die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Nur in Rizokarpaso/Dipkarpaz besteht noch eine kleine griechische Gemeinde in Nordzypern.

Hauptkloster der Insel in der Pufferzone

Der seit dem Jahr 1847 auf der Insel residierende Apostolische Vikar („Generalvikar“), der dem Lateinischen Patriarchat von Jerusalem unterstellt ist, hat im Franziskanerkloster Nikosia seinen Sitz. Dieses liegt heute in der von der UN kontrollierten Pufferzone, die die beiden Inselhälften trennt. In Nikosia gibt es auch zwei katholische Schulen. Weitere drei katholische Pfarreien in Larnaca, Limassol und Paphos befinden sich in Franziskanerklöstern.

Doch trotz Teilung der Insel wuchsen mit dem zahlenmäßigen Wachstum der Gemeinschaft auch die Aufgaben und Betätigungsfelder der katholischen Kirche. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Angesicht der katholischen Gemeinschaft der Insel wiederum stark verändert: Mit dem Beitritt Zyperns zur EU 2004 zogen viele Europäer nach Zypern. Ihnen folgten asiatische, lateinamerikanische und besonders in den letzten Jahren afrikanische Gläubige. Auch im türkischen Nordteil der Insel sind in den letzten Jahren vier neue katholische Gottesdienstorte entstanden, weil über den türkischen Norden viele Asylbewerber und Studenten aus aller Welt nach Zypern gekommen sind.

Katholische Gemeinschaft besteht vorwiegend aus Afrikanern

Im Nordteil war lange die Stadt Kyrenia, die die Türken in Girne umgetauft haben, der einzige katholische Gottesdienstort. Seit einigen Jahren studieren in Famagusta, türkisch Mağusa, der geheimen Hauptstadt des Nordteils, einige Hundert katholische Afrikaner. Obwohl die 40 000 Einwohner-Stadt ein Dutzend Kirchenruinen zählt, die Hälfte davon sind Moscheen, ist heute ein alter Kinosaal, den die Universität den Afrikanern überlassen hatte, der einzige katholische Gottesdienstort der Stadt. Die prächtige gotische katholische Nikolaus- Kreuzfahrerkathedrale, die Grablege der Lusignan, ist seit 1570 eine Moschee.

Neben Kyrenia und Famagusta kamen in den letzten Jahren auch die Städte Lefke und Lefkosa, das ist der türkische Teil von Nikosia, als katholische Gottesdienstorte hinzu. Die Gemeinschaften auch dort bestehen vorwiegend aus Afrikanern. Heute gibt es also im Nordteil mehr römisch-katholische Gemeinden als in der Zeit vor der türkischen Besetzung, als die Insel noch ungeteilt war.

Wiedervereinigung in weiter Ferne

Die katholischen Gemeinden auf Zypern bestehen, wie die in Israel, immer mehr aus Zuwanderern vorwiegend aus Afrika, wo das Christentum insgesamt noch am stärksten wächst. Auch diesbezüglich gleicht sich Zypern der Situation im Heiligen Land immer mehr an.

Die nun seit 50 Jahren bestehende Teilung der Insel Zypern und seiner Hauptstadt Nikosia besteht in diesem Jahr schon länger als die Teilung Deutschlands und Berlins, die „nur“ 45 Jahre gedauert hat. Im Südteil der Insel ist weiter Türkisch die zweite Amtssprache, im Norden nur noch Türkisch. Bemühungen zur Wiedervereinigung scheiterten regelmäßig am Widerstand aus Ankara.

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