Sprache

Anna-Maria Balbach : Klagen und Jammern sind ihr fremd

Anna-Maria Balbach hat den Wortschatz von Katholiken und Protestanten in der Pandemie untersucht.
: Sprachwissenschaftlerin Anna-Maria Balbach
Foto: Leon Balbach | Hält auch in schwierigen Zeiten ihre positive Grundhaltung durch: Sprachwissenschaftlerin Anna-Maria Balbach.

Die Corona-Pandemie, die angesichts stark steigender Inzidenzzahlen nach wie vor nicht vorbei ist, hat das Leben von Anna-Maria Balbach in den vergangenen Jahren stark geprägt: Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut der Universität Münster und Leiterin des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekts „Sprache und Konfession 500 Jahre nach der Reformation“ hat den Wortschatz von Katholiken und Protestanten in der Pandemie untersucht und ist dabei zu aufschlussreichen Ergebnissen gekommen. Auf der persönlichen Ebene hat sich die positive Grundhaltung der bekennenden Katholikin auch in dieser schwierigen Zeit bewährt und bestätigt und sie vor allem sich selbst fragen lassen: Was kann ich tun? Wie kann ich helfen und die Situation verbessern?

1980 in Bottrop geboren, legte Anna-Maria Balbach im Jahr 2000 ihr Abitur an der Bischöflichen Canisiusschule Ahaus ab und studierte von 2001 bis 2006 Germanistik und Katholische Theologie in Münster; 2013 wurde sie promoviert. Der erste Lockdown im Frühjahr 2020 brachte für sie große Veränderungen mit sich, denn vom einen Tag auf den anderen befanden ihr Mann, ihre drei Kinder und sie sich tagsüber alle zu Hause. „Der private und berufliche Bereich waren überhaupt nicht mehr zu trennen, und wir brauchten viel Organisationstalent und Zeitmanagement, um alles zu regeln.“ Die Arbeitszeiten erstreckten sich damals bis in den späten Abend und den frühen Morgen. Doch die besondere Herausforderung konnte die Bilderbuch-Mutmacherin mit ihrem ansteckenden Optimismus nicht aus der Bahn werfen; Klagen und Jammern sind ihr fremd.

Belastender Lockdown

„Natürlich war das anstrengend und belastend, auch für die Kinder“, merkt sie mit erfrischender Offenheit an. „Aber wir haben den Kopf nicht hängen lassen, sondern das Beste daraus zu machen versucht.“ Ihr Vorteil: Für die Forschung freigestellt, musste sie sich um keine Lehrveranstaltungen kümmern. Alle Besprechungen und Konferenzen innerhalb ihres Forschungsteams, das vier Personen umfasst, mussten digital abgehalten werden, was aber gut funktionierte: Bei einem mehrjährigen Lehr-Aufenthalt an der Yale Universität in New Haven (USA) hatte Anna-Maria Balbach bereits online unterrichtet. „Für viele Lehrende und Studierende aber war das eine schreckliche Situation, weil nicht klar war, wie lange es keine Präsenzlehre mehr geben und alles nur noch digital veranstaltet würde“, räumt die Germanistin ein. „Die meisten Dozierenden kennen sich mit Online-Pädagogik oder -Didaktik nicht so gut aus.“ Das Germanistische Institut der Uni Münster aber habe in der Umstellungsphase Schulungen angeboten und die entsprechende Software angeschafft. Aus Sicht der Studierenden war nach Balbachs Eindrücken allerdings die Isolation das größte Problem. „Viele hatten Angst, nach Hause zu gehen, weil sie sich nur noch auf wenigen Quadratmetern in ihrem kleinen Studentenzimmer aufhalten konnten.“

Bei der Arbeit an ihrer Dissertation über die deutsche Sprache in der frühen Neuzeit hatte Anna-Maria Balbach herausgefunden, dass Katholiken und Protestanten sich in der Zeit der Reformation einen unterschiedlichen Sprachgebrauch zugelegt hatten: War die Sprache der evangelischen Christen stark an der Luther-Bibel orientiert und dadurch vom Ostmitteldeutschen geprägt, so richteten die Katholiken sich damals vorwiegend am Oberdeutschen aus. „Wir haben uns in unserem Team gefragt: Was ist daraus geworden, wo sind diese Unterschiede geblieben?“ Zugrunde lag dem die Überzeugung, dass nicht nur eine bestimmte Person, sondern auch eine Gruppe oder Institution ihren eigenen Sprachstil haben kann. Das vierköpfige Team nahm sich für seine Studie den WDR-Jugendsender „1Live“ vor und untersuchte die Radioverkündigungen „Kirche in 1Live“ der vergangenen zehn Jahre. Im Zusammenhang mit der Pandemie ist besonders interessant, was die Forscher für den Zeitraum 2020 und 2021 herausgefunden haben.

Coronaspuren im Wortschatz

Welche Spuren hat Corona im Wortschatz der katholischen und evangelischen Radiobeiträge hinterlassen? Die Ergebnisse sind verblüffend, weil sie zeigen: Katholiken reden anders über Corona als Protestanten. „Die Themen und der Wortschatz der Beiträge änderten sich in dieser Zeit“, stellt die Sprachwissenschaftlerin fest. „Während Katholiken in ihren Beiträgen sehr stark auf Corona eingegangen sind, waren Protestanten sehr zurückhaltend.“ So spielten in evangelischen Beiträgen zum Beispiel die Bibel, Bibelzitate und biblische Figuren eine große Rolle, in den katholischen Sendungen standen dagegen die Alltagsrelevanz und das Vermitteln von Trost und Mut im Vordergrund. „Gott“, das am häufigsten gebrauchte Substantiv in evangelischen Radiobeiträgen, wurde kein einziges Mal in einem mit Corona in Zusammenhang stehenden Beitrag benutzt.

Zeitliche Begriffe wurden von katholischen Autoren eher auf Situationen in der Pandemie bezogen, von evangelischen Autoren dagegen im buchstäblichen Sinne verwandt. Seien im ersten Lockdown noch viele Begriffe aufgetaucht, die mit den – damals häufig im Internet ausgestrahlten - Gottesdiensten zu tun gehabt hätten, so sei das im zweiten Lockdown überhaupt kein Thema mehr gewesen, erläutert Balbach. Konfessionsübergreifend fiel dem Forschungsteam auf, dass Wörter wie „Hamsterkäufe“ und Wortschöpfungen, die vorher dort nie aufgetaucht waren, im Zusammenhang mit Corona Einzug in die Radioverkündigung hielten. Inzwischen ist die Studie über die Corona-Zeit als Fachaufsatz für einen wissenschaftlichen Sammelband eingereicht worden, der im nächsten Jahr erscheinen soll.

Keine Zeit für Entschleunigung

Eine Entschleunigung hat es, wie man sich vor diesem Hintergrund gut vorstellen kann, in Corona-Zeiten bei Anna-Maria Balbach nicht gegeben; im Gegenteil: Es gab für sie noch mehr zu tun als sonst. Um aber einen Kontrapunkt gegen das ständige Homeoffice zu setzen, ist sie mit ihrem Mann und ihren Kindern vermehrt in die Natur gegangen, hat das Münsterland erwandert und neu für sich entdeckt. Angst vor einer Infektion und Erkrankung hat sie nicht gehabt, sich aber vierfach impfen lassen und auch stets sehr vorsichtig verhalten. Vor wenigen Wochen jedoch hat auch sie sich infiziert; sie hatte allerdings einen milden Krankheitsverlauf. Stört es sie, dass die gesellschaftliche Solidarität seit dem ersten Lockdown so stark nachgelassen hat? „Ach wissen Sie, für viele Menschen kam in der Corona-Zeit so viel zusammen, dass ich zu verstehen versuche, warum sie so handeln“, sagt die einfühlsame 41-jährige.

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