Sozialunternehmen

Als Banker die soziale Ader entdeckt

„Generationsbrücke Deutschland“: Wie Horst Krumbach zum erfolgreichen Sozialunternehmer wurde.
Horst Krumbach in Aktion
Foto: R. Thiede | Schaltstelle Büro: Horst Krumbach in Aktion.

Auffallend im schlichten Büro von Horst Krumbach sind die Bilder: Horst Krumbach mit Bundespräsident Steinmeier. Horst Krumbach mit Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel, Horst Krumbach mit Manuela Schwesig. Neben den Fotos liest man Headlines von Artikeln: „Bundesregierung von Generationsbrücke begeistert“ oder „Generationsbrücke reicht bis New York“. An einer zweiten Wand hängen Urkunden, wie die zum „Deutschen Engagementpreis 2014“ oder „Bundessieger startsocial 2011“ – alles Auszeichnungen, welche die Generationsbrücke Deutschland für ihre Arbeit in den vergangenen Jahren seit ihrer Gründung 2009 erhielt.

Ausstieg aus der Bankenwelt

„Mein Leben war das eines karriereorientierten Bankers. Aber irgendwann entwickelten sich die Bankwelt und ich uns in entgegengesetzte Richtungen.“ Es ging am Ende um Wertvorstellungen „und das, was das Leben eigentlich ausmacht“. Als junger Mann, gerade Mitte Zwanzig, wurde er bereits Leiter einer kleinen Geschäftsstelle in einer Aachener Genossenschaftsbank, drei Jahre später war er als Hauptstellenleiter verantwortlich für 30 Mitarbeiter. „Doch es kam der Punkt, da fand ich mein Tun leer und sinnlos“, betont Horst und verweist auf seine schon früh ausgeprägte „soziale Ader“. Scheinbar von heute auf morgen stellte er sich die Frage, ob es nicht brennendere Probleme gäbe, als die Geldvermehrung seiner Kunden.

Er begann eine Ausbildung zum Heilpraktiker. „Ich empfand das Leben damals als so bedrückend, dass – als es mir selbst besser ging – ich auch wollte, dass es anderen Menschen gut geht.“ Das wurde Horst Krumbach zur Mission: zur Freude anderer Menschen da zu sein – seiner Mitmenschen als auch sich selbst „um die Welt etwas besser zu machen“. Dieses Prinzip lernte er auch bei seiner Eigentherapie recht schnell: wer sich selbst nicht lieben kann, hat auch Probleme andere Menschen zu lieben. Die Achtung vor sich selbst sei gewissermaßen eine Voraussetzung, um zur Freude für andere Menschen da zu sein.

Beistand durch seine Frau

Horst Krumbach geht offen auf seine Mitmenschen zu und seine Erfahrung lehrte ihn, dass „ich die interessantesten Gespräche immer dann führte, wenn ich meine Schwächen outete“. Seine Heilpraktiker- Ausbildung beendete er nicht, aber er sieht auch sie rückblickend nicht als Zufall an, denn in dieser Zeit fand er zur Finanzierung seines Lebensunterhaltes einen Aushilfsjob als Buchhalter im Marienheim in Aachen-Brand, einem Altenpflegeheim.

„Mit Blick auf Begriffe wie Sozialprestige war meine neue Teilzeittätigkeit natürlich ein totaler Rückschritt“, resümiert Horst. Und er weiß auch, dass ohne den Beistand seiner Frau Birgit ihm der Wandel vom unglücklichen Banker zum begeisterten Sozialunternehmer nicht gelungen wäre.

Er ruht in einem tiefen Glauben

Als die Pflegeversicherung vom Gesetzgeber in Deutschland eingeführt wurde und damit auch neue Aufgaben und viel Arbeit auf die Träger und Verwaltungen von Heimen zu kam, erhielt Krumbach das Angebot, in Vollzeit im Marienheim zu arbeiten, was er auch annahm. So arbeitete er sich immer tiefer in die Prinzipien und Aufgabenfelder eines Alten- und Pflegeheims ein, wurde zur zweiten Hand seines Chefs und als dieser Ende 2003 in den Ruhestand ging, auch sein Nachfolger. „Ich hatte nie vor, Heimleiter zu werden, zumal ich dafür gar nicht ausgebildet war. Aber die Heimaufsicht in Aachen akzeptierte mich als ,erfahrenen Quereinsteiger‘ und stimmte zu.“

Wer Horst Krumbach auf seinen Glauben anspricht, erfährt Interessantes, scheinbar Widersprüchliches. Einerseits sagt er von sich „nur ein normaler Durchschnitts-Katholik zu sein“, anderseits spricht er von „einem tiefen Glauben“, in dem er ruhe. Und fügt hinzu: „die Mutter aller Ängste – die Angst vor dem Tod, die hatte und habe ich bis zum heutigen Tag nie gehabt“. Sein Glaube hat ihn davor beschützt, „denn das Leben geht weiter“, ist er sich sicher. Leben ist für ihn etwas Zielgerichtetes. „Ohne diese Zielrichtung wäre das Leben sinnlos“, steht für ihn fest.

Unterstützung in letzter Lebensphase

Dass er heute für alte, hilfsbedürftige Menschen in ihrer letzten Lebensphase da sein kann, sieht er persönlich als „großen Segen“. Viele Menschen in den Pflegeheimen leiden mehrfach, einerseits körperlich und natürlich auch seelisch. „Und da möchte ich einfach einen Beitrag leisten, dass ihr Leben und ihr Alltag etwas schöner wird“.

Aber wie kam Horst Krumbach, der bei US-Aufenthalten eine Privatpiloten-Lizenz erwarb, auf die Idee der Generationsbrücke? „Mein Interesse an den USA bezog sich natürlich auf die dortige Pflegeheimlandschaft“, sagt Horst Krumbach. So hospitierte er 2007 sechs Wochen lang in 18 Pflegeheimen in Denver, um dort das generationenübergreifende Projekt von „Bessie‘s Hope“ kennenzulernen. Die Organisation begann 1994 als „Rainbow Bridge“ und mit dem Slogan „Bringing Generations Together“ mit einem „Youth and Elders Programm“. „Schon am ersten Tag erlebte ich die Wirkungen des Programms an den Menschen“, so Krumbach. „Das überzeugte mich sofort, und ich wollte das Konzept auf unsere Verhältnisse in Deutschland übertragen.“

Generationenbrücke Deutschland gegründet

Bei einem Vortrag im Marienheim stellte er die „Rainbow Bridge“ seinen Kollegen vor. „Alle merkten gleich, wie ich Feuer und Flamme für diese praktischen Ideen und Aktionen zwischen Alt und Jung war.“ Gemeinsam mit einer Sozialdienstmitarbeiterin hat er fast eineinhalb Jahre an der Adaptierung des Konzepts gearbeitet, um dann am 1. Mai 2009 mit der Generationsbrücke in Deutschland zu starten.

Heute, 13 Jahre später, ist die „Generationsbrücke Deutschland“ bundesweit vertreten und wird von über 250 Altenpflegeheimen, Kitas und Schulen erfolgreich umgesetzt. Wissenschaftlich begleitet wird das erste generationenübergreifende Sozialunternehmen von einem hochkarätigen Beirat, dem so nennenswerte Wissenschaftler wie der Hirnforscher Gerald Hüther und der Gerontologe Andreas Kruse angehören. 2018 übernahm Angela Merkel als Bundeskanzlerin die Schirmherrschaft und feierte gemeinsam mit der Generationsbrücke Deutschland deren zehnjähriges Jubiläum in 2019.

Wünsche eines Visionärs

Natürlich bleiben einem Visionär wie Horst Krumbach immer noch Wünsche. „Ich hoffe, es kommt die Zeit, dass es in Deutschland zur absoluten Selbstverständlichkeit gehört, dass Alt und Jung auf allen Ebenen intergenerationell zusammenwirken und die heutigen Prinzipien der Generationsbrücke zum festen Bestandteil aller Lehrpläne in den Schulen der Bundesländer werden.“ Um diese Ziele zu erreichen müssen auch Gesetze geändert werden. „Vermutlich geht das alles nur, wenn sich unsere Prinzipien und unser Handeln einerseits in einer Verankerung in der Pflegegesetzgebung und anderseits in den Bildungsempfehlungen der Kultusminister der Länder niederschlagen.“ Aber das ist noch ein weiter Weg.

Gekürzte und aktualisierte Fassung aus dem Buch, „Die Generationsbrücke – Wie das Miteinander von Alt und Jung gelingt“ (Herder Verlag).

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