Zwischen Desinteresse und Herzensangelegenheit

Nachdenken über die „ewige“ Institution Familie – Ein Essay vor dem Weltfamilientreffen mit dem Papst. Von Bernhard Huber

Wer das „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ (Hamburg 2013) durchblättert und auf die Idee kommt, nach dem Wort „Familie“ zu suchen, muss feststellen: Fehlanzeige. Dabei haben wir der Philosophie gewagteste metaphysische und nichtmetaphysische Denkgebäude zu verdanken. Einen „-ismus“ nach dem anderen brachte und bringt sie hervor: Idealismus, Rationalismus, Existenzialismus, Materialismus und wie sie alle heißen mögen. Das Sein wird fein säuberlich vom Seienden, Zufälliges vom Notwendigen, Verstand von Vernunft, Wort vom Begriff, das Ding vom Ding an sich geschieden. Die Philosophiegeschichte lehrt uns, genauestens auf die Differenzen von Theismus und Deismus zu achten, und bis heute reißen die Bemühungen nicht ab, per Denken sogar in die transzendentalen Geheimnisse des Allerhöchsten vorzudringen.

Gerade deshalb fällt es auf, dass das natürliche Biotop Familie den Meistern des Geistes all die Jahrhunderte hindurch als Thema ihrer Bemühungen entgangen sein soll. Sie ist zwar Thema von Human-, aber so gut wie nie von Geisteswissenschaften. Obwohl im Leben jedes Einzelnen irgendwie präsent, interessieren sich die Denker eher für das Individuum, nicht aber für seine Familie. Die ist wohl zu selbstverständlich, vielleicht auch zu natürlich, um sie eines tieferen Nachdenkens zu würdigen. Einen ähnlichen Denkausfall stellt man übrigens auch bei den Wirtschaftswissenschaften bis in die heutige Zeit fest (erst Gary Becker hat Ende des letzten Jahrhunderts das Humanvermögen und den Wirtschaftsfaktor Familie untersucht).

Familie zu denken, ist allerdings, gerade weil diese Lebensform so natürlich, so omnipräsent ist, mit allerlei Unwägbarkeiten verbunden. Denn sie sperrt sich gegen jede Vereinnahmung, auch gegen eine definitorische. Die ihr innewohnende Dynamik und Lebenskraft erlaubt es nicht, sie in einen allgemein gültigen Satz nach dem Muster „Familie ist, wenn“ zu packen. Außerdem hat es den Eindruck, dass die gesellschaftlichen Erwartungen an eine Definition von Familie derzeit so hoch sind, dass es aussichtslos scheint, sich an einer solchen zu versuchen, jedenfalls an einer, die mit einer breiten Akzeptanz rechnen könnte. Deshalb sind manche politischen Definitionen auch so defizitär und auf nur ein Kriterium beschränkt, etwa „Familie ist da, wo Kinder sind“, oder, eher schon karikierend, „Familie ist da, wo ein Kühlschrank steht“. Unabhängig davon bleibt festzuhalten, dass die Familie (und das, was man sich unter ihr vorstellt) nach wie vor hoch im Kurs steht, wie diverse empirische Erhebungen immer wieder belegen.

Auch im „Katechismus der katholischen Kirche“ begegnet man einer gewissen Zurückhaltung, wenn unter Bezug auf die Natürlichkeit der Familie gesagt wird: „Ein Mann und eine Frau, die miteinander verheiratet sind, bilden mit ihren Kindern eine Familie“ (KKK, 2202). Definiert wird also nicht „die“, sondern „eine Familie“. Das II. Vatikanische Konzil hinterlässt in der pastoralen Konstitution Gaudium et spes sogar den Eindruck, der Familie käme gar keine Eigenständigkeit zu, sie wäre nur die Vollendung der Ehe: „Durch ihre natürliche Eigenart sind die Institutionen der Ehe und die eheliche Liebe auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet und finden darin gleichsam ihre Krönung“ (Nr. 48). Auch das Kirchenrecht kennt zwar ein Ehe-, aber kein Familienrecht. Dieser Befund wird nur noch paradoxer, wenn man gleichzeitig feststellt, dass es die katholische Kirche ist, die mit einer „Charta der Familienrechte“ nach wie vor bahnbrechend ist, wenn es um die Darstellung der Familie im Leben der Menschen geht.

So selbstverständlich die Familie als Lebensform präsent ist, so ist es auch das Wort. Wenn man seinen begrifflichen Inhalt einmal beiseite lässt, erkennt man schnell, dass es seine Tücken hat. Enge verwandtschaftliche Verhältnisse sind ebenso familiär wie freundschaftliche. Die „Familie“ wird auch gerne im übertragenen Sinne verwendet, wie das Beispiel der „Wortfamilie“ zeigt. Die „Familie“ ist ein einzigartiges menschliches Wort, unter dem sogar die ganze Menschheit als „Menschheitsfamilie“ firmieren kann. Obwohl die von der Reklame propagierte „Heile-Welt-Familie“ inzwischen der Vergangenheit angehört, so spielen auch hier familiäre Bande weiterhin eine tragende Rolle. Der Technologiekonzern Siemens ging bis zur Jahrtausendwende sogar so weit, für sich und die von ihm produzierten Haushaltsgeräte zu beanspruchen: „Wir gehören zur Familie“. Wenn schließlich auch Haustiere als Familienmitglieder betrachtet werden, so wird zumindest deutlich, dass das Wort „Familie“ eine Idee bezeichnet, von der wir zutiefst durchdrungen sind.

Sie entspricht dem Sehnen des Menschen nach Öffentlichkeit und Privatheit, nach Gemeinschaft und Geborgenheit, nach Ruhe und Geselligkeit gleichermaßen. Damit lässt sich postulieren: Wer die Familie definiert, definiert den Menschen, und wer den Menschen definiert, definiert die Familie. So bezeichnet Papst Johannes Paul II. in seinem Brief an die Familien vom 2. Februar 1994 das Menschsein „nach Maßgabe der empfangenen Gaben“ als die „fundamentale Berufung“ des Menschen, der als Mann und Frau geschaffen wurde. In dieser „Ur-Dualität“ erkennt er die Quelle für Weiblichkeit und Männlichkeit, die zugleich prägend ist für Familie und Gesellschaft.

Insofern haben die Philosophen natürlich auch über die Familie nachgedacht, wenn sie über den Menschen nachgedacht, ihn zum Maß aller Dinge erklärt, sein Sein vom Denken hergeleitet, seine Geschöpflichkeit reflektiert, seine absolute Existenz heraufbeschworen, ihn einmal im Licht des Glaubens, ein anderes Mal aus atheistischer Perspektive betrachtet haben. Der Mensch löst sich nicht nur nicht auf in der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Gerade in und aus der Familie heraus wird er, was er ist, indem er tut, wozu er von Gott berufen ist.

Derzeit genießt die Familie als Thema einen vergleichsweise hohen Stellenwert in der gesellschaftlichen und politischen Debatte. Doch das hat mit ihr herzlich wenig zu tun. Es ist lediglich so, dass in dem immerwährenden Bestreben nach wirtschaftlicher Optimierung eben auch sie ihren Tribut zu zahlen hat, indem ihre Souveränität und Autonomie, die ihr das subsidiär angelegte Grundgesetz uneingeschränkt zuspricht, sukzessive dem Bedarf der Wirtschaft nach „Humankapital“ geopfert wird. Die Familienpolitik der letzten Jahrzehnte hat sich das ökonomistische Weltbild so sehr zu Herzen genommen, dass sie ihren Erfolg davon abhängig macht, ob und in welchem Maße Menschen, die Kinder haben, auch erwerbstätig sind oder sein könnten. Zwar steigt die Erwerbstätigkeit insbesondere unter den Müttern ähnlich wie die außerfamiliäre Betreuung von Kleinkindern, was nach derzeitiger Denkart als Erfolg verbucht wird. Trotzdem will sich der erhoffte Kindersegen nicht einstellen, was als schicksalhaft hingenommen wird oder der oberflächlichen These von der Familie als Auslaufmodell Nahrung zuführt, deren Plausibilität einzig aus dem unreflektierten Einvernehmen rührt, wonach die Familie eine bloße gesellschaftliche Funktion ohne originären Seinsstatus sei. Ich erinnere mich an eine Aussage des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, der sein wenig ausgeprägtes Interesse an der Familienpolitik damit erklärte, dass die Deutschen nun einmal entschieden hätten, weniger Kinder zu haben. Immerhin half dieses Desinteresse noch, Familie als Institution zu sehen, was sich dann nach ihm auch in der CDU änderte. Aus der Familienpolitik wurde Familienmitgliederpolitik – meist in Funktion der Arbeitsmarktpolitik.

Wer jedoch genauer hinschaut und beispielsweise Erhebungen unter jungen Menschen studiert, erkennt, dass die Familie noch immer als Herzensangelegenheit zu den Grundpfeilern eines gelingenden Lebens gehört. Gerade deshalb wäre es aber an der Zeit, ihr endlich auch einmal ein genaueres Nachdenken zu widmen, das sich nicht nur in ihrer gerade opportunen Zweckdienlichkeit erschöpft. Die großen Weltfamilientreffen des Papstes bieten dazu immer wieder Gelegenheit. In Politik, Wirtschaft und auch in den sinnstiftenden Institutionen des Landes müsste man sie nur ergreifen.

Bernhard Huber ist Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Familienbund der Katholiken und Katholische Elternschaft in Bayern mit Sitz in München.

 

 

Hintergrund: Freude auf den Papst in Irland

Alle 500 000 Tickets, die zur Teilnahme an der heiligen Messe mit Papst Franziskus beim Weltfamilientreffen zur Verfügung standen, sind schon seit Wochen vergeben. Im Rahmen des mehrtägigen Treffens feiert der Papst am Sonntag, den 26. August, im Phoenix Park in Dublin eine große Freiluftmesse. Auch die 45 000 Tickets für das Angelusgebet mit dem Papst im Marienwallfahrtsort Knock waren innerhalb weniger Stunden vergriffen.

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