Zuviel Weltverbesserer

Dem modernen Theater stünde mehr Freude und Sorgfalt gut - Die Bühne darf nicht für Hypermoral missbraucht werden. Von Ingo Langner
Demonstration für ein "Europa der Vielen"
Foto: dpa | Theater heute: Hauptsache bunt, laut und divers.

Was dem heutigen Theater fehlt, ist mangelnde Liebe. Die Liebe der Regisseure zu den Schauspielern und zum Publikum. Wer als Regisseur seine Schauspieler dazu verdammt, die Zuschauer in Aufführungen, die sechs, acht oder sogar zehn Stunden dauern können, nahezu pausenlos anzubrüllen (wie es auch beim diesjährigen Berliner Theatertreffen leider wieder zu erleben war) wird dies nicht aus Respekt vor seinen Darstellern und den Menschen tun, die mit ihrem Obolus zum Lebensunterhalt der Spielleiter nicht unerheblich beitragen. Ursächlich für diesen Theatermissbrauch ist die überbordende Hybris von Regisseuren, die den ideologischen Instruktionen aus dem politisch rot-grünen Lager folgen und sich dem Wahn hingeben, mit ihren Werken die Welt retten zu müssen.

Passend dazu sagt Hubert Eckart von der „Theatertechnischen Gesellschaft“ in einem FAZ-Interview: „Vorne verkünden wir die Menschenrechte, hinten wirst du angeschnauzt.“ Aus dem Kontext ist ersichtlich, dass Eckart mit „hinten“ die Bühnenarbeiter, Beleuchter und Tontechniker meint. Also jene hart arbeitenden Menschen „im Off“, ohne die jeder Künstler „im On“ auf einer leeren Bühne im Dunkeln stände. Angefeuert wird all die Zeitgeisthuberei von Journalisten, die sich ebenfalls in der Rolle der Weltverbesserer gefallen und in ihren Theaterkritiken nicht beschreiben, was auf der Bühne geschieht, sondern was sie dort mit ihren ideologiegetrübten Augen sehen wollen.

Schon längst hat diese Spezies auch die Theatertreffen-Jury gekapert. Die dortigen Juroren wählen kaum noch, wie es die althergebrachten ehernen Statuten eigentlich vorschreiben, „die bemerkenswertesten deutschsprachigen Aufführungen“ einer Spielzeit aus, sondern jene, die ihren politischen Überzeugungen am nächsten kommen. Wenn das nicht vollständig gelingt, beklagt sich die Jurorin Dorothea Marcus im Interview mit dem Fachjournal „Theater heute“ so: „Ich bin ja für mich angetreten, diverseres Theater zu sehen, weiblicheres Theater zu sehen, und ich habe am Ende das Gefühl, wir haben weißes Theater für weiße Menschen ausgewählt. In der Mehrzahl auch von männlichen Menschen.“

Sprachgenaue Textarbeit ist inzwischen verpönt

Dazu passt, dass im selben Heft der Regisseurin Andrea Breth das Attribut „Die letzte Dinosaurierin“ deshalb angehängt wird, weil sie sich nicht davon abbringen lässt, ihr immer schon „detailversessenes, sprachgenaues Theater“ zu verteidigen. So jüngst mit Gerhard Hauptmanns Drama „Die Ratten“, womit sich Frau Breth derzeit vom Wiener Burgtheater verabschiedet.

In diesen Kontext passt ebenfalls, dass sich die Leitung des Berliner Theatertreffens entschlossen hat, für 2020 eine auf die Inszenierungen bezogene Frauenquote einzuführen. Wie sich bei einer Schlussveranstaltung herausstellte, hat sich die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsministerin Monika Grütters, dagegen ausgesprochen: „Das Theatertreffen als eine Art Bestenauswahl der deutschsprachigen Bühnen sollte die zehn ,bemerkenswertesten Inszenierungen‘ eines Jahres allein nach ästhetisch-künstlerischen Kriterien zusammenstellen“, so Grütters am 19. Mai 2019 in ihrer Rede beim Kongress „Burning Issues“ zur „Geschlechter(un)gerechtigkeit“.

Die Vermischung von Qualitätskriterien mit Vorgaben für das Auswahlergebnis halte sie für kulturpolitisch widersprüchlich und gleichstellungspolitisch kontraproduktiv. „Denn diese Einschränkung der Entscheidungsfreiheit der Jury kann und wird dazu führen, dass erstens eine Inszenierung nur deshalb nicht eingeladen wird, weil es sich um die Regiearbeit eines Mannes handelt – und dass zweitens jede Regisseurin, die mit ihrer Inszenierung eingeladen wird, im Verdacht steht, ihre Einladung mehr ihrem Geschlecht als ihrer Leistung zu verdanken, während Männer über derlei Zweifel völlig erhaben sind“, so Grütters weiter. Mit dieser heutzutage mutigen, weil „Shit-Storm“ verdächtigen Einlassung hatten die Erfinder der Quote offenbar nicht gerechnet. Immerhin ist die Kulturstaatsministerin Grütters die oberste Dienstherrin der „Berliner Festspiele“ und diese Institution richtet das Theatertreffen aus.

Gegenüber dieser Zeitung zeigte sich Frau Grütters ohnehin „genderkritisch“: „Wenn man von ,Bürgerinnen und Bürgern‘ spricht, finde ich das in Ordnung. Ich bin ja auch nicht Staatsminister, sondern Staatsministerin. Solange das alles mit einer selbstverständlichen Noblesse ausgedrückt werden kann, finde ich es richtig, auf die Unterschiede hinzuweisen. Doch da, wo es fast zwanghaft daherkommt und übertrieben wird, schlägt es ins Gegenteil um.“ Und übertrieben sei es „beim Gendersternchen. Das verhindert den natürlichen Lesefluss und den Schreibfluss sowieso. Das ist verkrampft – ich hoffe, dass sich das Gender-sternchen nicht durchsetzt. Wenn dann noch so lächerliche Sprachgebilde dabei herauskommen, wie „Schirmfrauschaft“ statt Schirmherrschaft, dann hört es für mich endgültig auf.“

Was Theater sehr lange gewesen ist (auch in politisch hochbrisanten Zeiten!) und auch heute noch sein könnte, lässt sich mit einem Blick zurück in die Theatergeschichte veranschaulichen. „Die Leute liegen (vor Lachen) unter dem Stuhl. Ich auch. (...) Die Welt steht auf der Kippe. Manchmal steht auch des Kritikers Welt auf der Kippe.“ So reagiert der allseits gefürchtete Theaterkritiker Alfred Kerr im Kriegsjahr 1917 nach einer Aufführung eines Schwanks des Autorenduos Franz und Paul von Schönthan. Zur Uraufführung gebracht hat das Brüderpaar den „Der Raub der Sabinerinnen“ bereits 1884 am Berliner Wallner-Theater. Also im selben Jahr, in dem in der Hauptstadt des neuen deutschen Kaiserreiches auf einer „Kongokonferenz“ der einladende Reichskanzler Otto von Bismarck mit den Bevollmächtigten Belgiens, Frankreichs, Österreich-Ungarns, Großbritanniens, Italiens, Hollands, Portugals, Russlands, Spaniens, Schweden-Norwegens, des Osmanischen Reiches und der USA die Regeln für die koloniale Aufteilung Afrikas festzulegen begann.

Als sich Alfred Kerr 33 Jahre später wie Bolle über den „Raub der Sabinerinnen“ amüsiert, liegt das Wilhelminische Reich in den letzten Zügen, und Millionen Leichen pflastern Preußens Weg in den Untergang. Womit bewiesen wäre, dass „der Mensch an sich“ durchaus willens und in der Lage ist, sich auch in politisch höchst unbequemen Zeiten zumindest für einige Stunden der unbeschwerten Freude am Leben hinzugeben. Er also anders handelt, als uns eine heute grassierende Hypermoral weiszumachen versucht. Ursächlich für Kerrs überbordendes Amüsement ist nicht der antike Mythos, wonach Romulus den Mangel an Frauen in seiner neugegründeten Stadt mit der Entführung der Töchter des benachbarten Sabinervolkes nach einigen Querelen erfolgreich zu beheben weiß, sondern die literarische Verballhornung des Raubes in einer mit turbulenten Irrungen und Wirrungen gespickten Provinzposse. „Und mitten in einem Platzregen lauer Späße steht ein Mensch wie ein Brillant in einer Blechfassung, der Schmierendirektor Striese, entschlossen, das Römerdrama zum Triumph zu führen, und dies im heimatlichen Tonfall – ein sächselnder Römer, doch ein König des Theaters, mit der Würde eines großen Künstlers noch in dieser Lächerlichkeit, die mehr als rührend, die erbarmungswürdig ist, ja von einer gewissen Hoheit sein kann, wenn ein großer Schauspieler den Striese spielt.“ So beschreibt Georg Hensel, von 1975 bis 1989 Chefkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Ursache und Kern des Theatererfolges.

Albert Bassermann (1867–1952) ist der erste der Großen, der die Tragikomik der Rolle entdeckt. Im Berlin von heute feiert Katharina Thalbach mit dem Striese Triumphe – und das völlig zu Recht inzwischen im zwölften Jahr. Als geborene Komödiantin alter Schule gibt sie in einer Doppelrolle auch noch Luise Striese, die gleichfalls mit allen Theaterwassern gewaschene Gattin des Prinzipals. Auch in der Vorstellung in der Komödie im Schiller Theater löst das Bühnengeschehen im Parkett pure Lebensfreude aus. „Der Raub der Sabinerinnen“ wirkt also immer noch, weil die Instinkte der Menschen es tun. Ohne Ideologie. Gleichwohl stellt sich die Frage, wer das deutsche Theater aus der Umklammerung durch die Weltverbesserer lösen kann. Die Antwort: Nehmen wir es locker. Bisher hat die Welt noch alle Weltverbesserer überlebt. Und das Theater auch.

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