Zum Schutz aller, die „in mancherlei Bande verstrickt sind“

Ganz im Zeichen von „Laudato si“: Der Benediktbeurer Leonhardiritt im Bistum Augsburg erinnerte an den Nothelfer für schwierige Lebenslagen

Der heilige Leonhard zählt zu den am meisten verehrten Heiligen des Voralpen- und Alpengebiets. Er starb am 6. November 559 als etwa 80-jähriger Mönch in einem von ihm gegründeten Kloster in Südfrankreich. Schon kurz nach seinem Tod verbreiteten sich in Deutschland, England und der Schweiz seine Berühmtheit und die Kunde von der Wirksamkeit seiner Fürbitte: Sankt Leonhard wurde zu einem beliebten Schutzpatron und zu einem beliebten Vornamen in diesen Ländern. In besonderer Weise verehrt wird der heilige Leonhard durch die so genannten Leonhardifahrten, die sich in Oberbayern immer noch großer Beliebtheit erfreuen.

Der heilige Leonhard wurde um 480 als Kind adeliger fränkischer Eltern geboren, Frankenkönig Chlodwig I., der selbst erst durch seine Frau zum katholischen Glauben gekommen war, war sein Taufpate, getauft und erzogen hat ihn der Legende nach der heilige Remigius, damaliger Erzbischof von Reims. Obgleich König Chlodwig I. Leonhard aufgrund seiner hohen intellektuellen Begabung gern zum Bischof gemacht hätte, zog er das kontemplative, gebetsintensive Mönchsleben eines Eremiten vor. Er gründete bald ein eigenes Kloster, das zunehmend an Einfluss gewann und half zahlreichen Gefangenen, weshalb er neben seinem Patronat für die Nutztiere, insbesondere für die Pferde, auch als der Begründer und Patron der Gefängnisseelsorge gilt und auch als „Kettenheiliger“ bezeichnet wird. Früher wurden dem heiligen Leonhard hauptsächlich eiserne Weihegaben wie Hufeisen und Ketten verehrt, heutzutage stiftet man ihm vor allem Votivtafeln und Kerzen.

Die Verehrung und Popularität des heiligen Leonhard in Altbayern ist seit dem 11. Jahrhundert ungebrochen. Über 50 Leonhardi-Wallfahrten gibt es in Bayern, meist in Verbindung mit Pferderitten oder Leonhardifahrten aus der umliegenden Region. Die ältesten und bekanntesten sind die Leonhardifahrten von Benediktbeuern, Bad Tölz, Fürstenfeldbruck, Grafing, Kreuth und – im Bistum Augsburg – Inchenhofen, das zum Zisterzienserkloster Fürstenfeld gehörte und eine der größten Wallfahrten des Mittelalters war. Seit dem Barock (1659) besteht in Inchenhofen außerdem eine Erzbruderschaft zum heiligen Leonhard. An manchen Orten sind auch Jahrmärkte oder Dulten mit der Leonhardifahrt verbunden, wie etwa in Höhenkirchen-Siegertsbrunn bei München mit der Besonderheit der „Leonhardiwallfahrt im Sommer“ zum Patrozinium der Ortskirche immer am Wochenende nach St. Kilian, dem zweiten Sonntag im Juli, oder in Aigen am Inn. Eine Plastik im Würzburger Dom aus dem späten 13. Jahrhundert zeigt den heiligen Leonhard mit den Attributen Amtsstab, Kette und Buch. Die Legende besagt, durch das Gebet des heiligen Leonhard oder auf seine Anrufung hin seien auf wundertätige Weise die Ketten zahlreicher Gefangener zersprungen. Das Urpatronat des heiligen Leonhard ist deshalb der Schutz der Gefangenen. Aus ihm leiten sich alle anderen Patronate ab: Er ist der Patron der Gebärenden, der Patron der Geisteskranken und der Patron all derer, die „in mancherlei Bande verstrickt sind“. Damit ist der heilige Leonhard ein guter Nothelfer. Besonders bekannt und geschätzt ist er im ländlichen Bereich vor allem als Beschützer der Tiere und als Helfer in allen verzwickten Situationen des Lebens.

In die Tradition der Verehrung des heiligen Leonhard reiht sich auch der oberbayerische Benediktbeurer Leonhardiritt im Bistum Augsburg ein. Knapp 10 000 Besucher haben sich dieses Jahr hierfür bei strahlendem Sonnenschein, wolkenlosem Himmel, herrlicher Fernsicht und frühlingshaften Temperaturen zum Kloster Benediktbeuern bei Kochel begeben, um das Spektakel der Leonhardifahrt und den besonderen Segen mitzuerleben. Viele der Besucher kommen jedes Jahr, einige von weit. Alle aber schätzen die ruhige, festliche Stimmung, die schönen Eindrücke und das unaufgeregte, traditionelle Ambiente dieses besonderen Tages. „Das muss ja so viel Arbeit gemacht haben“, staunt eine ältere Dame, „all die Wagen und Pferde zu schmücken und die schönen Frisuren und Trachten, die Szenen auf den Wagen!“

Vor den Klostermauern wurden um 9 Uhr morgens schon die großen Kessel aufgebaut, die später weithin dampften und frische Weißwürste bereithielten. In der Ortschaft setzte sich zeitgleich der imposante Festzug in Bewegung, angeführt von den Vorreitern mit blau-weißen Schärpen und traditioneller Leonhardistandarte. An der Einfahrt in den Innenhof des Klosters nahm sie ein Spalier aus Benediktbeurer Gebirgsschützen in Empfang und ließ insgesamt 51 reich geschmückte Festwagen mit Trachtengruppen aus der ganzen Region passieren, von denen keiner dem anderen glich: Mädchenwagen, Jungfrauenwagen, Damenwagen, Trachtenvereinswagen, Musikkapellen, Kinder, die ländliche und biblische Szenen nachspielten, Darstellungen vom Mönchsleben, von Engeln, Höfen, Kirchen und Klöstern der Umgebung. Bei der Einfahrt in den Klosterhof gab es einen ersten Segen für Rösser, Reiter und Wageninsassen durch den neuen Abt des Klosters.

Der junge westfälische Salesianerpater P. Reinhard Gesing SDB, der seit 15. August 2015 dem über 1 250 Jahre alten ehemaligen Benediktinerkloster vorsteht, kam nach Rückkehr des Leonhardizuges von der Umfahrt in seiner Festpredigt in der Klosterkirche auch sogleich auf das Wesentliche, die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus zu sprechen, die gut zur salesianisch-ökologischen Spiritualität in Kloster Benediktbeuern passe. MTK

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