Feuilleton

Zürich wirkt etwas aus der Zeit gefallen

Die Stadt Zürich, immer wieder als eine der lebenswertesten Städte der Welt erwählt, hat eine lange Geschichte. Die Epochen finden sich in der Architektur wieder, Berühmtheiten - zum Teil mit Weltwirkung - fanden Heimat in den Mauern und letzte Ruhestätten auf den Friedhöfen der Metropole.
Grab von James Joyce in Fluntern
Foto: Hoensbroech | Endstation Zürich: Auf dem Friedhof von Fluntern auf dem Züriberg kann das Grab von James Joyce zu einer Reflexion einladen.

Die Beine übereinandergeschlagen, rauchend und von seiner Lektüre aufblickend wendet sich die bronzene Figur von James Joyce (1882–1941) in Richtung seines prominenten Nachbarn. Vielleicht hat Elias Canetti (1905–1994), Literatur-Nobelpreisträger von 1981, dem großen irischen Kollegen auf dem malerisch gelegenen Friedhof von Fluntern auf dem Züriberg gerade zugerufen: „Die Vorstellung, dass einem das Leben geschenkt worden ist, erscheint mir ungeheuerlich.“ Möglicherweise antwortet Joyce: „Morgen werde ich das sein, was ich heute baue. Heute bin ich das, was ich gestern gebaut habe.“ Hier nun würde sich Thomas Mann (1875–1955) von der anderen Seite des Sees, drüben in Kilchberg kurz vor der Züricher Stadtgrenze, mit dem Hinweis einmischen: „Das Gute kommt immer zu spät, immer wird es zu spät fertig, wenn man sich nicht mehr recht darüber freuen kann.“ Der weltberühmte Architekt und Schriftsteller Max Frisch (1911 bis 1991), Züricher, aber nicht in Zürich begraben, indes mag diesen Gedankenaustausch mit der Bemerkung beenden: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“

Es ist sicherlich ungewöhnlich, aber sehr lohnenswert, sich der Stadt Zürich über einen ihrer insgesamt 26 Friedhöfe anzunähern. Fluntern zählt ebenso wie Sihlfeld zu den landschaftsarchitektonisch sehenswerten Gräberfeldern, auf denen bekannte und weniger bekannte Personen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Über die Lebensläufe der Personen lässt sich viel über die Stadt erfahren. Auffallend sind beispielsweise neben Malern und Komponisten die zahlreichen Schriftsteller und Literaten, die eine besondere Beziehung zu Zürich hatten und die, wie im Falle von Joyce, durch die James-Joyce-Stiftung bis heute nachhaltig präsent sind. Hinzuweisen ist an dieser Stelle auch auf den Dichter Gottfried Keller (1819–1890), der 15 Jahre als Staatsschreiber des Kantons Zürich tätig war. Natürlich darf nicht der Hinweis auf Georg Büchner (1813–1837) fehlen, der zwei Jahre vor seinem Tod in die liberale Stadt geflohen war. Auch die Familie von Thomas Mann emigrierte fast 100 Jahre später hierher. Vom Friedhof in Fluntern, dem Kreis sieben von zwölf in der Stadtgliederung, in dem auch der Fußballweltverband FIFA seinen weiträumigen Sitz hat, führt der Weg steil hinunter in die Stadt. Dabei bietet sich bei günstiger Witterung ein wunderbarer Ausblick über die so malerisch an die Bucht des Zürichsees gebaute Metropole. Am Horizont ragen die Bergketten der Schweizer Alpen empor. Dieses wunderbare Panorama würde James Joyce mit der Empfehlung begleiten: „Schließe Deine Augen und sieh.“

„Sehenswert hier ist vor allem das Fraumünster 
mit den großartigen Fenstern von Marc Chagall (1887–1985),
die insbesondere dann so unvergleichlich glühen,
wenn das Sonnenlicht durch sie in den Innenraum fällt“
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Viel zu sehen gibt es auf halben Wege dann im Kunsthaus Zürich – ein Haus mit bemerkenswerter Geschichte sowie Sammlung. Getragen wird es von einem privaten Verein mit 23 000 Mitgliedern. Ende des 18. Jahrhundert fanden sich verschiedene Initiativen zusammen und gründeten das Haus, um hier Kunst zu deponieren. Das Kunsthaus Zürich ist die größte Institution dieser Art im deutschsprachigen Raum. Dreiviertel der Sammlung mit Objekten vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart stammen aus Schenkungen und Dauerleihgaben. Das sagt viel über den traditionellen Bürgersinn, das Verständnis sowie die Verantwortung der Stadt und ihrer Bewohner aus, dem Gemeinwohl zu dienen. Baulich zeigt sich das aktuell an dem kürzlich eröffneten Erweiterungsbau mit zentraler Eingangshalle und vielseitig nutzbaren Ateliers. Das Kunsthaus avanciert dadurch zum größten Kunstmuseum der Schweiz. Es prägt das kulturelle Leben der Stadt ebenso wie viele andere Einrichtungen, Ausstellungen und Veranstaltungen – etwa das imposante neoklassizistische Opernhaus, die geschichtsträchtige Tonhalle mit dem weltberühmten Orchester, das aus mehreren Villen bestehende Museum Rietberg, die vielen, insbesondere auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Galerien, das schlossartige Schweizerische Landesmuseum und viele weitere.

Gleich hinter dem Kunsthaus folgt die Altstadt rund um das mit zwei mächtigen Türmen majestätisch aufragende Großmünster. Das sogenannte Oberdorf ist geprägt durch schmale malerische Gassen. Kleine Läden laden zum Bummeln ein, gemütliche Cafés und Restaurants werben um Kundschaft. Vom Platz am Großmünster gibt es einen pittoresken Blick über den Limmatquai auf die andere Seite der Alt- und Innenstadt. Sehenswert hier ist vor allem das Fraumünster mit den großartigen Fenstern von Marc Chagall (1887–1985), die insbesondere dann so unvergleichlich glühen, wenn das Sonnenlicht durch sie in den Innenraum fällt. Nach dem Besuch des Fraumünsters lohnt sich der Weg durch die kleinen Gassen vorbei an Boutiquen, Kleinkunstläden, Handwerksgeschäften und gemütlichen Wirtschaften hinauf zu Sankt Peter, der Kirche mit dem größten Turmziffernblatt in Europa (Durchmesser 8, 64).

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Eine bewegte Geschichte der Siedlung seit den Zeiten der Römer

Die Kirche steht auf einer Anhöhe. Hier befindet sich der Ursprung von Zürich, denn hier befanden sich die römische Siedlung Turicum sowie die kaiserliche Pfalz. Im zwölften Jahrhundert wurde Zürich freie Reichsstadt, im Jahr 1351 Mitglied der Eidgenossenschaft. Doch erst 1648, nach dem 30-jährigen Krieg, löste sich Zürich auch rechtlich von der Oberhoheit des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Gegenüber von St. Peter steht das Haus des Theologen, Philosophen und Aufklärers Johann Caspar Lavater (1741–1801). Er sei an dieser Stelle stellvertretend für die spannenden religionsgeschichtlichen Persönlichkeiten, Aspekte und Prägungen der Stadt erwähnt. Dazu zählt natürlich auch das in der europäischen Geschichte verankerte Wirken von Huldrych Zwingli (1484–1531), einer der Begründer der Reformierten Kirche. Immer wieder wird Zürich auch mit dem Attribut „Zwinglistadt“ bezeichnet. Die Katholiken machen rund 24 Prozent der Bevölkerung aus. Von hier oben, einem Ort, an dem so viele Aspekte der Stadtgeschichte kulminieren, ergibt sich erneut ein herrlicher Blick über Stadt, Land, Fluss, See und Berg.

Der Naherholungswert dieser Weltstadt mit knapp 450 000 Einwohnern sowie insgesamt etwa 1, 8 Millionen Menschen in der sogenannten Metropolitanregion wird hier geradezu sichtbar. Im Winter ist das nächste Skigebiet, beispielsweise am Flumser Berg, gerade einmal 30 Minuten entfernt, Fahrradfahren entlang des Sees auf den hervorragend ausgebauten Radwegen liegt nahe, für Bergsteiger und Wanderer gibt es attraktive Reviere in der Umgebung, für die Sonntagsmesse lohnt die Fahrt in die Berge zum Kloster Einsiedeln, ein auch kunsthistorisch bedeutender Ort in den Alpen mit 1000-jähriger benediktinischer Tradition. In der Stadt laden die „Badi“ genannten Badeanstalten ein. Ein besonderes Vergnügen ist das Baden in der Limmat. Für nicht wenige ist das Schwimmen sogar die bevorzugte Fortbewegung, um mit dem auf dem Rücken festgemachten speziellen Rucksack, in dem sich die persönlichen Sachen befinden, zur Arbeit und danach wieder nach Hause zu gelangen. In den weltweit beachteten Umfragen zu den Städten mit der höchsten Lebensqualität nimmt die Stadt seit Jahren den oder einen der vordersten Plätze ein.

Es ist Chronistenpflicht, zu erwähnen, dass die bauliche und architektonische Qualität in der Umsetzung von Gebäuden und Stadtteilen mitunter spürbar ausladend wirkt, je weiter sich die Besucher von der so einladenden Innenstadt entfernen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass sich in diesen durch Industrie geprägten Vierteln im 18. und 19. Jahrhundert der Aufstieg Zürichs zum ökonomischen Zentrum der Schweiz vollzog.

Ein wohltuendes Lebensgefühl mit unaufgesetzter Höflichkeit

Auf dem Weg zurück in die Innenstadt lohnt sich ab dem Hauptbahnhof der Gang über die weltberühmte Bahnhofstraße. Neben den großbürgerlichen Häusern, den gepflegten, aber sehr hochpreisigen Geschäften sowie den zahlreichen repräsentativen Bankgebäuden, die den weltweit bedeutsamen Finanzplatz Zürich prägen, wirken die in den Stadtfarben blau und weiß gehaltenen Busse und Bahnen ein wenig aus der Zeit gefallen. Von zeitloser Eleganz und Noblesse erscheint hingegen das Hotel Baur au Lac, in unmittelbarer Nähe zu den Kais gelegen, von denen die Ausflugsschiffe über den See und die weitere Umgebung ablegen. Vom Portier bis zum Hoteldirektor werden die Besucher mit authentischer Empathie empfangen, die so gar nichts mit der oftmals etwas gestelzten Höflichkeit solcher Häuser gemein hat.

Überhaupt ist es diese allenthalben spürbare unaufgesetzte Höflichkeit, mit denen die Bewohner Zürichs selbst zu diesem wohltuenden Lebensgefühl in dieser von gemächlicher Geschäftigkeit geprägten Metropole beitragen. Oftmals reicht allein ein freundliches „Grüezi“ aus, um als Fremder schnell und unverstellt am Bürkliplatz oder am Bellevue mit Blick auf den See in ein Gespräch gezogen zu werden. Dabei lässt sich oftmals noch viel mehr über diese Stadt erfahren, was noch nicht von den vielen Schriftstellern aufgeschrieben worden oder bekannt ist.

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