Feuilleton

Zu Besuch bei den Blutzeugen

Auf Einladung des Patriarchen der melkitisch-katholischen Kirche in Syrien. Eine Reportage aus einer anderen Welt. Von Matthias Matussek
Im Dorf Maalula sind die Christen wegen ihres Glaubens weiterhin vielen Bedrohungen ausgesetzt
Foto: dpa | Im Dorf Maalula sind die Christen wegen ihres Glaubens weiterhin vielen Bedrohungen ausgesetzt.

Die Mail kam unvermutet, sie platzte in meinen Alltag wie ein Angebot aus einer anderen, längst vergessenen Welt: „Hast Du Lust, auf Einladung des Patriarchen der syrischen melkitisch-katholischen Kirche am Fest der Kreuzes-Erhöhung teilzunehmen, im syrischen Maalula, wir treffen uns in Beirut und fahren von dort nach Damaskus.“ So ein Angebot schlägt man als katholischer Reporter nicht aus.

In Maalula haben die Christen ihr Kreuz und ihren Glauben mit dem Leben verteidigt, einige von ihnen haben sich geweigert, zum Islam zu konvertieren und sind erschossen worden. Man hat in unseren Predigten wenig vom Leiden unserer Glaubensbrüder erfahren. Im Gegenteil. In unseren Kirchen war eine Umarmungsoffensive mit dem Islam angesagt. Was für ein Kontrast zu den syrischen Blutzeugen Christi – mich drängte es, sie kennenzulernen!

Wir schlafen in einem Kloster 500 Meter von der einstigen Frontlinie entfernt, hören beim Frühstück mit Fladenbrot und Oliven das Lachen und die fröhlich leiernden Wiederholungen der ABC-Schüler durchs offene Fenster, durch einen Limonenbaum schaut uns die Büste des Gründerpatriarchen zu.

Damaskus' Altstadt hinter dem Bab Sharqi, dem Osttor, auf dem die Porträts gefallener Soldaten plakatiert sind – zwei davon aus Maalula – liegt friedlich in der Morgensonne, die Motorengeräusche der Vespas und Taxis verebben hier im Christenviertel, der Bäcker schiebt frische Fladenbrote aufs Auslagebrett, in den Gesichtern liegt müde Entspanntheit, hin zum Haus des Hananias, in dem Paulus sein Augenlicht wiedergewann, nachdem er vor Damaskus geblendet von seiner Jesus-Vision vom Pferd gestürzt war.

Im Souvenirshop über der ebenfalls bombardierten Katakombe eine laminierte Karte im Frühstücksdeckchen-Format, ein Blick genügt um zu erkennen, dass sich hier etwas entschieden Dramatisches ereignet haben muss, denn sie zeigt die unmittelbare Konsequenz: die Reisen des Paulus aus Antiochien nach Jerusalem hin und her, und dann als Explosion aus Punkten und Strichen, aus Land- und Seereisen, Ephesus, Kolossa, Korinth, Athen, den Gottessohn verkünden, schließlich Kreta, Syracus, das Weltreich unter drei Kaisern, der Märtyrertod in Rom unter Nero.

„Dreimal schiffbrüchig, fünfmal ausgepeitscht, gesteinigt, verhöhnt, ständig in Gefahr durch Räuber und falsche Freunde, dazu in Sorge um die Gemeinden“. Dieser Mann brannte, weil er eine Wahrheit gesehen hatte, die unter die Menschen musste, egal, was die Jupiter- oder Bacchusgläubigen damals davon hielten.

Am nächsten Morgen das lang ersehnte Gespräch mit Yousseff Absi, dem melkitischen Patriarchen von Antiochien und dem ganzen Orient, von Alexandrien und Jerusalem, Oberhaupt der melkitischen Griechisch-Katholischen Kirche, die mit Rom uniert ist. An den Wänden Porträts der Vorgänger-Patriarchen, Sukzession ist entscheidend.

Patriarch Youssef I. findet klare Worte

Youssef I. also, graue Haare, silberne Brille, seit vierzig Jahren Priester, seit siebzehn Bischof, seine lächelnde Kultiviertheit vermag den Ärger über die Christen im ahnungslosen Westen kaum verhehlen, er wird die Woche darauf nach Rom reisen und Kardinal Marx treffen.

Gut, sagt er, dass es eine Alternative zu den deutschen Regierungsparteien gebe, deren politische Erklärungen Täuschungsmanöver seien: „Ihr Volk wird belogen über die Zustände hier“, und er erteilt mir seinen Segen, eine Deutschlandtour zu organisieren. Nach mir sind die Polen in unserer Reisegruppe dran, Jan und Eva, beide in der polnischen Sektion von „Kirche in Not“. Sie überreichen seiner Seligkeit eine „Reliquie 3. Grades“ des Hl. Johannes Paul II., ein Haar in einer Schatulle aus gehämmertem Silber.

Der Patriarch berichtet über die Granaten, in den Ess-Saal gegenüber schlug eine ein, hundert Priester waren dort versammelt, ein Assistent bringt sie herbei; im gebrochenen Metallmantel haben sich offenbar Samen eingenistet, kleine Blümchen sprießen hervor.

Anschließend erklärt uns Bruder Christopher in eben diesem Saal, wie die Gemeinschaft ihre Schätze und Ikonen rettete, nämlich in Särgen, in einem Leichenzug an den IS-Kontrollen vorbei, und ich darf die Kanzel in der Kathedrale testen, die sich in einer Spirale um eine Säule nach oben windet.

Schöner als eine Bierkiste am Bahnhof denke ich mir, ergreife die stilisierten Holzärmchen an der Rostra, beuge mich hinunter und beschwöre die unsichtbare Gemeinde. Nun aber wirklich weiter, Aufbruch nach Maalula, über eine längst geflickte Piste an zerstörten Siedlungen vorbei, in der Geröllwüste, nach Nordosten ins Qalamun-Gebirge. Ausgebrannte Panzer, an den unzähligen Checkpoints die gleichen kriegsmüden und friedensfrohen Gesichter, der Passierschein des Patriarchen tut Wunder.

Wir erreichen den Checkpoint am Stadttor. Ein hässliches großes Loch im linken Schenkel. So lief der Angriff der Nusra-Front: Erst diese Autobombe, die Abdos Bruder tötete, Verwirrung, Sturm, Abdos muslimischer Hausverwalter war vorbereitet, er trat die Tür ein, die schwarzen Horden wählten sein Haus am Dorfplatz zum Hauptquartier. Der Terror begann am 13. September 2013. Er dauerte nur ein halbes Jahr, Zeit genug, alle Kreuze abzuschlagen, das Krankenhaus zu zerstören, den Ikonen die Augen auszustechen, das Grab der Hl. Tekla aufzureißen und zu plündern, und nach einem Goldfund alle weiteren Gräber.

Unweit des Markus-Klosters mit dem ältesten Altar der Welt lag dieses Haus des Dorfbäckers, der aufgefordert wurde, zu konvertieren. Er verweigerte und wurde per Kopfschuss hingerichtet. Sein Sohn ebenfalls. Auch der zweite Sohn erhielt die Kugel, denn er blieb glaubensstörrisch wie sein Bruder

Besuch im Haus daneben bei Daniel, querschnittsgelähmt, bleich und bärtig, eine Kugel am Checkpoint traf seine Wirbelsäule. Er liegt im Bett und dreht sich eine Zigarette. „Du weißt schon, dass Rauchen tödlich ist!“, sage ich streng. Er lacht mit den anderen und schenkt mir seine Zigarettenspitze, ich gebe ihm im Austausch eine imperialistische Marlboro.

Für die anderen, die Glaubensmärtyrer, hat der Patriarch bereits ein Kanonisierungs-Verfahren eingeleitet, aber natürlich sind sie bereits Heilige, sind der Stolz des Ortes. Damals hatte sich Abdo mit Kämpfern in die Berge zurückgezogen.

Maalula, die Postkartenschönheit, liegt weiß hingewürfelt an zwei Bergflanken, ein syrisches Santorini unter blauem Himmel. Marienlieder tönen über den Marktplatz in der Lautstärke von Muezzinen, den ganzen Nachmittag über Gewehrsalven, so werden die Eintreffenden zum Fest des Kreuzes begrüßt. Eine Siegesfeier.

Ja, die Kreuze sind zurück. Und Patriarch Youssef feiert mit der Gemeinde. Eine Liturgie, die vorwiegend aus Gesang, aus vielstimmigen Chören besteht. Byzantinischer Ritus, die Lesungen stammen aus der Apostelgeschichte oder den Evangelien, hier sind es Mädchen, die sie vortragen dürfen. Die Segnung des Brotes, von dem sich nach dem eigentlichen Gottesdienst jeder ein Stück abbrechen darf.

Doch die Schlacht von Maalula beginnt erst, denn gleichzeitig mit den Katholiken endet der Gottesdienst der Orthodoxen, am Dorfplatz treffen beide Prozessionen aufeinander. Die Anrufung der Heiligen, die Hymnen auf die Helden, die Spottverse auf den Gegner sind nicht zu unterscheiden, milchige Wasserflaschen mit Araq werden geschwungen, bei den Katholiken schwingt einer eine Axt.

Doch das andere Lager trumpft auf mit – Daniel! Er wird in seinem Rollstuhl in die Höhe gestemmt, er lacht, er schwebt über den Köpfen der Menge und feuert Salven aus einer Kalaschnikoff.

Worum es geht in dieser Schlacht? Die Katholiken erklimmen den Westhügel des Ortes, die Orthodoxen den im Osten. Beides sind Steilwände, die nur von hinten zu besteigen sind. Wer auf seinem Bergkamm die meisten Feuer in Brand setzt hat gewonnen. Die Feuer werden nicht von Holz, sondern aus Gummireifen genährt, ein weniger knapper Rohstoff nach dem Krieg, vor allem aber lassen diese sich abschließend prächtig ins Tal stürzen, wobei sie blutrote Striemen in die nächtlichen Hänge reißen werden.

Schon nach hundert Metern bereue ich jede einzelne Zigarette meines Lebens. Die Schläfen hämmern, die Lungen pfeifen, die Augen brennen im Schweiß, in Steilabschnitten zieht mich Abdo nach oben, der seinen Nachnamen „Haddad“ völlig zu Recht trägt. Haddad ist der arabische Name für Jupiter.

Hier liegen Brocken im Weg wie von wütenden Titanen geworfen. Ausgebrannte Granaten vor riesenhaften Höhlen, Abdo kennt hier jeden Stein beim Vornamen.

Auf halber Strecke kommen uns Patriarch Youssef und Bruder Christopher entgegen, sie haben die Gebete zur Eröffnung der Feuerzeremonie bereits gesprochen. Großes Hallo. Ich versuche meine Agonie zu überspielen. Da hat der 70-Jährige diesen Watzmann doch offenbar mit spielerischer Leichtigkeit erobert!

Knapp unterhalb des Gipfels drückt mir einer eine Kalaschnikoff in die Hand, ich trau mich nicht abzudrücken; ich kann doch schon meine eigene Handschrift nicht lesen, das ergäbe eine Riesensauerei, wenn ich mich mit diesem Ding verschreiben würde.

Man hat entschieden, hier oben auf der kahlen Kuppe die Nacht zu verbringen, jugendliche Kämpfer haben sich zu Füßen eines Neonkreuzes versammelt, sie singen, andere schauen ins Lichtertal hinab oder in die dunkle Nacht.

Was mögen sie denken? Ob der Krieg vielleicht doch einfacher ist als der Friedensalltag? Weil er Entscheidungen abnimmt, über die Berufswahl und Familie und die Zukunft in einer unberechenbaren Welt.

Für mich blieb nach dieser Nacht die Erkenntnis, dass wir im Westen nicht erkannt haben, dass das finstere Assad-Regime immerhin die Freiheit der Religionsausübung garantierte, sowie, dass über das Leiden der Christen im Orient viel zuwenig in unseren Kirchen gesprochen wurde.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Während seiner Reise nach Malta schließt Franziskus einen Besuch in der Ukraine nicht aus. Auch eine Begegnung mit dem Moskauer Patriarch Kyrill sei möglich.
04.04.2022, 14  Uhr
Guido Horst
Zehn Tipps um deinen Namenspatron besser kennenzulernen, mit ihm Freundschaft zu schließen und ihn so richtig zu feiern.
31.07.2022, 11  Uhr
Isabel Kirchner
Als Kinder Gottes sind wir eine Weltfamilie. würden wir in unserem Familienhaus einen Mitbewohner hungern lassen, wenn genug Nahrung für alle vorhanden ist?
21.05.2022, 19  Uhr
Thomas Rusche
Themen & Autoren
Assad-Regime Jesus Christus Johannes Paul Johannes Paul II. Matthias Matussek

Kirche

Beeindruckendes Buch: Andreas Sturm beschreibt seinen Weg zum Austritt aus der katholischen Kirche mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ein Spiegel der Kirche unserer Tage.
06.08.2022, 07 Uhr
Peter Winnemöller
Die Mehrheit der Katholiken ist gegen sie. Die Abgabe ist längst nicht mehr zeitgemäß und schon gar nicht zukunftsfähig. Die jüngste Umfrage ist nur ein Warnschuss.
05.08.2022, 11 Uhr
Peter Winnemöller