Zielscheibe des Hasses

Vor 30 Jahren lösten die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie in der islamischen Welt ein Beben aus – die Fatwa gegen ihn wurde bis heute nicht zurückgenommen. Von Georg Blüml
Salman Rushdie
Foto: Foto: | Gefährliches Schriftstellerleben: Salman Rushdie (71).dpa
Salman Rushdie
Foto: Foto: | Gefährliches Schriftstellerleben: Salman Rushdie (71).dpa

Vor 30 Jahren erschütterte ein politisch-kulturelles Erdbeben die Welt, dessen tektonische Verwerfungen bis heute spürbar sind: Ruhollah Chomeini, der oberste politische und religiöse Führer der Islamischen Republik Iran, erließ eine Fatwa gegen den Romancier Salman Rushdie und seine Verleger. Am Morgen des 14. Februar 1989 sendete Radio Teheran den Wortlaut des islamischen Rechtsgutachtens über das neueste Buch des damals 42-jährigen Schriftstellers: „Ich informiere alle mutigen Muslime der Welt darüber, dass der Autor der „Satanischen Verse“ [...] zusammen mit allen Redakteuren und Herausgebern, denen der Inhalt bekannt ist, zum Tode verurteilt ist.“ Weiter forderte der greise Ajatollah alle Muslime auf, Rushdie, „gleich wo sie ihn finden, schnell zu töten, damit nie wieder jemand wagt, die Heiligen des Islam zu beleidigen“. In den nächsten Tagen stellte eine iranische Institution ein Kopfgeld von einer Million Dollar für die Ermordung in Aussicht. Die westlichen Regierungen verurteilten die Fatwa als Anschlag auf die Meinungsfreiheit und die Verurteilung eines britischen Staatsbürgers durch ein fremdes Staatsoberhaupt als einen Bruch des Völkerrechts; der Schriftsteller aber musste untertauchen und in den folgenden neun Jahren unter dem Schutz des britischen Geheimdienstes leben.

Rushdie bezog sich auf eine überlieferte Geschichte

Ahmed Salman Rushdie wurde 1947 im indischen Bombay geboren. Moscheebesuche spielten in seiner Kindheit keine Rolle. Sein Vater – der sich aus Bewunderung für Ibn Rushd, den in Europa unter dem Namen Averroës bekannten, mittelalterlichen Gelehrten und Aristoteles-Kommentator, Anis Rushdie nannte – schickte den Sohn zur Schulausbildung nach England. In Cambridge studierte das Kind zweier Kulturen Geschichte. Nach einem wenig beachteten Erstlingswerk gelang ihm mit seinem 1981 erschienenen Roman „Mitternachtskinder“ der internationale Durchbruch als Schriftsteller. In orientalischer Erzähllust verknüpft Salman Rushdie darin virtuos Mythos und Realität, Fiktion und Historie – und eckt an. Indiens allgewaltige Premierministerin Indira Gandhi verklagt ihn wegen Verleumdung. Im nächsten Werk ist die pakistanische Staatschefin Benazir Bhutto Ziel seines Spotts, die er nur „jungfräuliches Eisenhöschen“ nennt.

Rushdie ist ein international bekannter Autor, wohlhabend und gern gesehener Gast in Talkshows und auf Partys, als er beginnt, an den „Satanischen Versen“ zu schreiben. Dessen verwickelte Rahmenhandlung wird von zwei aus Indien stammenden, muslimischen Schauspielern bestritten. Der eine, Saladin, identifiziert sich geradezu fanatisch mit britischer Kultur und erringt in England Berühmtheit – aber nur über seine Synchronstimme. Im Gegensatz dazu glänzt sein Widerpart Gibril in indischen Bollywood-Filmen als Darsteller von Hindu-Gottheiten. Nachdem sie buchstäblich vom Himmel in die britische Realität fallen, verwandeln sich beide auf magische Weise. Saladins Aussehen wird ziegenähnlich, er verbreitet teuflischen Gestank, kostet den Alltagsrassismus der britischen Obrigkeit und muss in den Untergrund der illegalen muslimischen Einwanderer fliehen. Durch satanische Einflüsterungen vermag er deren Träume zu beeinflussen. Saladins Rachedurst und die Unzufriedenheit der Migranten entlädt sich schließlich in Rassenunruhen. Gibril wird indessen – nachdem er seinen Leidensgenossen bei der Ausländerbehörde denunziert hat – immer engelsgleicher. Schließlich hält er sich für den Erzengel Gabriel und reist in Träumen und Visionen in eine Vergangenheit, die der Frühzeit des Islam ähnelt. In der aus Sand gebauten Wüstenstadt Jahilia (arab. Zeit der Unwissenheit vor der Annahme des rechten Glaubens) disputiert der Prophet Mahound über „Die Unterwerfung“, die von ihm propagierte, neue Religion. Jedesmal, wenn etwa seine krämerhafte Aufzählung von Ge- und Verboten auf Kritik stößt, zieht sich Mahound auf einen Berg zurück, wo ihm Gibril als Erzengel Gabriel praktischerweise genau jene Antworten eingibt, die sich der Prophet erhofft hat. Rushdie erfindet die Figur des schreibkundigen Salman, der in Mahounds stets pünktlich eintreffenden Visionen ein Muster erkennt und am Wahrheitsgehalt der Offenbarungen zu zweifeln beginnt. Eigenmächtig ändert jener Salman die ihm diktierten Prophetenworte ab, was diesem zunächst nicht auffällt. Ist Mahound nicht etwa ein Religionsstifter, sondern nur ein geschickter Politiker, der es versteht, die Einwohner der Wüstenstadt mit taktischen Zugeständnissen zu manipulieren?

Rushdie bezieht sich auf die in frühislamischer Zeit von nahezu allen Koran-Kommentatoren überlieferte, seit dem Mittelalter aber von islamischen Autoritäten als apokryph bestrittene „Geschichte von den Kranichen“ – europäische Orientalisten bezeichneten sie als „satanische Verse“. Demnach hätten sich die Oberen von Mekka an Mohammed gewandt mit der Bitte, ihnen wenigstens die neben dem Obergott in der Kaaba verehrten Gottheiten al-Lat, Manat und Uzza zu belassen. Daraufhin habe der Prophet in Sure 53 die vom Satan eingeflüsterten Worte verkündet, diese Göttinnen seien „erhabene Frauen (Kraniche) und wahrlich, ihre Fürsprache ist zu erhoffen“, worauf sich auch die Heiden niederwarfen, um Allah zu preisen. Erst der Erzengel klärte den lese- und schreibunkundigen Mohammed auf: „Du hast vor dem Volk Worte wiederholt, die ich dir nie gegeben habe.“ Allah tröstete danach den über seinen Irrtum zerknirschten Propheten, hob den Vers auf und offenbarte dessen wahre Lesart, die Götzen seien „nur Namen, die ihr und eure Väter erfunden haben“. Nur diese letzte Form fand Eingang in den kanonischen Koran; alle abweichenden Schriften wurden auf Befehl des dritten Kalifen verbrannt.

Bei Rushdie wird aus dem Kranichvorfall ein Kabinettstück, in dem er seinen Mahound mit dem an seiner Erzengelrolle verzweifelnden Gibril darüber feilschen lässt, ob die drei Göttinnen womöglich Engel sein könnten oder man sie nicht wenigstens als engelsgleich bezeichnen dürfte, um sie hernach als „erhabene Vögel“ zu proklamieren. Daneben würzte der Erzsatiriker sein Buch mit einem Bordell namens „Schleier“, in welchem die zwölf angestellten Damen ihrem Horizontalgewerbe unter den Namen der Frauen des Propheten nachgehen. Dabei verbleibt der Autor selbst in einer distanzierten Position, legt Schmähungen und Ketzerisches allenfalls den Feinden des neuen Glaubens oder wenig sympathisch gezeichneten Akteuren in den Mund. Auch setzt er die ausdrücklich als keusch bezeichneten Ehefrauen des Propheten nicht mit den beschriebenen Prostituierten gleich, sondern zeichnet mit ihrer Hilfe ein Bild von der sittlichen Verderbtheit der heidnischen Bewohner der Wüstenstadt. An eine zivilisierte, westlich-aufgeklärte Literaturexegese gewöhnt, wähnte sich Salman Rushdie daher nach Vollendung seines Romans in der trügerischen Sicherheit, allenfalls einige Mullahs könnten seinetwegen grollen.

Bereits vor dem offiziellen Ausgabetermin am 26. September 1988 registrierten Seismographen von Rushdies Verleger erste Erschütterungen, das Buch könne möglicherweise umstritten sein. Doch im britischen Kulturbetrieb wurde es zunächst mit großem Beifall aufgenommen und zum „Roman des Jahres“ gekürt. Völlig anders war die Situation in den großen islamischen Gemeinden des Landes. Im Oktober mehrten sich beim Verlag die Anrufe und Zuschriften aufgebrachter Muslime, die erbost die Zurückziehung des vermeintlich blasphemischen Buches verlangten. Aufgrund der engen familiären Bindungen britischer Muslime nach Indien verbreitete sich der Skandal in Windeseile über den halben Globus. Noch vor Monatsende untersagte die indische Regierung den Import der heißen Ware. Im November 1988 wurde das Buch in Bangladesch, im Sudan und in Südafrika verboten; im Dezember zog Sri Lanka nach, weitere Verbote sollten folgen.

Im Frühjahr 1989 nahmen die Vorbeben an Gewalttätigkeit zu. Ins internationale Gedächtnis brannte sich eine Protestveranstaltung im englischen Bradford, in deren Verlauf das ketzerische Buch verbrannt wurde – seit den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten hatte man dergleichen in Europa nicht mehr gesehen. Die westliche Intelligenzija, der schon die Hinwendung der iranischen Revolution zum Islam suspekt war, blickte verstört auf das Wiederaufflammen mittelalterlicher Scheiterhaufen, deren Glut die Freiheit der Meinung bedrohte. Immer noch berichten Muslime davon, wie hilflos und diskriminiert man sich in der Diaspora damals gefühlt habe; insbesondere, als man erkannte, dass die altersschwachen Blasphemieparagraphen des Westens die empfundene Verhöhnung des Koran nicht würden ahnden können.

Erst der Paukenschlag des Ajatollah in Teheran verlieh den sich ohnmächtig Fühlenden eine Stimme. Aus den in Großbritannien lebenden Pakistanis, Bengalen, Arabern und Somalis wurde über Nacht eine Gemeinschaft der Muslime – eine zumindest im Hass auf den todeswürdigen Apostaten und im Zorn auf den ignoranten Westen geeinte Umma der Gläubigen. Dass Chomeini eigentlich dem von der sunnitischen Mehrheit der Muslime abgelehnten schiitischen Zweig des Islam angehörte und führende Autoritäten die Fatwa als unislamisch verwarfen, trat dabei in den Hintergrund. Erstmals zeigte sich ein globales Muster auf, welches – mit Abwandlungen – in den folgenden drei Jahrzehnten immer wieder bedient wurde; sei es im Fall der Mohammed-Karikaturen oder nach der Regensburger Rede Papst Benedikts XVI. Während die von Rushdie ersonnene Figur des Schreibers Salman in den Augen seines Propheten schließlich Vergebung findet, wurde die Fatwa gegen Rushdie nie aufgehoben, Übersetzer und Verleger des Romans wurden Opfer von Attentaten.

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