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Wir sollten Kurshalten auf sinkendem Schiff

Große Worte, eherne Begriffe: Berufsehre oder auch Ethos, benutzt Norbert Bolz, um darzustellen, was er sich unter einem standhaften Vertreter und Verteidiger von Vernunft und Freiheit vorstellt.
Costa Concordia
Foto: imago stock&people | Der Kapitän der Costa Concordia ging nicht als Letzter von Bord. Norbert Bolz hätte von ihm mehr Stehvermögen und Willen zum Ausharren erwartet.

Die Ratten verlassen das sinkende Schiff – ein uraltes Sprichwort. Dahinter steht wohl tatsächlich die Erfahrung von Seeleuten. Doch zum Sprichwort wird sie natürlich nur, wenn man sie auf Menschen überträgt, also moralisch nimmt. Es handelt sich nämlich um eine Kritik der Opportunisten, die das Weite suchen, sobald es schwierig wird.

Ein aufgeklärter Pfiffikus, der das Sprichwort nicht metaphorisch, sondern wörtlich nimmt, kann dann aber sagen: Nicht nur Ratten, alle vernünftigen Menschen tun das. Und das stimmt ja auch. Wenn ich Passagier eines Schiffes bin, das zu sinken droht, wäre es verrückt, nicht die Möglichkeit zu nutzen, mich in ein Schlauchboot zu retten. Aber beim Kapitän des Schiffes sieht es schon anders aus. Wir erwarten von ihm, dass er als letzter vom Schiff geht – wenn wir ihm auch nicht mehr wie früher zumuten, mit seinem Schiff unterzugehen. Deshalb war alle Welt darüber entsetzt, zu erfahren, dass der Kapitän Schettino sein 2012 havariertes Kreuzfahrtschiff Costa Concordia schon Stunden vor abgeschlossener Evakuierung verlassen hatte.

„Das sinkende Schiff, der verlorene Posten, die besiegte Sache –
das sind Metaphern, die mir sinnvoll scheinen,
um die Lage der europäischen Kultur zu beschreiben“

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Es geht hier nicht um eine Job-Beschreibung, sondern um Berufsehre, ja um Ethos. Und dazu gehört eben manchmal auch das Ausharren auf verlorenem Posten, Durchhaltefähigkeit in einer schwer haltbaren Position – etwa mit einer Meinung, mit der man alleinsteht. Dem aufgeklärten Pfiffikus klingt derartiges natürlich nur donquichotesk. Aber wer mit dem Begriff Ehre überhaupt noch etwa anfangen kann, wird sich hier vielleicht an Cato den Jüngeren erinnern. Im Gymnasium hat man Lukans berühmten Satz gelernt: Die siegreiche Sache gefiel den Göttern, aber die besiegte dem Cato. Damals ging es um die republikanische Verfassung, der Cäsar gerade endgültig den Garaus gemacht hatte. Cato hat am überragenden Wert der untergegangenen Sache festgehalten und nicht die neue Wirklichkeit als das Vernünftige akzeptiert. Solche Leute nennt man heute die ewig Gestrigen.

Das sinkende Schiff, der verlorene Posten, die besiegte Sache – das sind Metaphern, die mir sinnvoll scheinen, um die Lage der europäischen Kultur zu beschreiben. Sie existiert eigentlich nur noch in den großen, alten Büchern, der großen Musik von Bach bis Mahler und den Architekturen längst vergangener Jahrhunderte. Zeigen uns nun die Ratten den Weg in die Zukunft, oder der aufgeklärte Pfiffikus? Ich meine, die europäische Kultur ist ein sinkendes Schiff, aber wir sollten bis zum letzten Augenblick an Bord bleiben, denn es gibt keine Rettungsboote.

Verteidigung gegen die Taliban des Westens

 

Wem dieses Bild zu dramatisch ist, biete ich eine alternative nautische Metapher an: Wenn die europäische Kultur nicht das sinkende Schiff ist, dann aber das von Herman Melville beschriebene Schiff des Benito Cereno, der zwar formal noch Kapitän ist, doch dem die Barbaren längst die Macht abgenommen haben. Als politisch korrekte und „woke“ Intellektuelle haben sie den alten, weißen Mann als Erbfeind der Menschheit ausgemacht und der gesamten Vergangenheit den Krieg erklärt. Konservative und Liberale haben heute Aufgabe, die Subkultur der Vernunft und Freiheit gegen diese Taliban des Westens zu verteidigen – so lange es noch geht.

 

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