Umweltdebatte

Wir sind das Netzwerk

Auf Flutwellen und Brände reagieren wir noch immer mit anthropozentristischen Konzepten. Björn Hayer meint, dass wir anders über Natur und Tiere denken müssen, lehrt ein Blick in die Philosophie, Literatur und Kunst. Ein Diskussionsbeitrag.
Urwald
Foto: Man As Thep | Jugendliche in einem grünen Traum von Urwald. Dieses Idyll scheint das Traumziel vieler Menschen derzeit.

Vom "Waldumbau" und einem "Ressourcenmanagement" ist derzeit überall die Rede. Ganz so, als bräuchte es nur ausgefeilte Pläne, um die "Systeme" zu schützen, die der Klimawandel samt seiner Hitze- und Trockenwellen derzeit bedroht. Da Sprache stets Wirklichkeit abbildet und gleichermaßen schafft, sollten diese allzu technischen Formulierungen zumindest Zweifel in uns hervorrufen. Denn was sie vermitteln, ist letztlich ein altes Denken zur "Behebung" neuer Probleme.

Es fußt auf einer noch immer anthropozentristischen Weltsicht: Der Mensch steht im Mittelpunkt, als der Lenker und Architekt seiner Umgebung. Er vermag zu Bruch Gegangenes zu reparieren, allein durch die Macht des Fortschritts. Dabei wusste uns schon der 2015 verstorbene Soziologe Ulrich Beck in seiner kanonischen Studie "Die Metamorphose der Welt" (2017) auf ein bemerkenswertes Paradox aufmerksam zu machen. Ihm zufolge würden die "Klimarisiken" dem "organisierten Industriekapitalismus seine Fehler in Form einer objektivierten Bedrohung seiner eigenen Existenz" aufzeigen. Dies bedeutet schließlich: Mehr vermeintliche Rationalität und mehr Interventionismus führen nicht per se zur Bewältigung der globalen Herausforderung.

„Diese reichen von einer, wie Stefan Mann sie in seiner
luziden Studie "Postletale Landwirtschaft" (2022) festhält,
 Wende zu einer pflanzlich basierten und damit einer sowohl emissionsarmen
als auch tierbedürfnisgerechten Ernährungskultur bis hin zu großräumigen,
gänzlich von menschlichem Eingriff befreiten Naturgebieten“

Lesen Sie auch:

Der Ansatz, an der einen Schraube zu drehen, ohne eine andere zu lockern   er mag zwar hier und dort gelingen. Man denke etwa an den Ausbau erneuerbarer Energien, die zweifelsohne zur Reduktion klimaschädlicher Treibhausgase beitragen. Aber man denke auch an Negativbeispiele wie   noch so ein machthaberischer Begriff   das zeitgenössische "Wildtiermanagement". Um die Verbissschäden an den sterbenden oder derzeit von Bränden erfassten Wälder zu verringern, sieht dieses vor allem höhere Abschusspläne von Rehen und Wildschweinen vor. Und zwar ungeachtet neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse! Mehrere Studien verdeutlichen, dass etwa ein erhöhter Druck auf Wildschweine geradewegs das Gegenteil bewirkt. Erst der Stress führt zu einer zunehmenden Fruchtbarkeit und damit zu erhöhtem Nachwuchs.

Hinzu kommt, dass die Fortpflanzung dieser Art auf strengen Rudelordnungen basiert. Deren Zerstörung, insbesondere durch Treibjagden, bei denen übrigens 70 Prozent der Schüsse nicht unmittelbar tödlich sind, ruft daher eine gänzlich unkontrollierte Vermehrung hervor. Eine andere exemplarische Kontraindizierung: die Fuchsjagd. Einst eingeführt wegen des Seuchenschutzes, gibt es für sie kaum mehr notwendige Gründe. Auch bei ihnen ruft verstärkte Bejagung Gegenteiliges hervor. Denn normalerweise lebt das Raubtier in Revieren und monogam. Zerschießt man die Paarstrukturen, verlassen vor allem die Männchen ihre Areale und pflanzen sich unkontrolliert mit anderen Weibchen fort. Unterstützt wird diese Beobachtung ferner mit Untersuchungen, die eine niedrigere Vermehrungsrate in Gebieten mit längeren Schonzeiten verzeichnen. Luxemburg, wo die Fuchsjagd 2015 abgeschafft und keine nennenswerten, negativen Veränderungen im Ökosystem eintraten, ist dafür das beste Beispiel.

Lesen Sie auch:

Intellektuelles Plädoyer für Enthierarchisierung

Wäre angesichts dieser Fakten also nicht ein neues Denken über Natur nötig, um diese zu bewahren? Der Philosoph Bruno Latour propagiert schon lange eine solche Sichtweise. Dass der Mensch seiner Meinung nach nicht mehr das planetare Zentrum bilden kann, veranschaulicht er mit einer Theatermetapher: "Heute sind alle: Dekor, Kulissen, Hinterbühne, das gesamte Gebäude, auf die Bühnenbretter gestiegen und machen den Schauspielern die Hauptrolle streitig. Das schlägt sich in Textbüchern nieder, legt andere Ausgänge der Intrigen nahe. Die Menschen sind nicht mehr die einzigen Akteure, sehen sich zugleich aber mit einer Rolle betraut, die viel zu groß für sie ist." Der Intellektuelle plädiert also für eine Enthierarchisierung zwischen verschiedenen Lebewesen. Folglich müssen wir uns als Teil eines Netzwerks begreifen, gleichberechtigt neben anderen Handelnden wie Tieren und Pflanzen. Jeder und jedes hat darin eine Berechtigung. Fortschritt entsteht in diesem posthumanen Modell wohl nicht vornehmlich durch Abgrenzung. Evolution ereignet sich als Koevolution und Kooperation zwischen den Spezies.

Was dieses Verständnis lehrt, ist die Einsicht, dass eine Klima- und Weltsteuerung nach den Maßstäben der Funktionalität nicht gelingen kann. Es genügt nicht, "Schädlinge" zu definieren, die vielleicht anderswo wiederum zum ökologischen Gleichgewicht beitragen. Es scheint überhaupt ein Fehler zu sein, Flora und Fauna ein Nutzenschema überzustülpen. Vielmehr fordert der Klimawandel uns zu Perspektivwechseln auf. Erst sie machen das Abstrakte konkret und tragen dazu bei, unsere dominante Position zu hinterfragen. Sicherlich dienen zeitgenössische Theorietexte wie Bücher von Jonathan Safran Foer und Christine M. Korsgaard bis hin zu den populärwissenschaftlichen Werken eines Richard David Precht oder Peter Wohlleben dazu, die Grenzen unserer Wahrnehmung zu überwinden und uns zu einem gewissen Grad in andere Wesen einzufühlen. Aber auch klassische Werke erweisen sich bei näherer Betrachtung als geradezu visionär, was die Ausbildung und Pflege einer anti-anthropozentristischen Haltung anbetrifft.

Mensch und Tier trennt nicht viel

Bereits die altägyptische Mythologie erzählt von Mischgottheiten wie Anubis, die den Kopf eines schwarzen Hundes trug. Auf griechischen Vasen wiederum finden sich Tiere, die wie Menschen im Chor singen. Selbst die frühe Philosophie hat erkannt, dass die humane und die animale Spezies nicht allzu viel voneinander trennt, spricht doch etwas Aristoteles auch vom "Zoon politikon", also dem Menschen als einer dem Muster von staatenbildenden Tieren nachstrebenden, zur Gemeinschaft neigenden Kreatur. All diese Verbindungen beschreibt die Autorin Teresa Präauer so vergnüglich wie solide in ihrem Essay "Tier werden" (2018). Bis in die Gegenwart reichen Werke der Kulturgeschichte, die uns unsere oft verleugnete Nähe zur Natur nahebringen. So zeigt etwa Nicolette Krebitz in ihrem Film "Wild", wie sehr wir doch ursprüngliche, ja tierische Eigenschaften in uns tragen.

Noch weitaus gesellschaftskritischer mutet zuletzt Nadja Niemeyers radikale Weltabrechnung "Gegenangriff. Ein Pamphlet" (2022) an. Nachdem die Zivilisation über Jahrzehnte hinweg alle nicht-humanen Lebewesen unterdrückt hat, schlagen diese darin nun zurück. Tiere und Klima rächen sich mit Überschwemmungen, Bränden und einem   wer denkt wohl hier an die Zoonose als möglicher Ursprung von Corona   künstlich im Labor hergestellten und fehlgeleiteten Virus, durch den die Vierbeiner zu einer konspirativen Intelligenz gelangen und somit "Menschen die Mittel zu ihrer Vernichtung selbst bereit[ge]stell[t]"  haben. Mit dieser provokativen Zuspitzung zählt dieses Werk sicherlich zu den Beispielen, die uns eher zu einer Perspektivübernahme zwingen als einladen. Aber why not, die Lage ist schließlich brenzlig. 

 

Die Hälfte der Erde den Menschen entziehen

Sind wir an diesem Schritt der Einsicht einmal angelangt, würden auch auf politischer Ebene bislang unterschätzte Überlegungen zum Erhalt der Biodiversität und überhaupt des Planeten in den Blick geraten. Diese reichen von einer, wie Stefan Mann sie in seiner luziden Studie "Postletale Landwirtschaft" (2022) festhält,  Wende zu einer pflanzlich basierten und damit einer sowohl emissionsarmen als auch tierbedürfnisgerechten Ernährungskultur bis hin zu großräumigen, gänzlich von menschlichem Eingriff befreiten Naturgebieten. Was heute manchen noch als Spinnerei erscheinen mag, könnte Gebot der Zukunft sein   wie etwa die Forderung des Biologen E. O. Wilson, die Hälfte der Erde (so auch der Titel seines Buchs von 2016) nicht-humanen Arten zur Verfügung zu stellen, die sich dadurch zu achtzig Prozent stabilisieren würden.

Solcherlei programmatischen Innovationen resultieren nicht zuvorderst nur aus rationaler Reflexion, sondern eben auch aus einer eingeübten Empathie. Durch Kunst, Literatur und Philosophie lernen wir die verschiedenen Akteure innerhalb des Klimas jenseits mathematischer und technologischer Operationen auf eine andere Weise zu sehen. Eine Politik der Steuerung könnte, so möglicherweise die Erkenntnis daraus, eine Politik der Zurückhaltung ergänzen, eine, die den Menschen nicht mehr als Hegemon, sondern als Mit-Handelnden innerhalb der Ökosphäre begreift. Ganz werden wir natürlich nie unserer Rolle entschlüpfen können. Wir sind denkende, moralisch abwägende und gestaltende Wesen. Aber allein die stete Annäherung an etwas mehr Demut wäre schon ein Bekenntnis zu einer Klima- und Naturvorstellung, die nicht der Logik des Besitzes folgt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Björn Hayer Aristoteles Richard David Precht Ulrich Beck

Weitere Artikel

Kirche

Der Ton bei Kirchens wird rüder. Nun verschärft das Internetportal katholisch.de seine Netiquette und stellt Kriterien auf, über die man streiten kann.
03.12.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die Gruppe, die zum kontinentalen europäischen Vorbereitungstreffen der Weltsynode nach Prag fahren soll, repräsentiert die deutschen Katholiken in keiner Weise.
02.12.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt
Nach russischer Empörung wurden die Internetseiten des Heiligen Stuhls attackiert. Auffällige Parallelen zum Hacker-Angriff auf das Europäische Parlament.
01.12.2022, 12 Uhr
Meldung
Der heilige Bernardo ist der Schutzpatron von Parma und wird von den Vallombrosianern nach dem heiligen Benedikt von Nursia und dem heiligen Giovanni Gualberti als ihr dritter Gründervater ...
03.12.2022, 21 Uhr
Claudia Kock
Deutsche Stimmen zum römischen Einspruch: Wie soll es weitergehen nach den Referaten der Kardinäle Luis Ladaria und Marc Ouellet?
01.12.2022, 13 Uhr
Redaktion