Wie Lässigkeit zur Anständigkeit führt

Alexander von Schönburgs Tugendspiegel für moderne Ritter. Von Urs Buhlmann
"Gott sei mit dir!" von Edmund Blair Leighton (1900)
Foto: IN | Mit geradem Blick durch die Welt gehen – Ein Ritter verabschiedet sich bei seiner Dame. „Gott sei mit dir!“, heißt das Gemälde des präraffaelitischen Malers Edmund Blair Leighton (1900).

Alexander von Schönburgs neuestes Buch ist ein formidabler Katalog von Haltungen, der dem hektischen und gelangweilten Zeitgenossen ,27 altmodische Tugenden für heute‘ nahebringen will. Schönburgs Stil-Geheimnis ist, dass er ganz in der Welt von heute zu Hause ist (und damit nahe bei denen, für die er schreibt), die lässige, gelegentlich auch etwas zu schnoddrige Sprache seiner Generation spricht, aber seinem adligen Herkommen einen Wertekanon verdankt, mit dem er sich letztlich klar von der Ich-Bezogenheit der Heutigen absetzen kann. Dazu gehört auch, und nicht an letzter Stelle, ein unverkrampftes Eintreten für den Glauben, für den christlichen Blick auf die Welt, was dem Buch mitunter geradezu katechetische Wirksamkeit verleiht.

Eine Rangfolge will sich nicht einstellen, wenn er munter über Humor, Klugheit, Sportlichkeit, Dankbarkeit e tutti quanti schreibt. Aber er hat ja recht: In den Zeiten der Ich-Optimierung bedarf es vieler Zugänge, um das Humanum zu retten. Schönburg fragt, ob es noch möglich ist, „dem allgemeinen Credo der Selbstbezogenheit und Beliebigkeit etwas entgegenzusetzen“. Dazu müsse man, ganz altmodisch, „der niederen und kleinherzigen und rohen Instinkte in uns Herr werden. Durch Zivilisation. Durch Ritterlichkeit“. Immer wieder zitiert er den Arthus-Roman und andere mittelalterliche Vorlagen, die ihm die Folie für Anstand in allen Lebenslagen liefern. Überhaupt hat Schönburg einiges gelesen – das Literaturverzeichnis legt Zeugnis dafür ab – was ihm passend zum Thema erschien: Josef Pieper ist nicht der schlechteste Gewährsmann, ebenso wie der geniale Außenseiter Sören Kierkegaard. Thomas von Aquin kommt nicht zu kurz, wie auch Norbert Elias, der wie kein zweiter über „Zivilisationswerdung“ nachgedacht hat und dabei auch die Rolle der Eliten nicht vergaß.

Graf Schönburg schreibt aber nicht für aufstiegshungrige Jung-Manager, sondern für Menschen, die das Wort „Tugend“ nicht lächerlich finden. Blender werden in seinem Buch nicht lernen, wie sie noch besser blinken, doch wem es um Herzensbildung geht, der kann etwas mitnehmen. Er meint: „Die Grundregel im Leben ist, leider: Runter ist immer leichter als rauf. Feige statt mutig zu sein ist leicht... Das Laster oder das Scheitern muss man nicht groß erklären. Das Heroische, das, was Überwindung kostet, ist erklärungsbedürftig, weil außergewöhnlich... Der Mensch meidet das Gute, weil es Überwindung und Mühe kostet.“ Was tun dagegen? „Der Geheimtrick ist, ... sich in gute Gesellschaft zu begeben und Leute zu finden, zu denen man aufschauen kann, die einen überragen, die klüger sind als wir und einen herausfordern.“ Sodann gute Haltungen erkennen und übernehmen, zeitgeistig formuliert: „Fake it till you make it“. Schon Horaz habe gewusst: „Zum zehnten Mal wiederholt, wird es gefallen.“ Schönburg, gelernter Katholik, sagt aber auch: „Alleine kriegt der Mensch das nicht hin.“ Mehrfach im Buch gibt es ganze Kapitel, die subtil und unaufgeregt die christliche Botschaft vom menschenfreundlichen Gott ins Spiel bringen. Der Autor macht klar, dass diese gegen den Perfektionierungswahn der Moderne steht: „In der Bibel wird ständig darauf verwiesen, dass das Krumme eine Chance hat, gerade zu werden. Nach biblischer Vorstellung arbeitet Gott mit den Schwachen und Unperfekten, er hat nämlich gar keine andere Wahl, wenn er die Freiheit zulässt.“ Schönburgs Buch hat eine christliche Grundierung, die dem Leser aber nicht ins Gesicht springt, ihn vielmehr ruhig vom Wert des Glaubens überzeugen will.

Echte Ritter nehmen auch Ungemach hin

Von der katholischen Kirche wünscht er sich Zeitgeist-Resistenz, sieht mit Unwillen Aufweichungstendenzen, etwa in der Sexualmoral: „Von wegen die Zeiten haben sich geändert, da muss sich die Kirche anpassen. Wenn Paulus die Korinther mit niedrigschwelligen Angeboten gelockt und sich damals der Moral der Zeit angepasst hätte, würde sich der Papst heute vermutlich statt mit alten, grauen Kardinälen mit blutjungen Tempelprostituierten umgeben.“ Des Grafen Tugendkatalog kommt jedenfalls nicht in blutleerer Sprache daher.

Letztlich geht es bei den Tugenden immer um das Verhältnis von Regel und Ausnahme. Schönburg ist überzeugt: „Ohne Form gibt es keine Lässigkeit. Nur wer Regeln tief in sich aufgesaugt hat, wer das richtige, angemessene, schöne Handeln lang eingeübt hat, entwickelt eine Virtuosität, die ihm erlaubt, an manchen Stellen zu variieren und zu improvisieren. Nur wer Regeln zutiefst verinnerlicht hat, verfügt über eine Leichtigkeit im Umgang mit ihnen... Man muss Regeln kennen, um sie brechen zu können.“

So elegant das klingt, es ist kein leichtes Unterfangen auch für Gutwillige, leben wir doch in einer Zeit, in der niemand mehr Geduld hat und alles sofort passieren muss. Dem Autor ist das bewusst: „Das nervende innere Kind, das immer nur auf Bequemlichkeit aus ist und bei allen Bedürfnissen ,Jetzt!‘ schreit, kann gebändigt werden. Am besten funktioniert das mit konkreten Übungen... Frei sein in der Gezügeltheit. Dahin muss man kommen.“

Ritterlichkeit liegt für Schönburg auch darin, Schmerzen und Ungemach hinzunehmen. Schwäche zeigen kann die eigentliche Stärke sein. Zur neuen Ritterlichkeit, für die Schönburg plädiert, gehört: „Wer keine Schwächen zeigen will, geht mit eingezogenen Schultern durch die Welt, den Blick nach unten gerichtet, immer bereit, Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, um nicht verletzt zu werden. Wer aufrecht und mit geradem Blick durch die Welt geht, sagt damit: Ja, ich bin verletzbar, aber ich fürchte keine Verletzung.“

Die Ausbildung guter Eigenschaften – Tugenden – muss dazu befähigen, dem Mitmenschen wohlwollend gegenüberzutreten, „ihn als einzigartigen, souveränen und würdevollen Menschen wahrzunehmen und tatsächlich zu hören, was er sagt, inklusive aller seiner Ressentiments, seiner Widersprüche und inklusive seiner individuellen Einsichten“. Das gelte sogar für Claudia Roth, Jutta von Ditfurth und Pfarrer Fliege. Das rechte Selbstbewusstsein pflegen, nach des Autors Meinung, ohnehin die Gottesfürchtigen.

Ein im besten Sinne des Wortes konservativer Ansatz, gut argumentiert und immer wieder klug aufgelockert mit familiären Anekdoten: Alexander von Schönburg hat eine ,Try it your self‘-Ethik für das 21. Jahrhundert geschrieben, die Stringenz mit Anschaulichkeit vereint und in die Hände möglichst vieler gehört. Unmöglich ist es, bei diesem und bei allen anderen Büchern des Autors, sich zu langweilen. Dafür schreibt er zu gut, dafür weiß er zu viel. Und wem die immer wieder aus der Welt des Adels eingestreuten Beispiel-Erzählungen zuwider sind, der möge dem Autor zugute halten, dass er damit nur, in seinen eigenen Worten, „500 Jahre Familienerfahrung in sozialem Abstieg“ be- und verarbeitet. Schönburg ist der Balthasar Gracián der Jetztzeit!

Alexander von Schönburg:
Die Kunst des lässigen Anstands, 27 altmodische Tugenden für heute.
Piper Verlag, München 2018, 368 Seiten, ISBN 978-3-492-05595-6, EUR 20,–

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