Starke Symbolik

Wie kam Marias Sternenkranz auf die Europaflagge

An Mariä Empfängnis wurde eine Idee des zum Katholizismus konvertierten Juden Paul Michel Gabriel Lévy, zum Symbol der europäischen Institutionen.
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Foto: dpa | Im Europäischen Parlament ist der legendäre Sternenkranz weiterhin unübersehbar.

Der 8. Dezember ist nicht nur der Feiertag der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter Maria, in Österreich immerhin noch gesetzlicher Feiertag, sondern auch das Datum, an dem vor 67 Jahren der Europarat zwölf gelbgoldene Sterne auf blauem Grund offiziell zur Europaflagge erklärt hat. Im Mai 1986 wurde das geschichtsträchtige Symbol dann von der Europäischen Union übernommen. Man kann davon ausgehen, dass der Tag höchster Marienverehrung nicht zufällig gewählt wurde, denn der Erfinder war ein als Jude geborener und zum Katholizismus konvertierter Belgier.

In unserer heutigen, säkularisierten Zeit versucht allerdings ein Großteil der in der EU politisch Verantwortlichen, die christliche Entstehungsgeschichte der Europaflagge in den fünfziger Jahren umzudeuten. So verallgemeinern die europäischen Institutionen in Brüssel, allen voran Kommission und Parlament, die zwölf Sterne zu einem „Symbol der Vollkommenheit und Vollständigkeit und das Blau als Farbe des Himmels“.

„Als Belgier jüdischer Abstammung
sah er im Krieg die zahlreichen Eisenbahnzüge an sich vorbeifahren,
in denen Juden von der Gestapo in Richtung Osten
und damit in den sicheren Tod transportiert wurden“

Zunächst nahm ein Mitarbeiter des Postdienstes im Europarat, der Straßburger Arsène Heitz, in einem Interview mit der Zeitschrift „Lourdes“ im Jahr 2004 die Idee für die Gestaltung der Flagge für sich in Anspruch. Er habe sich dabei von der Offenbarung des Johannes inspirieren lassen, in der eine Krone von zwölf Sternen beschrieben wird. Die im Interview angesprochene Stelle der Bibel lautet: „Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: Eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.“ (Offenbarung 12, 1)

Dieser Darstellung widersprach jedoch der Belgier Paul Michel Gabriel Lévy. Er war 1955 Direktor des Informations- und Pressedienstes im Europarat. Nach seiner Darstellung sei er damals an einer Marienstatue mit einem Sternenkranz vorbeigekommen, der von der Sonne angestrahlt worden war. Dadurch leuchteten die Sterne golden vor blauem Himmel. Er hatte daraufhin dem damaligen Generalsekretär des Europarates, dem Christdemokraten Lodovico Benvenuti aus Venedig, vorgeschlagen, zwölf goldene Sterne auf blauem Grund als Motiv für die Europaflagge zur Abstimmung zu stellen.

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Ein Katholik jüdischen Ursprungs erfand die Flagge

Benvenuti soll von Lévys Vorschlag begeistert gewesen sein und so wurde nur wenig später dieser Vorschlag allgemein akzeptiert, am 8. Dezember 1955 beschlossen und erlangte einen Tag später Rechtskraft. In den vorangegangenen Debatten um zahlreiche Flaggenentwürfe hatten vor allem die Sozialisten im Europarat sämtliche Entwürfe, die nach dem Muster skandinavischer Flaggen ein Kreuz enthielten, als zu christlich abgelehnt.

Lévy erklärte später in einem Interview, dass für ihn die Symbolik der Perfektion und Vollständigkeit vor allem auch der Zahl 12 entscheidend gewesen sei. Sie zeige sich in den Sternzeichen, den zwölf Aposteln, den zwölf Söhnen Jakobs, den Stunden des Tages und den Monaten des Jahres. Erst Jahre später sei er auf die Krone in der Offenbarung des Johannes aufmerksam gemacht worden. Auch habe er erst im Nachhinein bemerkt, dass sich im Saal des Palazzo Barberini, in dem am 4. November 1950 die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnet wurde, in der Mitte der Decke eine Darstellung des Kranzes von Zwölf Sternen aus dem 17. Jahrhundert befindet.

Das Gerangel um die Urheberschaft

Die Urheberschaft für die Europaflagge versuchten später mehrere Funktionäre für sich in Anspruch zu nehmen, nicht zuletzt der damalige Generalsekretär Léon Marchal. Der Franzose gab an, er habe Lévy erst beim Verlassen des Sitzungssaales, in dem er zuvor die Flagge mit dem Verweis auf die zwölf Tierkreiszeichen und die zwölf Monate des Jahres durchgesetzt habe, darauf hingewiesen, dass die Europaflagge wie durch Zufall den in der Apokalypse genannten Sternenkranz trage.

Der am 27. November 1910 im Brüsseler Stadtteil Ixelles geborene Paul Lévy war ein Überlebender des Holocaust. Als gelernter Journalist leitete er vor dem Zweiten Weltkrieg die Informationsdienste des belgischen Staatssenders „Institut National de Radiodiffusion (INR)“. Nach Beginn der deutschen Besatzung weigerte er sich, mit dem gleichgeschalteten und von den Deutschen kontrollierten Radiosender zusammenzuarbeiten, woraufhin er entlassen und später verhaftet wurde. Er kam nach Fort Breendonk zwischen Antwerpen und Mechelen, dem einzigen von den Nationalsozialisten auf belgischem Boden geschaffenen Konzentrationslager.

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Gelübde während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten

Als Belgier jüdischer Abstammung sah er im Krieg die zahlreichen Eisenbahnzüge an sich vorbeifahren, in denen Juden von der Gestapo in Richtung Osten und damit in den sicheren Tod transportiert wurden. Dabei soll er sich selbst gegenüber das Gelübde abgelegt haben, dass, wenn er den Krieg lebend überstehen würde, er zum katholischen Glauben konvertieren wolle, was er 1940 auch tat. 1941 aus Breendonk entlassen, wurde er von den deutschen Besatzungsbehörden in Brüssel überwacht. Dennoch gelang ihm mit Hilfe eines Untergrundnetzwerks im Juli 1942 die Flucht nach Großbritannien. Dort schloss er sich der Widerstandsbewegung an und arbeitete für das Justizministerium der belgischen Exilregierung in London.

Nebenbei sprach er Sendungen auf „Radio Belgique“ ein, dem französisch- und niederländischsprachigen Radiosender der BBC, das in das besetzte Belgien sendete. Seine Hauptaufgabe fand er jedoch in seiner Tätigkeit bei der belgischen Wiederaufbaukommission. Dort plante er den Aufbau des Rundfunks nach der Befreiung seines Landes. Nach dem Einmarsch der Alliierten in Europa kehrte er dann auch auf den Kontinent zurück und arbeitete als Dolmetscher und Pressesprecher für den amerikanischen General Henning Linden. An dessen Seite erlebte Lévy die Befreiung des Konzentrationslagers in Dachau.

Für seine Verdienste wurde Paul Lévy mehrfach ausgezeichnet

Nach dem Ende der deutschen Besatzung Belgiens engagierte er sich trotz gewisser Sympathien für die Sozialisten zunächst in einer neuen Partei, der „Belgisch-Demokratischen Union“ (UDB-BDU), einem Versuch im Land die Rechts-Links-Einordnungen zu überwinden. Der Partei war kein großer Erfolg beschieden. Lévy gelang es 1946 als einzigem Kandidaten der UDB-BDU als Abgeordneter für die Region Nivelles in die belgische Nationalversammlung gewählt zu werden. Als im Parlament aussichtsloser Einzelkämpfer trat er bald zurück, um zur Arbeit im Radiosender zurückzukehren. 1950 trat er in den Stab des neu gegründeten Europarats ein und wurde erster Leiter der Kulturabteilung.

Für seine Verdienste wurde Paul Lévy mit zahlreichen Ehrungen bedacht, so war er Großoffizier des Leopold-Ordens, des Ordens der belgischen Krone sowie im Orden von Leopold II. Auch der Vatikan ehrte ihn als Kommandeur des Päpstlichen Ritterordens des Heiligen Silvester. König Albert II. erhob Lévy schließlich im Jahr 2000, zwei Jahre vor seinem Tod, in den nichterblichen Adelsstand eines Barons. Er verstarb im August 2002 in Sainte-Ode in den belgischen Ardennen, wohin er sich im Ruhestand zurückgezogen hatte.

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