Feuilleton

Wie ein Genius die Welt veränderte

Vor dem 250. Geburtstag des Feldherrn: Die Napoleon-Biographie von Patrice Gueniffey lässt keine Frage offen. Von Urs Buhlmann
Napoleon wollte eher Retter und nicht Zerstörer des Heiligen Stuhls sein.
Foto: IN | Wollte eher Retter und nicht Zerstörer des Heiligen Stuhls sein.

Was für ein Wagnis! Eine neue Napoleon-Biographie, 1 300 Seiten, die sich zumal nur mit der ersten Phase im Aufstieg des Korsen bis zur Amtszeit als Erster Konsul und bis zum 35. Geburtstag 1802 beschäftigt. Man muss schon viel Mut oder Übermut haben, um so ein Vorhaben anzugehen. Autor Patrice Gueniffey, Spezialist für die Zeit der Revolution an einer der Pariser „Grands Ecoles“, spricht selber von „mehreren zehntausend“ Werken, die bereits über den ersten Kaiser Frankreichs erschienen sind – der nützliche Anhang führt die meisten von ihnen auf. Die Notwendigkeit eines neuen begründet er unter anderem auch damit, dass es nach Auffassung des letzten Sekretärs Napoleons kein wirklich ähnliches Porträt des seinerzeit ständig auf die Leinwand Gebannten gäbe, wie es auch schon zu Lebzeiten an vereinzelten Stimmen nicht fehlte, wonach der berühmte Heerführer und Staatsmann gar nicht existiert habe, er sei lediglich „eine allegorische Figur, die personifizierte Sonne“: Napoleon als Mythos also, als jemand, dem nicht beizukommen ist. Nichts wird vergessen, auch über die Lieblingskomponisten und -maler und die gastronomischen Vorlieben werden wir informiert.

Schon die ersten 140 Seiten, die Schicksale einer italienischen Familie auf Korsika schildernd, sind erhellend. Denn die Buonapartes, wie sie sich ursprünglich schrieben, waren aus dem zu Genua gehörenden Sarzana in Ligurien gebürtig. Zugleich mit der Schilderung ihres Aufstiegs in der genuesischen Kolonie Korsika erhält der Leser eine komprimierte Geschichte der eigenartigen Stammes-Gesellschaft dieser Insel samt ihrer archaischen Rituale. Das dürfte Neuland für die meisten Leser sein. Immer wieder gelingt es dem Autor – das ist einer der großen Vorzüge dieses Buches – bei der Behandlung scheinbarer Nebenthemen neues Wissen zu transportieren, das von jeweils wechselnder Seite auch wieder Licht auf die irrlichternde Hauptfigur wirft.

Schon bald kommt Gueniffey auf das zu sprechen, was er als das eigentliche Verdienst des Korsen ansieht, die Revolution in friedliche Bahnen gelenkt und beendet zu haben. Mirabeau und Robespierre seien daran gescheitert, hätten freilich den Zugriff auf die Armee noch nicht gehabt. Diese wurde zum eigentlichen Macht-Instrument Napoleons, der in ihr groß geworden war und wusste, wie er sie zu handhaben hatte. Es war dies ja auch nicht mehr – worauf der Autor zu Recht hinweist – der zu bourbonischen Zeiten bestehende Haufen „armer Kerle“, die man in die Regimenter gezwungen habe und die dann passiv ihr Schicksal erlitten. Bevor Napoleon Staatsmann, Gesetzgeber und zeitweiliger Beherrscher Europas wurde, war er zunächst und vor allem genialer Militär, der als junger Offizier durch eifrige Lektüre von den Altvorderen, zum Beispiel von einem Prinz Eugen, gelernt hatte, um die gewonnenen Erkenntnisse mit seinem eigenen Genius zu verschmelzen und zur Anwendung zu bringen: „Sobald er das Spiel des Feindes durchschaute, zögerte er kein einziges Mal in seinen Entscheidungen, hatte seine Möglichkeiten und seinen Plan klar vor Augen und führte ihn ,mit einer Kraft und reißenden Schnelle aus, die ihresgleichen nicht hat‘.“

Es verwundert nicht, das der Bereich des Militärischen seinen Platz einnimmt in diesem Lebensbild, aber auch ein anderes Thema ist Gueniffey wichtig, jedenfalls kommt er immer wieder darauf zu sprechen: In Fragen von Religion und Glauben zeichnet er das Bild eines Mannes, der eine echte persönliche Gottesbeziehung entweder nie gehabt hat oder früh verlor. Doch sei Bonaparte immer von der sozialen Notwendigkeit der Religion und von der ihrer öffentlichen Sichtbarkeit überzeugt gewesen – so hatte er es in seiner Jugend auf Korsika auch erlebt. Die zeitweilig systematische De-Christianisierung in der ersten Phase der Revolution und der generelle Hass auf Religion damals habe ihn abgestoßen. Während das „Directoire“ sich zur Zeit der Italien-Feldzuges 1796/7 ablehnend äußerte – die römische Religion sei „immer der unversöhnliche Feind der Republik“ –, wagte der in Oberitalien kriegführende General die Aussage: „Ich strebe eher nach dem Titel des Retters als nach dem des Zerstörers des Heiligen Stuhles.“ Überall versicherte er: „Ihre Religion und Ihre Bräuche werden respektiert.“ Bei seiner ersten Ehe mit Joséphine de Beauharnais waltete ein eidverweigernder Priester seines Amtes (wie übrigens auch bei Napoleons Bruder Joseph), wozu der Autor lebensklug anmerkt: „Wie alle großen Sünderinnen kam Joséphine regelmäßig ihren religiösen Pflichten nach.“ Er wollte, kann man zusammenfassen, die Kirche nicht gedemütigt wissen, er wusste um ihre staatserhaltende Kraft, hielt es aber für besser, sie als politisch-ökonomische Institution kurzzuhalten.

Ein weiterer roter Faden, der sich durch das Riesenwerk schlängelt, betrifft den allmählichen Weg von der revolutionär-chaotischen Regierung Vieler über die mühsame Konzentrierung der Macht auf eine kleine Gruppe bis zur diktatorialen Machtergreifung eines Einzelnen – der schlussendlich auch wieder zum Monarchen wird. So lässt sich ja in äußerster Verknappung der Weg Frankreichs von 1789 über 1799, dem Konsulat, bis 1804, dem Jahr der Kaiserkrönung Napoleons, beschreiben. Es ist wohl unmöglich zu sagen, wann der Gedanke einer Alleinregierung dem ehrgeizigen Artilleristen zuerst gekommen ist, vielleicht nur als Gedankenspielerei, um sich in der Folge zu einer von mehreren Optionen zu verfestigen und schließlich als die logische, ja allein mögliche Alternative zu erscheinen. Der Autor berichtet von einem Gespräch Napoleons während des italienischen Feldzugs 1797, das bereits einen Plan erahnen lässt: „Glaubt ihr etwa“, sagte er damals, „dass ich für die Größe der Advokaten des Directoire... in Italien siege? Glaubt ihr, ich täte es, um eine Republik zu gründen Was für eine Idee! Eine Republik mit 30 Millionen Menschen! Mit unseren Sitten, unseren Lastern! Wie sollte das möglich sein? Das ist ein Hirngespinst, für das die Franzosen schwärmen, aber das verschwinden wird wie so viele andere. Sie brauchen Ruhm, die Befriedigung ihrer Eitelkeit, aber von Freiheit verstehen sie nichts.“

So war am Ende des Zeitraums, das dieser in allen Farben der Geschichts- und Kulturwissenschaften leuchtende Musterfall einer historischen Biographie behandelt, das große europäische Zentralland vorläufig in halbwegs befriedeten Umständen angekommen. Die Geschichte des Helden ist allerdings noch nicht an ihr Ende gekommen. Es wird interessant sein zu sehen, wie Gueniffey, der flüssig zu schreiben versteht (und sehr gut übersetzt wurde von gleich drei Spezialisten), den zweiten Teil im Leben Napoleons behandeln wird: den Aufstieg und den Abstieg. Vom jetzigen Buch, das ein Zeitalter farbig auszuleuchten weiß, wird man jedenfalls lange zehren. Es lässt sich auch lesen als die Geschichte eines Menschen, der allmählich zu sich selber findet, um ein anderer zu werden. Wobei auch die Welt am Ende eine andere geworden ist.

Patrice Gueniffey: Bonaparte 1769–1802.
Suhrkamp Verlag, 1 296 Seiten, ISBN 978-3-518-42597-8, EUR 58,–

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