Marienerscheinung

Werfel hat eine gnadenhafte Bejahung Gottes niedergeschrieben

Franz Werfels Bestseller „Das Lied von Bernadette“ zeigt die Abgründe, die zwischen Skeptizismus und Gnade bestehen.
Das Lied von Bernadette
Foto: Mary Evans Picture Library via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Franz Werfel hat mit seiner Erzählung vom "Lied von Bernadette" Zeugnis ab: Zeitgeist und Gottlosigkeit treffen im Protagonisten Lafite auf das Wirken Gottes in der Erscheinung Mariens in der Grotte von Massabielle.

Bis heute ist Franz Werfels (1890–1945) „Das Lied von Bernadette“ (1941) der am meisten verkaufte deutsche Roman. Vor 80 Jahren kam die unvergessliche Hollywood-Verfilmung mit Jennifer Jones in die Kinos und wurde mit vier Oscars und drei Golden Globes gekrönt.

„Das Lied von Bernadette“ ist Werfels persönlichstes Werk; er selbst sagte, keines seiner Bücher enthalte eine bedeutendere „message“ als dieser Roman, der auch eine Votivgabe ist: Wiewohl er jüdischen Glaubens war, schrieb Werfel den Text als Dank für seine Rettung aus Nazideutschland über Spanien in die USA und erfüllte damit ein Gelübde, das er auf der Flucht in Lourdes abgelegt hatte. Damals wie heute ist das Städtchen in den Pyrenäen der meistbesuchte Wallfahrtsort der Welt; längst ist Werfels Roman zum internationalen Medium des Wunders von Lourdes geworden.

„Lafite hat dies nicht getan. Er hat sich der Gnade verschlossen
und sich auf das eigene Ich beschränkt. Er ist das Umkehrbild zu Bernadette“

Dieses Wunder beginnt am 11. Februar 1858: An der Grotte von Massabielle erscheint Bernadette Soubirous (1844–1779), der Tochter eines verarmtem Müllers, eine „schöne Dame“. Die strahlende Gestalt trägt einen weißen Schleier und einen blauen Gürtel, auf ihren bloßen Füßen prangen zwei goldene Rosen. Sie bittet das Mädchen, über fünfzehn Tage täglich zur Grotte zukommen. Gegen den Widerstand ihrer Eltern, der Kirche und der Behörden kehrt Bernadette jeden Tag dorthin zurück.

Im weiteren Verlauf der Erscheinungen ruft die Dame zum Gebet des Rosenkranzes und zur Buße auf. Darüber hinaus wünscht sie die Errichtung einer Kapelle, wohin man in Prozessionen ziehen möge. Unter Bernadettes Händen lässt sie in der Grotte eine Quelle entspringen; Unzählige finden seitdem dort Heilung. Am Ende der fünfzehn Tage gibt  die Dame schließlich ihren Namen preis: Mit den Worten „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“ offenbart sie sich als die selige Jungfrau Maria.

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Glücklich nicht in dieser Welt, aber in einer anderen

Der Zustrom der Pilger reißt von da an nicht mehr ab. Auf die kirchliche Anerkennung folgen Bernadettes Ordenseintritt und ihr Klosterleben in Nevers, bis sie früh an Knochentuberkulose stirbt und 1933 heiliggesprochen wird. Was ihr die Erscheinung verheißen hat, hat sich erfüllt: „Mein Kind, ich verspreche Ihnen nicht, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, aber in der anderen.“ Vor diesem Hintergrund steht der Roman zwischen dem Genre der Mariendichtung und der Hagiographie; Werfel selbst betonte vor allem, dass er die authentischen Ereignisse darstellen wollte.

Zugleich aber legt er den Fokus auf die soziokulturellen Bedingungen der Erscheinungszeit. Immerhin ereignet sich das Wunder von Lourdes, als man mit Volldampf in die Moderne aufbricht: Der Anschluss ans Eisenbahnnetz soll die Stadt endlich ins Zeitalter der Industrialisierung und des globalen Handels führen. Deshalb sieht man  die Erscheinungen skeptisch als Rückschritt in die Voraufklärung an; sie stehen quer zu einem kapitalistischen, „hochkritische[n]“ und „hochwissenschaftliche[n] Zeitalter“, das auf den „Ruinen des Glaubens“ errichtet ist – so formuliert es der Schriftsteller Hyacinte de Lafite, die einzig fiktive Figur des Romans.

Moderner Skeptizismus geht bis zum Atheismus

Lafite wird damit zu einer Projektionsfläche, auf der sich alle Tendenzen des modernen Skeptizismus verdichten, der bis zum Atheismus und zur Vergötzung des Menschen neigt. Werfel ist überzeugt, dass aus dieser Haltung all die unmenschliche Gräuel des 20. Jahrhunderts resultiert. Deshalb bildet er in Lafite eine in sich selbst verkrümmte Menschheit ab, die Gott nicht kennen will und seiner nur umso mehr bedarf.

Für Lafite ist das Wunder von Lourdes so allenfalls ein „wunderschönes Märchen“, das in seiner Einfalt mit der „höchsten Kunst“ nicht mithalten kann; längst hat er den Glauben durch einen religiös überhöhten Kunstbegriff ersetzt, ihn zwischen Darwinismus und Ästhetizismus zerrieben. Den Menschen versteht er nur noch als ein getriebenes Objekt, als eine „armselige Tierrasse“; doch dieser Weg führt schließlich ins Nichts. Am Ende bleibt Lafite nur der Zynismus. Als er Jahrzehnte später vor der Grotte von Massabielle steht, wird ihm dies klar; da ist er als Schriftsteller längst gescheitert und hat überdies „den Krebs im Leibe“.
Seinem Ende ist er nun so nah wie seiner Verzweiflung und erst jetzt geht er mit sich selbst ins Gericht: „Wenn ich Gott nicht erkannte, so geschah es nur deshalb, weil ich es nicht ertragen hätte, dass ich nicht Er bin. Deshalb war die Analyse mein Weltthron, von dem aus ich regierte ... Meine Sünde ist die Sünde Lucifers … Es ist klar, mein Hochmut hat mich zerstört.“

 

 

Wie göttliche Kräfte wirken

Lafite hat sich selbst zum Maß aller Dinge gemacht. Er ist dem Zeitgeist gefolgt und in der Gottlosigkeit gelandet. Dass sich der Himmel offenbaren könnte, schien ihm unmöglich. Die Bitte der Erscheinung nach Gebet und Buße belächelte er nur. – Das war im 19. Jahrhundert nicht anders als zu Werfels Zeit oder heute; man glaubt ja immer selbst zu wissen, wo es lang geht, in der Kirche wie in der Welt. Gott selbst oder himmlische Erscheinungen nimmt niemand ernst. Lafite steht als pars pro toto für einen modernen und „radikalen Nihilismus, der im Menschen nicht mehr Gottes Ebenbild sieht, sondern eine amoralische Maschine in einer völlig sinnlosen Welt“.

Diesem Mainstream stellt Werfel ein „geistiges Prinzip“ entgegen, das er in einer Vorwortskizze die „metaphysische, die religiöse Konzeption des Lebens“ nennt. Er ist der „Überzeugung, dass dieser Kosmos vom Geiste geschaffen ist und daher geistiger Sinn jedes Atom durchströmt.“ – „Als jubelnder Hymnus“ ist der Roman diesem Prinzip gewidmet, das Werfel folgendermaßen umreißt: „An einem einfachen, holden Beispiel wird gezeigt, wie mitten in unserem skeptischen Zeitalter die göttlichen Kräfte wirken und ein unwissendes, aber geniales Geschöpf hoch über das gewöhnliche Maß hinausheben.“

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Ohne Gnade kann man weder leben noch sterben

So wie nach einem Wort der Heiligen Thérèse von Lisieux alles Gnade ist, so wird Bernadette durch Gnade erwählt. Was Werfel dabei „genial“ nennt, ist nichts anderes als die rückhaltlose Bejahung des göttlichen Willens, in dem die höchste Berufung des Menschen besteht. Dies zeigt das Beispiel Mariens ebenso wie dasjenige Bernadettes: Mit einem „fiat mihi“ stellt sie ihr Leben in den Dienst der Gabe, die sie empfangen hat. Lafite hat dies nicht getan. Er hat sich der Gnade verschlossen und sich auf das eigene Ich beschränkt. Er ist das Umkehrbild zu Bernadette: Der gnadenhaften Bejahung Gottes setzt er jene luziferische Verneinung entgegen, die das Nein der ganzen Welt in sich trägt.

Erst als er vor der Grotte die Anrufungen der „Lauretanischen Litanei“ vernimmt, erkennt er, dass man ohne Gnade nicht leben und noch viel weniger sterben kann. Er wendet sich an die selige Jungfrau: „Ja, du elfenbeinerner Turm. Auch ich bin ein Turm, aber mein Turm ist zerfallen und voll Ratten und Asseln. Ja, du goldenes Haus! Auch mein Ich ist ein Haus. Man hat mir's zur Miete gegeben. Ich hab es versaut durch und durch. Nun aber bin ich mit kurzer Frist gekündigt, und man jagt mich hinaus, und ich kann wohl nichts mehr in Ordnung bringen.“ Wer Jesus aufnimmt, wie es Maria bei der Verkündigung getan hat, wird wie sie zu einem „goldenen Haus“, und gelangt zur Fülle des Menschseins. Nur dies bedeutet Heiligkeit im eigentlichen Sinn und genau dies zeigt sich an Bernadette oder eben gegenbildlich an Lafite.

In liebender Beziehung von Gott her, auf Gott hin

Gott hat den Menschen, wie es Guardini sagt, in eine fundamentale Beziehung zu sich selbst gesetzt, ohne die er weder existieren noch verstanden werden kann. Der Mensch hat einen Sinn, der über ihm und nur in Gott liegt. Deshalb kann er nicht als geschlossene Gestalt in sich selbst bestehen, in isolierter Lieblosigkeit wie Lafite, sondern nur in einer liebenden Beziehung: von Gott her, auf Gott hin.

Diese existenzielle Beziehung kommt jedoch nicht erst als ein Zweites zum Wesen des Menschen hinzu, so dass er wahlweise auch ohne sie existieren könnte; im Gegenteil: Nur in dieser Beziehung gründet das Menschliche schlechthin. Um diesen Schnittpunkt von menschlicher Natur und göttlicher Gnade geht es im „Lied von Bernadette“ und darin besteht die „message“ dieses großen Romans.

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