Wer hat Angst vor Shakespeare & Co?

Mit „Trigger Warnungen“ wird an britischen und amerikanischen Universitäten der klassische Literaturkanon eingehegt. Die Wirkung ist fragwürdig. Von Stefan Meetschen

Eigentlich soll es darum gehen, Studenten vor Traumatisierung zu schützen, doch könnte die Methode sich selbst als traumatisierend erweisen: Wie die „Süddeutsche“ berichtet, kämpfen Studenten der britischen Elite-Universität Cambridge seit einiger Zeit dafür, „dass verletzliche Studierende vor Shakespeare geschützt werden sollten“. Ihre Forderung: Sogenannte „Trigger Warnings“ (Trigger Warnungen) sollen vor dem eventuell traumatisierenden Effekt seiner Dramen warnen.

Ganz neu ist die Verbots-Idee nicht. In den Vereinigten Staaten werden Studierende schon länger auf möglicherweise verstörende Inhalte in Seminaren hingewiesen, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ bereits im Jahr 2016 berichtete: Jenseits des großen Teiches sind Trigger-Warnungen üblich, „wenn ein Text etwa von sexuellen Übergriffen (Ovids ,Metamorphosen‘) oder Antisemitismus (Shakespeares ,The Merchant of Venice‘) handelt. Wer sich durch die suizidalen Implikationen in Virginia Woolfs ,Mrs. Dalloway‘ bedroht oder durch Huckleberry Finns rassistische Ausdrucksweise beleidigt fühlt, muss am Unterricht nicht mehr teilnehmen.“

Nun ist es natürlich eine Sache, Texte in Seminaren auf ihre immanenten weltanschaulichen Muster abzuklopfen und diese dann kritisch und objektiv zu bewerten, eine andere Sache ist es, Texte bestimmter Autoren aufgrund ihrer geistigen Beschaffenheit und ihrer Inhalte auszumustern, worauf es letztendlich hinausläuft, wenn man Studenten derartige Dispensierungserleichterungen anbietet, denn irgendetwas anderes werden sie lesen müssen. Wodurch sich allmählich der Kanon verändern dürfte. Klassiker werden zwangsläufig ausgemustert.

Doch noch andere kritische Fragen kann man zu „Trigger-Warnungen“ stellen, nämlich: ob sie überhaupt ein probates Mittel sind für den angemessenen Umgang Heranwachsender mit der Realität. Amerikanischen Psychologen wie Jonathan Haidt oder Jordan B. Peterson scheinen da erhebliche Zweifel zu haben, wie man aktuellen Publikationen entnehmen kann. Auch die „SZ“ berichtet von einer Studie, die Zweifel an der psychologischen Effizienz nährt. Psychologen von der Harvard Universität „ließen Probanden Passagen aus Werken von Fjodor Dostojewski, Herman Melville und anderen Autoren lesen, in denen teilweise blutige Schilderungen auftauchen. Lasen die Teilnehmer zuvor eine Warnung, dass sie nun „verstörende Inhalte, die Angstzustände auslösen könnten“, sehen würden, wirkte das bei manchen wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wer an die dunkle Macht der Sprache glaubte, spürte nach der Lektüre größere Angst, wenn er zuvor einen Warnhinweis gelesen hatte.“ Auch Jonathan Haidt und Greg Lukianoff weisen in einem Aufsatz für das Magazin „The Atlantic“ darauf hin, dass Zensurmaßnahmen – und darauf läuft es bei „Trigger-Warnungen“ letztendlich wohl hinaus, zumal auch die Sprache der Lehrenden inzwischen auf Traumatisierungs- und Belästigungspotenzial geprüft wird – unzureichende Schutzmaßnahmen sind, um Menschen von Angstgefühlen zu heilen. „Eine Campus-Kultur, die die Sprache zensiert, ist dazu angetan, Denkmuster zu befördern, die von Verhaltenstherapeuten als typisch für Angststörungen und Depressionen identifiziert worden sind“, zitiert die NZZ beide. Ein Befund, welcher dem Untersuchungsergebnis der Harvard-Forscher ähnelt.

Aber schüttet man wirklich die traumatisierte Studentenseele mit dem Bad aus, wenn man sprachsensible Hinweise setzt? Steckt hinter Trigger-Warnungen nicht doch ein ehrenwertes Anliegen? Auch aus katholischer Sicht sind Zweifel gegenüber dieser kulturellen Verdrängungsstrategie angebracht. Nicht nur, dass es im Alten Testament zuweilen brutal und ruppig zugeht; auch Jesus bedient sich immer wieder Bilder und Ausdrücke, die dringend „Trigger Warnungs“-verdächtig wären, würde man die aktuellen kulturpädagogischen Schutzmaßnahmen auf die Religion ausweiten wollen. Seine Mission brachte er auf den Punkt mit: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie wünschte ich, dass es schon entfacht wäre!“ (Lk 12, 49) Den ungläubigen Städten drohte er: „Und du, Kapharnaum: Wirst du wohl bis zum Himmel erhoben werden? Bis zur Unterwelt wirst du hinabfahren! Denn wenn in Sodom die Machttaten geschehen wären, die in dir geschahen, es stünde noch bis auf den heutigen Tag.“ (Mt 11, 23) Jesus war offensichtlich (so wie Shakespeare und Dostojewski) ein Realist. Er verherrlichte nicht die Gewalt, aber er wusste, dass sie ein Teil der menschlichen und gesellschaftlichen Realität ist. Was bitte nicht als Legitimation für katholische Gewaltphantasien zu verstehen ist, die im Laufe der Jahrhunderte oft auftauchten und bedauerlicherweise auch oft ausgelebt wurden.

Schon in der antiken Dramentheorie, aber auch später bei dem Shakespeare-Bewunderer Lessing („Hamburgische Dramaturgie“) wurde die Chance gesehen, dass man Leser und Zuschauer durch Furcht und Mitleid seelisch festigen und neu orientieren kann. Gewalt auf der Bühne oder in Romanen kann demnach also durchaus eine kathartische (reinigende) Wirkung haben und von Angst- und Gewalt-Traumata heilen. Dieser kulturell motivierte Wille zur mutigen Konfrontation mit Phobien war bis heute der kulturelle Standpunkt des aufgeklärten Westens – eine Haltung, die sich mal besser, mal schlechter bewährt hat. So wie es die Freiheit des Lesers und Zuschauers eben ermöglicht. Wohin dagegen Verhätscheln führen kann, zeigt ausgerechnet Shakespeares „Hamlet“ ganz gut: Durch sein ängstliches Zögern und Zaudern, einhergehend mit einer gewissen Weltfremdheit, treibt der Protagonist die Zahl der Toten auf Rekordhöhe. Eine echte Trigger-Tragödie.

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