Kultur

Wenn Worte Licht werden

Eine wegweisende Ausstellung in Ludwigshafen beleuchtet die Kunst der Orphiker. Von Maria Palmer
Robert Delaunay, Hélice, 1923, Öl auf Leinwand,
Foto: Museum | Robert Delaunay, Hélice, 1923, Öl auf Leinwand,

Wenn im Wilhelm-Hack-Museum über 60 Werke der klassischen Moderne gezeigt werden, die in verschiedenen Facetten den Orphismus in Licht, Farbe, Form und der Simultanität dieser Phänomene zum Thema machen, eröffnet das Kunsthaus damit einen umfassend in die Auseinandersetzung zwischen Kunst und Religion einführenden Erfahrungsraum. Wegmarken dieser alle Kunstgattungen umfassenden Erlebnislandschaft sind die am 13. Dezember aufgeführte Lichtoper, das am 2. März um 19.00 Uhr angebotene künstlerische Projekt zum Mitmachen oder das philosophische Café, in dem am 11. März um 16.00 Uhr Vertreter verschiedener Religionen die Rolle des Lichts in der jeweils ihren vorstellen und darüber ins Gespräch kommen.

Was Ausstellungsmacher und Künstler dabei bewegt, ist existenziell. Es ist eine Geschichte, die die Menschen vom Tod ins Leben, aus der tiefsten Finsternis des Schattenreiches ins Licht locken und zugleich die Gefahren aufzeigen will, die auf diesem Wege lauern. Und zugleich ist es eine Geschichte, die den Menschen so herzzerreißend nahekommt, weil jeder sie irgendwann erlebt hat oder erleben muss.

Orpheus hatte alles, was man sich im Leben nur wünschen kann. Er war ein Sänger – hochbegabt, Sohn der Muse Kalliope und des Flussgottes Oiagros oder, folgt man einer anderen Lesart der Legende, des Apoll. Kreativer Flow und lichtvolles Erleben waren ihm also gewissermaßen schon in die Wiege gelegt worden. Sein Gesang betörte Götter und Menschen. Auch privat war Orpheus ein glücklicher Mann. Seine junge Frau, die wunderschöne Nymphe Euridike, liebte ihn und er sie. Doch dann trat das Schicksal mit roher Gewalt in sein Leben. Seine Frau wurde Opfer einer versuchten Vergewaltigung. Sie floh, wurde auf ihrem Weg von einer Schlange gebissen und starb. Orpheus' Trauer war so unermesslich wie seine Liebe zu Eurydike und so tat er buchstäblich alles, um sie aus dem Tod ins Leben zurückzuholen. Er stieg in die Unterwelt hinab und erhellte das Reich der Schatten mit seinem Gesang so machtvoll, dass dessen düsterer Herrscher Hades sich erweichen ließ und ihm Eurydike zurückgab. Er stellte nur eine einzige Bedingung. Unter keinen Umständen dürfe Orpheus sich auf dem Weg zurück ins Licht umdrehen. Diesen Akt des Glaubens aber vermochte Orpheus nicht zu setzen. Denn er war ein Ohrenmensch, und als er Eurydikes vertraute Schritte nicht hinter sich hörte, sah er sich um und verlor in diesem Moment alles, was ihm lieb war.

Doch auch in seinem eigenen Tod wurde Orpheus noch für andere zum Wegweiser. Denn um ihn scharten sich jene, die die ihm zugeschriebenen orphischen Texte als Lebenslehre ansahen. Eine einheitliche Religionsgemeinschaft waren die ab dem 6. Jahrhundert in Griechenland bezeugten Orphiker nicht. Eher schon Sinnsucher, die ähnlich wie die Pythagoreer oder diejenigen, die sich in die Eleusinischen Mysterien einweihen ließen, ein intensiveres geistliches Leben führen wollten. Die orphischen Schriften, deren Produktion bis in die Spätantike anhält, sind hymnischer oder mythischer Natur. Sie beschäftigen sich mit der Entstehung der Welt und der Urgeschichte des Kosmos. Wurzelerzählungen, die den Menschen eine Orientierung geben und sie an ihren heilen Ursprung erinnern wollten.

Den frühen Christen, die die orphischen Schriften und die Geschichte vom wunderbaren Sänger ebenfalls rezipierten, galt die beliebte Sage ebenso wie einige Teile des Alten Testamentes als Präfiguration Christi, als eindrucksvolle, aber eben ohne die Erlösung endende Geschichte. Denn erst Jesus Christus vermochte es, bei seinem Weg in die Totenwelt die Pforten der Hölle ein für alle Mal zu zerbrechen und die dort Gefangenen mit sich hinauf ins Reich des Lichtes und des Friedens zu führen.

Für die aus dem heidnischen Kulturkreis stammenden Christen waren die Orphiker insofern ein guter Anknüpfungspunkt, als sie eine klare Perspektive auf das Ewige Leben hatten. Um es zu erlangen, darin waren sich Orphiker und Christen einig, war neben der Gnade Gottes auch eine gute Lebensführung nötig, die die Liebe zum Nächsten ebenso im Blick hatte wie die Bewahrung der Schöpfung.

Ein zentrales Motiv ist dabei nicht nur bei den Orphikern und im Christentum, sondern in allen Religionen das Licht. Es erleuchtet nicht nur die eher unübersichtlichen Ecken der eigenen Psyche, sondern auch den Verstand und die irdischen Wege der Menschen. Deshalb spielt es in der Kunst eine wesentliche Rolle. Dass die Ausstellung die Bilder mit Gesprächen, dem Entdecken eigener Kreativität und Musik verbindet, macht Sinn. Auch die Orpheussage hat in der Musik tiefe Spuren hinterlassen. Beginnend mit Jacopo Peris 1 600 entstandener Euridice über Claudio Monteverdis L'Orfeo haben sich Komponisten wie Heinrich Schütz, Igor Strawinsky, Carl Orph, Hans Werner Henze und viele andere mit dem Thema auseinandergesetzt. Ihre je eigenen Rezeptionsgeschichten zeigen, dass Licht und Klang untrennbar miteinander verbundene Phänomene sind.

Wilhelm-Hack-Museum, Berliner Straße 23, 67059 Ludwigshafen, bis 2. April

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