Welchen Weg geht Japan?

Kritische Kulturwissenschaft als Zugang zur Kultur Japans – Über das besondere Verhältnis von „Religion, Politik und Ideologie“. Von Sebastian Krockenberger
Koizumi besucht Yasukuni-Schrein
Foto: dpa | Der frühere Misterpräsident Junichiro Koizumi (2. von links) erregte 2006 international Aufsehen, weil er den shintoistischen Yasukuni-Schrein in Tokio besucht hat, in dem unter anderen auch Kriegsverbrecher aus dem ...
Koizumi besucht Yasukuni-Schrein
Foto: dpa | Der frühere Misterpräsident Junichiro Koizumi (2. von links) erregte 2006 international Aufsehen, weil er den shintoistischen Yasukuni-Schrein in Tokio besucht hat, in dem unter anderen auch Kriegsverbrecher aus dem ...

Wie den Zugang finden zu einer fremden Kultur? Japan mag als exotisch, fremd und faszinierend erscheinen. Die Aufsatzsammlung „Religion, Politik und Ideologie“ erschließt Zusammenhänge und Hintergründe der japanischen Kultur. Die 26 „Beiträge zu einer kritischen Kulturwissenschaft“, davon neun in Englisch, sind dem Japanologen Klaus Antoni zum 65. Geburtstag gewidmet und bieten einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse aus der Japanologie.

Der Fokus liegt auf dem Ineinandergreifen von Politik, Religion und Ideologie in Japan. Der wissenschaftliche Ansatz, der im Band zum Ausdruck kommt, ist beschreibend, überprüft, hinterfragt und strebt nach Verstehen. Historische Hintergründe werden sichtbar gemacht. Ein nüchterner Blick auf den Forschungsgegenstand charakterisiert den Band.

Kurz sei der zum Verständnis notwendige kulturgeschichtliche Hintergrund skizziert. Wer in Japan buddhistische Tempel und shintoistische Schreine besichtigt, verfällt leicht dem Eindruck, uralte Denkmäler zu besichtigen. Doch die kulturelle Landschaft Japans wurde Ende des 19. Jahrhunderts neu konstruiert. Die Modernisierung Japans war ab 1868 mit dem Versuch verbunden, zu einer imaginierten „ur-japanischen“ Kultur zurückzukehren, die damals angeblich von chinesischen Einflüssen überlagert gewesen sei.

Japan tat sich geradezu selbst Gewalt an, um den Sprung in die Moderne zu schaffen und um mit den westlichen Mächten gleichziehen zu können. Japanische Intellektuelle und Staatsmänner sahen im Christentum die tragende Dynamik der westlichen Mächte, die gottgleiche Verehrung des japanischen Kaisers, des Tennos, sollte dem entgegengesetzt werden. Bis zur Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945 bestand in Japan wohl bis zu einem gewissen Grade Glaubensfreiheit, doch keine Kultfreiheit. Der japanische Begriff für Religion „Shukyo“ wurde erst in der Moderne geprägt und meint die Lehrinhalte einer Religion; den Kult und die Rituale einer Religion vermag er hingegen nicht angemessen zu bezeichnen. Das mag damit zusammenhängen, dass Ende des 19. Jahrhunderts die Japaner das Christentum vor allem als Theologie und Bildungsinhalt kennenlernten.

Die Beiträge des Sammelbandes, teils von international renommierten Japanwissenschaftlern, loten dieses Spannungsfeld aus, mit der Perspektive, wie heute Religion und Politik in Japan zueinander stehen. Sie beschreiben die aktuellen Bestrebungen, den Staatskult der Meiji-Zeit (1868–1912) wiederherzustellen. Die Teilnahme von Premierminister Shinzo Abe an der Erneuerung des Ise-Schreins 2013 war hier ein bemerkenswerter Schritt. Nippon Kaigi („Japankonferenz“) spielt bei dieser Wiederkehr des Shinto-Nationalismus' eine Schlüsselfunktion. Einflussreiche Politiker und Shinto-Schreine sind in ihr organisiert. Nach wie vor entfaltet die nationalistische Kokutai-Ideologie aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ihre Wirkung, die Japan als einen Leib mit dem Tenno als Haupt sieht. Klaus Antoni hatte zur Kokutai-Ideologie 1998 ein international rezipiertes Werk vorgelegt und diese als einen religiösen Traditionalismus interpretiert. Er knüpft an Nelly Naumann an, die her-ausgearbeitet hat, wie die japanischen Mythen bereits im Altertum politisch instrumentalisiert wurden. Dem Shinto liegt ein populärer Geisterglaube zugrunde. Es fällt auf, dass im vormodernen Japan keine Trennung der Geister in gut und böse stattfindet. Dementsprechend ist dann auch bei Kontakt mit Geistern – oder soll man sie besser Dämonen nennen? – das Mittel der Wahl „nicht Vernichtung, sondern Beruhigung durch rituelle Aufmerksamkeit“.

Auch in Japan vor gut hundert Jahren rang die Wissenschaft damit, wie sie mit para-normalen Phänomenen wie dem Spiritismus umgehen soll. Sogenannte „spirituelle Heiler“ sind auch im Japan der Gegenwart gefragt. Doch das Verhältnis zu einem persönlichen Glauben wird oft zwiespältig gesehen. Insbesondere seit dem Giftgasanschlag der Aum-Sekte 1995 in der U-Bahn von Tokyo gilt die Religion als etwas Gefährliches, auch wenn die Gewalttätigkeit der Aum-Sekte eher eine Ausnahme unter den vielen japanischen Endzeitsekten ist.

Ebenfalls enthalten sind Beiträge zum Buddhismus wie Übersetzung und Kommentar eines buddhistischen Hymnus aus dem 10. Jahrhundert oder der Ursprungsgeschichten zweier bedeutender Klöster. Nachdem er sich während seines Lebens unter anderem mit esoterischen Übungen beschäftigt hatte, geht der Mönch Kukai in selbstmörderischer Askese im Alter von 62 Jahren in die „ewige Meditation“ ein, und geht damit den buddhistischen Grundgedanken der Lebensverneinung konsequent bis zum Ende. Auch über das weniger dramatische Ableben des Mönches Saicho wird berichtet, der das bedeutsame Kloster auf dem Berg Hiei gegründet hat.

Dass in einem von Nationalismus geprägten Land Minderheiten wie die Ainu im Norden Japans oder die Koreaner einen schweren Stand haben, wundert nicht. Wegen der Unterdrückung und Kolonialisierung Koreas durch Japan bis 1945 ist das Verhältnis zwischen den beiden Ländern belastet.

Es soll eine kurze Einordnung der oben skizzierten Beiträge versucht werden. Eine Grundtendenz wird sichtbar. Machtpolitische Überlegungen bestimmten die Religionsgeschichte Japans. Wenn es auch in Japan spirituelle Sucher und eine buddhistische sowie shintoistische Volksfrömmigkeit gab, so wurde doch Religion immer wieder in ihrer gesellschaftliche Funktion zur Stabilisierung und Legitimierung politischer Ordnung instrumentalisiert. Die Suche nach der Wahrheit gerät dann leicht aus dem Blick.

Ähnliche Ansätze gab es auch in Europa. In Frankreich zur Restaurationszeit betonte zum Beispiel der royalistische Philosoph und Staatsmann Louis-Gabriel-Ambroise de Bonald (1754–1840) die gesellschaftliche Funktion des Christentums, wie das Robert Spaemann in seiner Monographie „Der Ursprung der Soziologie aus dem Geist der Restauration“ herausgearbeitet hat. Das geht bis zu Charles Maurras (1868–1952) von der rechtsextremen Action Française, der zwar vom agnostischen Positivismus beeinflusst war, aber den Katholizismus wegen seiner gesellschaftlich stabilisierenden Funktion unterstützte. Die Kirche hat schließlich diesen Traditionalismus abgelehnt und verurteilt. In Japan basieren Kultur, Religion und Staat teilweise noch heute auf traditionalistischen Konstruktionen des 19. Jahrhunderts. Daneben besteht ein regelrechter „Supermarkt der Religionen“.

Jetzt, im Jahr 2018, ist die Meiji-Restauration 150 Jahre her. Nächstes Jahr wird ein neuer Kaiser den Thron besteigen. Nicht zuletzt mit der nationalistischen Agenda von Premierminister Abe stellt sich für Japan die Frage nach der kulturellen Identität und politischen Zukunft. Die Versuchung ist groß, die eigene Einzigartigkeit zu betonen und sich wieder in nationalistischer Selbstüberhöhung einzukapseln. Da ist die Feststellung in einem Beitrag des Bandes dann doch ermutigend, dass im Grunde auch asiatische Logiker „allgemeingültigen logischen Gesetzen“ folgen. Zusammenhänge, die der Band sehr gut veranschaulicht.

Michael Wachutka/Monika Schrimpf/ Birgit Staemmler (Hrsg.): Religion, Politik und Ideologie – Beiträge zu einer kritischen Kulturwissenschaft. Festschrift für Klaus Antoni zum 65. Geburtstag. Iudicium Verlag, München 2018, 405 Seiten, ISBN 978-3-

86205-517-3, EUR 48,–

Themen & Autoren
Christentum Ideologien Robert Spaemann Shinzō Abe Soziologie

Weitere Artikel

Eine voreingenommene und unkritische Liebeserklärung.
10.01.2023, 15 Uhr
Generation Benedikt
Bismarck muss das Auswärtige Amt verlassen. Statt auszuarbeiten wird verdrängt - und die Geschichte einer Ideologie unterworfen.
18.12.2022, 05 Uhr
Anna Diouf

Kirche

Drei Pariser Innenstadtkirchen sind im Laufe einer Woche Brandanschlägen zum Opfer gefallen. Stadt und Polizeipräsidium kündigen Sicherheitsmaßnahmen an.
26.01.2023, 16 Uhr
Meldung
Die Laieninitiative entlarvt Bätzings Reaktion auf die römische Anordnung als strategischen Trick und plädiert für einen sofortigen Stopp des Synodalen Ausschusses.
26.01.2023, 14 Uhr
Meldung
Patriarch Bartholomaios attackiert das Moskauer Patriarchat und ruft die orthodoxen Kirchen weltweit zur Anerkennung der ukrainischen Autokephalie auf.
26.01.2023, 08 Uhr
Meldung
1918 ernannte Papst Benedikt XV. Matulaitis zum Bischof der litauischen Hauptstadt Vilnius.
26.01.2023, 21 Uhr
Claudia Kock
Der Synodale Weg sei weder „hilfreich noch seriös“, erklärt der Papst in einem Interview. Er äußert sich auch zu Homosexualität, dem verstorbenen Emeritus und seinem Gesundheitszustand.
25.01.2023, 14 Uhr
Meldung