Feuilleton

Weichenstellung im Mutterleib

Schwangerschaft und seelische Gesundheit gehören eng zusammen. Die Politik ignoriert das leider. Damit sägt sie am Ast, auf dem die Gesellschaft sitzt. Von Martine Liminski
Vorgeburtliche Erfahrungen prägen
Foto: Lennart Nilsson | Vorgeburtliche Erfahrungen prägen – positiv wie negativ.

Alle reden vom Pflegenotstand in den Altenheimen. Der ist schlimm. Aber der Notstand bei der Geburtshilfe ist eine selbstgebastelte soziale Zeitbombe. Denn die empirischen Befunde der Pränatalforschung zeigen, dass die Lebensverhältnisse und Emotionen von Müttern und Vätern und besonders der Mütter während der Schwangerschaft langfristige prägende Wirkung für die psychologische Stabilität des Kindes, seine berufliche Leistungsfähigkeit, körperliche Belastbarkeit und seine Krankheitsanfälligkeit haben. Die Politik ignoriert das leider. Damit sägt sie am Ast, auf dem die Gesellschaft sitzt.

„Keine Erfahrung wird je vergessen“, sagt der Heidelberger Psychotherapeut Ludwig Janus, ehemals Präsident der Internationalen Studiengemeinschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin. Sicher sei, so Janus, dass die Gefühlswelt der Mutter auch das Seelenleben des Kindes präge. Denn nicht nur über die Nabelschnur, auch über seine Sinnesorgane ist der Fötus eng an die Gefühlswelt der Mutter angeschlossen: Wenn sie Angst hat, schlägt ihr Herz schneller, ihre Blutgefäße verengen sich, die Gebärmutter zieht sich zusammen. Der Lebensraum des Fötus wird enger, der Sauerstoff in seiner Blutzufuhr knapp. Gleichzeitig dringen über die Nabelschnur Botenstoffe in seinen Organismus, die ihn biochemisch auf das Gefühl von Angst und Furcht programmieren.

Kinder lernen bereits im Mutterleib, weil sie schon dort empfänglich sind für Emotionen. Die meisten Gehirnzellen, die der werdende Mensch im späteren Leben brauchen wird, entstehen schon in der ersten Schwangerschaftshälfte. In Spitzenzeiten bilden sich eine halbe Million Nervenzellen pro Minute. Das ganze Panorama an pränatalen Erfahrungen wird in den ersten Monaten und Jahren nach der Geburt durch Stimulation, durch Vertrauen und Geborgenheit erweitert, die Entwicklung wird zur beeinflussten Selbstinnovation, zur Offenheit zum Leben, zur Neugier, zur Erfahrungssuche. Die Entdeckerlust führt zur Bildung von Synapsen, zur Bildung des Gehirns. Und das baut auf pränatalen Erfahrungen auf.

Es ist kein Zufall, dass die Haut das erste Sinnesorgan ist, das seine Funktion aufnimmt. Sie ist lebensnotwendig, und im Vergleich zu anderen Sinnesorganen unverzichtbar. Ohne Hautwahrnehmung weiß man nicht, wo der eigene Körper zuende ist. Diese Erfahrung der eigenen Grenzen und damit auch der eigenen Identität beginnt eben schon im Mutterleib. Man weiß inzwischen, dass das ungeborene Kind auch Schmerz empfinden kann. Manche Embryonen haben bei ihrer Abtreibung zwischen der 21. und 23. Woche hörbar geschrien. Berührungen nun aktivieren den Tastsinn. In der Gebärmutter kommt das Kind passiv mit seiner Umwelt – Nabelschnur, Plazenta, Gebärmutterwand – in Berührung. Es sucht aber auch aktiv nach Berührungskontakten, nuckelt am Daumen, spielt mit der Nabelschnur, reagiert und sucht den Kontakt, wenn der Vater den Bauch der Mutter streichelt. Es reagiert auch auf die Stimme des Vaters.

Überhaupt die Stimme. Hören und Sehen, die sogenannten Fernsinne, werden zwar auch während der Schwangerschaft entwickelt, das Hören allerdings schneller, denn die wirkliche Entwicklungszeit der Sehfähigkeit setzt eigentlich erst nach der Geburt ein, wenn die visuellen Reize die Umgebung überfluten. Die akustischen Reize dagegen werden schon in der Gebärmutter wahrgenommen. In der großen Geräuschkulisse des Mutterleibs bildet der Herzschlag der Mutter einen ständigen, rhythmischen Hintergrundreiz. Neugeborene schreien weniger, verlieren weniger Gewicht und sind entspannter, wenn man ihnen eine Tonaufnahme des mütterlichen Herzens vorspielt. Man braucht dem Baby allerdings kein Band vorspielen, es sei denn es ist in der Krippe, man braucht es eigentlich nur in den Arm nehmen. „Die Nähe zum mütterlichen Herzen ist für Babys der Lieblingsplatz“, schreibt der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther.

Über die Frequenz des Herzschlags wird die emotionale Befindlichkeit vermittelt. Wenn die Mutter Musik hört oder selber singt, dann beruhigt sich ihr Herzrhythmus – deshalb wird oft bei Schwangerschaftskursen auch gemeinsam gesungen. Die mütterliche Stimme erreicht den Fötus nicht nur wie andere Geräusche über das Gewebe, sondern auch zusätzlich über die Knochen der Wirbelsäule und des Beckens. Das Becken gerät im Bereich von 2 500 bis 3 000 Hertz in Schwingung. Dies ist genau die Frequenz, die einer Frauenstimme entspricht. Außerdem bilden die Beckenschalen einen Resonanzkörper, der die Oberschwingungen wie bei einem Lautsprecher verstärkt. Das ist sozusagen die erste Disco-Erfahrung des neuen Erdenbürgers. Die Stimme der Mutter ist nicht nur hörbar, sondern auch fühlbar und begleitet das Kind durch die ganze Schwangerschaft. So entsteht eine Gewöhnung, die Sicherheit vermittelt. So entsteht eine Prägung, die bindet. Und der geistige Überbau dieser Bindung sind die Emotionen, die Fürsorge um das Kind, die Zuwendung, die Liebe.

Ähnlich verhält es sich mit den anderen Sinnesorganen. Zum Beispiel dem Geruchssinn. Auch er wird schon während der Schwangerschaft gebildet. Das Fruchtwasser enthält Stoffe, die sowohl die Geschmacks- als auch die Geruchsrezeptoren stimulieren. Deshalb wird in der Gebärmutter nicht zwischen Schmecken und Riechen unterschieden, das kommt nach der Geburt. Das Fruchtwasser erhält seinen Geschmack durch die Ernährung der Mutter. Embryos mögen nachweislich keinen Alkohol und kein Nikotinaroma – so als ob sie wüssten, wie schädlich das ist. Wenn Spuren davon im Fruchtwasser sind, trinkt der Embryo weniger. Er mag vor allem Süßes, je süßer das Fruchtwasser, umso mehr trinkt er. Der Geruchsstoff im Fruchtwasser hat eine Bindungswirkung. Das Kind erkennt seine Mutter später nach der Geburt am Duft der Muttermilch wieder. Außerdem riechen die Brustwarzen der Mutter nach bestimmten Duftstoffen, die ebenfalls im Fruchtwasser enthalten sind. Das Neugeborene geht der Nase nach, um die Quelle der Nahrung zu finden. Es weiß in gewisser Weise aus Erfahrung, wie der Ort riecht, der Vertrautheit, Sicherheit und Nahrung verspricht. Schmecken, riechen, hören, tasten – über die primären Sinne entsteht eine Gewöhnung, die Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. So entsteht eine Prägung, die bindet. So entsteht über das biologisch-genetische Muster hinaus eine Bindung des Lebens.

Mutterinstinkt, Mutter-Kind-Bindung und emotionale Stabilität sind keine Gefühlsduselei. Sie können Lebensweichen stellen über die Ernährung, über Gewohnheiten und die entsprechende Bildung neuronaler Netze. Diese Netze verknüpfen Erfahrungen wie Schreie oder heftige Bewegungen der Mutter mit negativen Erlebnissen wie einer harten Bauchdecke. Laute Schreie erschrecken die Embryos. Frauen, die während ihrer Schwangerschaft intensivem, emotionalem Stress ausgesetzt waren, bringen öfter Schreikinder zur Welt, die auf kleinste Verunsicherungen mit Panik reagieren. Selbst im Grundschulalter zeigen sie noch häufiger Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität. Und auch als Erwachsene reagieren solche Menschen sensibler auf jede Belastung.

In der Tat, die Gefühlswelt des ungeborenen Kindes wird über biochemische Marker als Reaktionsmuster im Organismus tief verankert. Das kann auch gravierende Folgen haben. Unerwünschte Kinder etwa, deren Mutter keine Bindung zu ihnen aufzubauen vermag, weil sie zum Beispiel in unsicheren Bindungen oder permanenter Missachtung lebt, produzieren deutlich weniger Oxytocin, das Bindungshormon, das für den Aufbau von Beziehungen, vor allem aber für die Liebe zwischen Mutter und Kind zuständig ist. Selbst wenn solche Kinder gleich nach der Geburt in die Obhut liebevoller Pflegeeltern kommen, bleibt ihr Oxytocinhaushalt ein Leben lang geschwächt, weil seine Basis bereits in der Schwangerschaft gelegt wird. So würden, sagt Ludwig Janus, die „Fähigkeit zum sozialen Miteinander, eine Tendenz zu Gewalt, aber auch Friedfertigkeit und Empathie ganz entscheidend bereits in der Phase vor der Geburt geprägt“. Unerwünschte Kinder hätten mehr Angst im Leben. Depression, Panikattacken, zwanghaftes Verhalten, Mager- und andere Sucht, könnten bereits im Mutterleib angelegt werden. Denn wenn Nervennetze sich ausbilden, der Hormonhaushalt aufgestellt und das Immunsystem reguliert wird, bildeten diese drei Faktoren „eine Stressachse, die dazu dient, den Organismus an die Herausforderungen seiner Umwelt anzupassen“. Diese vorgeburtliche Programmierung entscheide mit, wie anfällig der Mensch ein Leben lang für Krankheit und Beeinträchtigungen der psychischen Stabilität sei.

Die Eltern bilden „nicht nur die physische, sondern auch die emotionale Matrix, in die sich das ungeborene Kind hineinentwickelt“ (G. Hüther). Diese Matrix ist keine Backform, sondern ein dynamischer Prozess. Schon das ungeborene Kind braucht, wie das geborene in den allerersten Jahren, Schutz, Geborgenheit, Sicherheit, emotionale Stabilität. Daher ist es nur natürlich, dass Frauen in der Schwangerschaft ihren Mutterinstinkt schärfen, selbst wenn sie berufstätig sind. Plötzlich sehnen sich harte, berufstätige Frauen auf einmal nach Zärtlichkeit, nach Innerlichkeit und nach Zeit für sich und ihr Baby. Die berühmte Vereinbarkeit wird dann als das empfunden, was sie de facto ist: eine Doppelbelastung. Von dieser Erkenntnis aber ist die Politik noch weit entfernt. Sie ignoriert, was uns prägt, sie vergisst unsere Zukunft. Es ist notwendig, dass sie angesichts der Bedeutung der ersten neun Monate nach der Empfängnis die Mütter und Hebammen entlastet, wenigstens finanziell. Wenn jedes Kind wichtig ist, wie es heißt, dann muss sie schon vor der Geburt anfangen, sich um die Kinder zu kümmern.

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