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Vor 275 Jahren geboren: Thomas Jefferson und seine Bibel. Von Barbara Stühlmeyer
Thomas Jefferson schuf sich seine eigen Bibel.
Foto: IN | Thomas Jefferson schuf sich seine eigen Bibel.

Thomas Jefferson war ein vielseitiger und vielbeschäftigter Mann. Als einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika und Hauptautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung war er zunächst unter John Adams Vizepräsident des neu gegründeten Staatengebildes; dann von 1801 bis 1809 dritter Präsident des Landes, dem er sein Leben gewidmet hatte. Jefferson wurde vor 275 Jahren in der Kolonie Virginia geboren und durch seine englische Abstammung geprägt. Er arbeitete zunächst als Anwalt und verteidigte in dieser Zeit auch entlaufene Sklaven. Als Präsident setzte er sich vor allem für die Verbesserung des Handels ein, ein Vorhaben, bei dem er gegen die sogenannten Barbaresken-Piraten, muslimische Kaperfahrer im Mittelmeer, die darauf aus waren, christliche Seefahrer und Kaufleute zu versklaven, aber auch gegen die rigide britische Handelspolitik vorging. Seine erfolgreiche Regierungspolitik zeigte sich auch in der Verdopplung des Territoriums seines Landes durch den Kauf Louisianas, das bis dahin in französischer Hand war, zielführende Friedensverhandlungen mit Frankreich und die Reduzierung der Militärausgaben.

Die Orientierung am christlichen Glauben war für Jefferson eine Selbstverständlichkeit, die sich nicht nur im regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes zeigte. Er las regelmäßig in der Heiligen Schrift und entwickelte eine spezielle Form des Bibelstudiums, aus der zwei eigene Veröffentlichungen hervorgingen. Die erste, „The Philosophie of Jesus of Nazareth“ vollendete er 1804, die zweite „The Life and Morals of Jesus of Nazareth“ entstand 1820 in Griechisch, Latein, Englisch und Französisch. Beide Bände folgen demselben Prinzip. Jefferson erstellte aus dem Fundus der Evangelien des Neuen Testaments Florilegien, die er ausschnitt und auf lose Blätter klebte, die er dann, wie wir aus einer Rechnung seines Buchbinders John March aus Georgetown vom 10. März 1804 wissen, in Kalbsleder binden ließ.

Damit seine Auswahl nicht einseitig wurde, sprich, er beide Seiten eines Blattes verwenden konnte, arbeitete er mit zwei englischen Ausgaben des Neuen Testamentes in der King James-Version. Während von der ersten Zusammenstellung für Jefferson besonders wichtiger Passagen kein Exemplar mehr überliefert ist, erreichte die zweite eine gewisse Bekanntheit. Ursprünglich glaubte man, dass die Ausschnitte aus der Heiligen Schrift, die später den Namen Jefferson-Bibel erhielten, dazu gedacht gewesen seien, bei der Missionierung der indigenen Bevölkerung zu dienen, denen auf diese Weise eine komprimierte Einführung in die Inhalte des christlichen Glaubens gegeben werden sollte. Aber Jefferson verband mit seinem copy-and-paste-Verfahren wohl eher ein privates Interesse. Sein Ziel war, durch das Kompendium seinen eigenen Glauben zu stärken, denn er las jede Nacht in der von ihm zusammengestellten Bibel. Zugleich wollte er die Botschaft Jesu Christi von allem reinigen, was er für spätere Zutat hielt. Dazu gehörten sämtliche Wundererzählungen, die nicht in das Jesusbild des aufgeklärten amerikanischen Präsidenten passten. Wie wichtig es ihm war, Wunder sorgfältig auszusparen, sieht man daran, dass er sich die Mühe machte, sie auch dann zu entfernen, wenn er deswegen kleinteilig Verse mit dem Rasiermesser entfernen musste. Sein Jesus predigte Moral und wies den Weg zu einem guten Leben, kein Heiler der Kranken und auch keiner, der über das Wasser lief. Die Jefferson-Bibel gleicht so eher der Biografie eines großen Moralpredigers als der des Sohnes Gottes und Erlösers der Menschen. Die Geburt Jesu wird unter sorgfältiger Aussparung der englischen Chöre und der Prophezeiung geschildert. Für die Empfängnis vom Heiligen Geist macht der Präsident eine Ausnahme. Auch die Wiederkunft Christi, das ewige Leben, Himmel und Hölle behalten ihren Platz in seiner Bibel.

Dass eine solche Blütenlese schnell den Eindruck erweckt, dass sich hier einer zusammenstellt, was ihm passt, ließ schon Jeffersons Zeitgenossen sein Vorhaben kritisch kommentieren. Manch einer warf ihm gar vor, kein Christ zu sein. Und tatsächlich bestand der Präsident auf seiner ganz persönlichen, von allen unabhängigen Sicht der Dinge und schrieb einem seiner Kritiker, Ezra Stiles Ely: „Sie sagen, sie sind Calvinist. Ich bin es nicht. Ich bin, soweit ich weiß, Mitglied meiner eigenen Sekte.“

Zu seinen Lebzeiten wurde die Jefferson Bibel nicht veröffentlicht und blieb allein seinem privaten Gebrauch vorbehalten. 1895 sorgte Jeffersons Enkel Thomas Jefferson Randolph für eine erste, durch das Nationalmuseum in Washington betreute Edition. 1904 erschien eine lithografische Reproduktion durch den Kongress der Vereinigten Staaten.

Dass die Jefferson-Bibel kritisch zu sehen ist, beweist am eindrucksvollsten, dass die Amerikanische Humanisten Vereinigung 2013 jedem Mitglied des Kongresses ein kostenloses Exemplar überreichte.

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