Was ist sakrale Kunst?

Kirche, Kunst und Wein – Die 21. Transalpinen Sommergespräche der katholischen Studentenverbindung Capitolina. Von Alexander Riebel
Mark Rothko-Kapelle in Houston/Texas
Foto: MRINs | „Alle sind willkommen“, wirbt die Mark Rothko-Kapelle in Houston/Texas. Doch ist die Kapelle rein spiritualistisch angelegt, in der sich jeder selbst finden kann – mit christlicher Religion hat sie ...

Das Verhältnis von Kirche und Kunst wurde immer neu bestimmt. Einer Bestandsaufnahme und Diskussion der gegenwärtigen Situation widmete sich die Katholische Akademische Vereinigung Capitolina im CV zu Rom bei einem Treffen in Würzburg. Zu diesem Anlass kamen am Wochenende rund 60 Mitglieder in die alte fränkische Universitätsklinik- und Bischofsstadt. Die 21. Transalpinen Sommergespräche standen unter dem Motto „Franken – Kirche, Kunst und Wein“. Wie der Würzburger Vikar Cristian Stadtmüller gegenüber dieser Zeitung erläuterte, gehört die Capitolina zum Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV), der in etwa 125 Verbindungen in Deutschland rund 30 000 Mitglieder zählt. Die 1986 unter anderem von Joseph Ratzinger gegründete K.A.V. Capitolina kennzeichne besonders die Nähe zum heiligen Vater in Rom und das unbedingte Bemühen, das Leben als Verbindung und als Einzelne gemäß der Glaubens- und Sittenlehre der katholischen Kirche zu gestalten. Darüber hinaus liege ein besonderer Schwerpunkt auf dem Europagedanken und eines friedlichen Miteinanders – gerade in einer Verbindung mit Mitgliedern aus mehreren europäischen Ländern eine Selbstverständlichkeit.

Neben dem Besuch des Juliusspitals als Ort des sozialen Engagements der Kirche in der Zeit der Gegenreformation, dem Empfang der Gruppe im Wenzelsaal des Würzburger Rathauses und die Führung durch die Kartause Astheim, standen auch zwei Vorträge auf dem abwechslungsreichen Programm. Der Würzburger Bischof em. Friedhelm Hofmann referierte über „Kirche und moderne Kunst – eine notwendige Auseinandersetzung in der Gegenwart“ und der Professor für Kunstgeschichte und Direktor des Martin von Wagner Museums in Würzburg, Damian Dombrowski, sprach über „Die unverzichtbare Figur – über Objektivität in Kunst und Verkündigung“. Dabei wählten beide durchaus unterschiedliche Zugangsarten zum Thema. Während Bischof em. Hofmann eine „Lanze für die kulturoffene Kirche brechen“ wollte, sah Professor Dombrowski größtmögliche Objektivität in der Darstellung des Sakralen im Kirchenraum zumeist nicht gewährleistet – die Öffnung der Kirche gegenüber der Kultur gemäß dem Zweiten Vatikanischen Konzil gehe meistens zu Lasten der Kirche.

Was ist überhaupt Kunst? Für Hofmann ist sie eine verschlüsselte Botschaft, die über sich hinausweist in den geweihten Raum Gottes. Damit sei Kunst auch immer sakral, die nicht nur alleinige Gottespräsenz sei, sondern sinnliche Darstellung des Fleisch gewordenen Wortes: „Ein Künstler, der nicht an Gott glaubt, kann keine Kunst schaffen, weil sie ihn nicht übersteigt.“

Für religiöse Kunst gelten Kriterien der Objektivität

Doch sei das Verständnis der Kunst im 20. Jahrhundert schwierig geworden; die Krise zwischen Kunst und Kirche sei auch die zum Verhältnis der Autarkie der Kunst. So wurde Kunst in der Kirche oft belanglos, schnell museal oder spießig. Für die Kirche sind nicht nur Andachtsbilder, sondern auch narrative Bilder wichtig. Meistermann, Lüpertz oder Richter sind Künstler, die Fenster zum Himmel aufschließen können. Für Hofmann gibt es auch die Verleiblichung des Schönen in der Kirche, das nicht nur an Biblisches gebunden ist. Schönheit und Licht waren für ihn die zentralen Stichworte. Die Diskussion über Schönheit reiße nicht ab, auch nicht nach dem Holocaust und dem 11. September. Gerhard Richter habe einmal gesagt, „ich hatte Lust, etwas Schönes zu malen“, und seine Landschaftsbilder seien von „bestürzender Schönheit“, sagte Hofmann. Auch die Metapher des Lichts führe zu Gott; im Johannes-Evangelium wird Gott als das Licht bezeichnet und Georg Meistermann sprach in diesem Zusammenhang von der Verbindung von Transparenz und Transzendenz. Was aber überhaupt nicht gehe, sei der „Missbrauch kirchlicher Symbole“ durch die New Yorker Modenschau in Zusammenarbeit mit der Kirche im Frühjahr, als etwa die Pop-Sängerin Rihanna eine Mitra trug. „Ich war entsetzt“, sagte Bischof em. Hofmann, hier würden kirchliche Symbole in die Welt gezogen: „Man kann das nicht schlucken, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen.“

Für Professor Dombrowski stand die Frage im Mittelpunkt, was christliche Kunst im sakralen Kontext darf und soll. Dabei gehe die gängige Vorstellung von künstlerischer Freiheit mit der Vorstellung der Kirche nicht immer konform. Darum gehe es auch nicht um eine subjektive Sicht der Kunst im Hinblick auf den sakralen Raum, sondern um größtmögliche Objektivität. Religiöse Kunst hat die Objektivität des Religiösen zu vergegenwärtigen – das geschehe aber meistens nicht. Dass Kirche für Kunst offen sein soll, geht nach Dombrowski meistens zu Lasten der Kirche, weil die sakrale Kunst der Gegenwart auch keine verbindliche Aufgabe mehr hat. Dombrowski sieht einen Spiritualismus in dieser Kunst, der sich vom christlichen Glauben verabschiedet.

Als einen historischen Einschnitt sieht Dombrowski die Liturgiereform, nach der das Altarbild seine Funktion verlor – die künstlerische Aufgabe sei verschwunden. Weil die Stelle des Altarbildes nun der Priester übernommen habe, sei auch die alte Einheit von Kultbild und Bilderzählung verschwunden, was letztlich zu einem Verlust an Transzendenz geführt habe. Der Religionsphilosoph Romano Guardini hat das so formuliert, dass die Kirche ein Organ verloren habe für das Symbolische, für das Mysterium. Als Beispiel nannte Dombrowski spirituelle Malerei ohne religiöse Grundlage wie die von Mark Rothko, der eine Kapelle in Houston in schwarz und violett ausgestattet habe. Zum Meditieren, zur Einfühlung in alle Glaubensrichtungen, aber eben nicht als Gotteshaus. So heißt das Gebäude auch nicht etwa Dreifaltigkeitskapelle, sondern Rothko-Kapelle. Aber Dombrowski sieht Rothko als ein Beispiel dafür, wie das Zweite Vatikanische Konzil die Freiheit der Kunst gegenüber dem Lehramt gestärkt hat. Der Begriff der Schönheit sei längst aus der Kunstdeutung verschwunden, die „schönen Künste“ gibt es nicht mehr. Auch fehlt Dombrowski der Aussagewert heutiger Kunst – es gebe in ihr keinen Gegenentwurf zum Transhumanismus, vor dem digitalen Zeitalter sei sie ratlos und sie sei nur beschreibend politisch. Kann aus all dem die Kirche noch Impulse empfangen?

Drei Punkte kennzeichnen das, was nach Dombrowski sakrale Kunst sein könnte. Sie muss anschaulich sein. Denn warum sollte der Leib wie in der abstrakten Kunst eliminiert werden, wenn doch das Wort Fleisch geworden ist. Zweitens braucht sakrale Kunst Historienbilder, denn die Existenz des Menschen sei geschichtlich. Mit religiöser Evidenz sollten Marterszenen mehr als die Darstellung von Brutalität sein; die Emmaus-Begegnung sollte nicht in eine Kneipe verlegt und Magdalena nicht mit Stöckelschuhen dargestellt werden, was schon vorkam. Und drittens sollte sakrale Kunst die Wirklichkeit verwandeln. Oder wie Cezanne gesagt habe, wie Wasser sich in Wein verwandle, verwandle sich die Welt in Malerei. In einer „Poesie der Ferne“ könne auch gezeigt werden, was der Mensch sein soll, nicht was er ist – bereits auf Renaissancegemälden seien die Figuren von einer Ferne umgeben.

Solch eine „Poesie der Ferne“ ist im Goldschimmer des Antlitzes Christi auf dem Bild „Barmherziger Jesus“ von Michael Triegel zu sehen, das auf Bemühen von Vikar Christian Stadtmüller in die Würzburger Pfarrkirche St. Peter und Paul kam. Auch wenn Dombrowski das Bild Christi als „zu schön“ empfindet, so bezeichnete er es doch, wenn auch nicht als genial, so doch als genialisch in seiner Spannung zwischen Anschaulichkeit und Distanz.

Zuvor hatte Bischof em. Hofmann in der Sepultur des Würzburger Domes die Georg-Meistermann-Fenster erläutert. Der von den Nationalsozialisten abgelehnte Künstler hat 1954 die Fenster geschaffen, deren Themen wohl von Kardinal Döpfner vorgegeben wurden, wie Advent, Fastenzeit, Pfingsten, Taufe oder Eucharistie. Die Symbolik der narrativen Bilder ist überwältigend, so wird auf dem Pfingstfenster der Lebensstrom wie eine DNA dargestellt, wodurch die strukturierte Schöpfung durch den heiligen Geist sichtbar wird, wie Hofmann erklärte.

Dankbar für die Tage, die geprägt waren vom Ideal der Bundesbrüderlichkeit, des gemeinsamen Glaubens und einer akademischen Auseinandersetzung mit dem Thema der Tage, verabschiedeten sich die Capitolinen aus Würzburg. Mehr Infos zur Capitolina gibts übrigens im Internet: www.capitolina.net.

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