Was heute schön wäre

Diäten, Botox oder Gott? Von der großen Suche nach der wahren Ästhetik und einer einfachen Lösung. Von Burkhardt Gorissen
"Duckomenta" in Mannheim
Foto: dpa | Wie diese „Mona Lisa“ zeigt: Man kann das Schöne auch verunstalten.
"Duckomenta" in Mannheim
Foto: dpa | Wie diese „Mona Lisa“ zeigt: Man kann das Schöne auch verunstalten.

In unserem Alltag werden wir mit einer medialen Bilderflut überschüttet. Überall wimmelt es von schönen Menschen. Das erzeugt einen enormen Druck. Warum ist Schönheit so wichtig? Unmengen Geld und Energie werden investiert, um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Zeitgeistgemäß sind Barbie-Puppen Beautys. Das passt zur Fast-Food-Philosophie.

Doch egal, ob Diäten oder Fitness-Training, wer schön sein will, muss leiden. Da sind das täglich wechselnde Make-Up oder die durchgestylte Frisur nur ein Klacks. Schönheitsoperationen. Schlankheitswahn. Photoshop auf Facebook. Pixel für Pixel entsteht aus einem schmeichelnden Selbstbild die geschönte Selbstdarstellung. Warum fasziniert uns das Schöne? Ist es wirklich nur der schöne Schein? Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich der Schönheitsbegriff der Postmoderne am Defizit abarbeitet. Natürlichkeit wird als Makel angesehen, Plastik dient als Surrogat für Echtheit. Über Geschmack kann man nicht streiten. Darin liegt das Verführerische. Nichts außer der Eitelkeit kann so betören. Umberto Eco erfand die Bezeichnung „Polytheismus der Schönheit“. Nie zuvor hat sich eine so große Zahl von Menschen eingebildet, schön und strange zu sein. Jeder Schmock zielt auf totale Aufmerksamkeit. Peinlich, peinlich? Hauptsache, das Foto wird getwittert. Von derlei Schmonzes angesteckt glaubt jeder, sein Gesicht auf Smart- und iPhones posten zu müssen. Geschmack ist, wer am letzten lacht.

Das ästhetische Gefühl braucht Reflexion, schrieb Immanuel Kant. Spieglein, Spieglein an der Wand? Nein, nicht mehr wie in alten Mären. Die Likes auf Facebook, Instagram und YouTube dienen als Ersatzspiegel. Nicht nur die Generationen Millennium und Z oder die Snowflake-Generation befinden sich auf dem Egotrip ins Nirwana der Eitelkeit. Auch die Vorgängergeneration der ewig jungen Berufsrebellen aus den Alt-68er-Kadern bewerben sich notreif um Aufmerksamkeit, so als wäre ein Foto in den Medien der einzige Nachweis dafür, dass sie noch leben. Keine Pose und kein Post können schräg genug sein. Die virale Selfie-Manie bedient das nackte Ego, Selbstverherrlichung um jeden Preis. Ist es das, was die Franzosen den Esprit de Conduite nennen? Nur leeres Stroh, recyclebarer Charme inklusive? Schönheit ist für das Menschenbild der Postmoderne die letzte große Verheißung. Wenn schon nicht mehr die Ewigkeit als Glücksversprechen taugt, muss die gefühlte ewige Jugend als Surrogat herhalten. Das ganze Stylen, Lasern, Peelen, Absaugen und Aufpolstern, Schneiden und Zupfen, der ganze heißlaufende Beautybetrieb kennt nur ein Ziel, den ganzen Menschen von Grund auf neu zu formen. Gottes Schöpfung genügt uns nicht mehr. Seit wir glauben, selbst Götter zu sein, machen wir uns zum Inbild durchtrainierter Anmaßung.

Die Posting-Wut der Postmoderne ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass die Wohlstandsgesellschaft an einer narzisstischen Störung leidet. Nie zuvor gab es einen derart viralen Schönheitskult. Hyaluronsäure regiert die Stunde. Das gilt nicht nur für Selfie-Manen. Aufhübschen ist zu wenig. Unmengen von Cremes, Sälbchen und künstlichen Aromen werden weltweit nicht als Kiloware, sondern in Tonnen gehandelt. Gebotoxt wird um die Wette und Silikon bläht Körperrundungen grotesk auf. Kaum ein Star, der nicht beschnippelt ist, kaum ein Model, das nicht aussieht wie ein Hamster auf Ecstasy, die Schlauchbootlippen zu einem partiell verklebten Lächeln verformt. Mona Lisas Lächeln würde heute Lipgloss tragen und so breit sein wie das Brandenburger Tor, mit brillantenverzierten Jacketkronen versteht sich.

Merkwürdig, im Zeitalter des Narzissmus nimmt die natürliche Schönheit ab, zugunsten einer verhässlichenden Künstlichkeit. Die Maske triumphiert über das wahre Gesicht. Offenbar löst die postmoderne Form überhöhter Selbstliebe einen Reflex aus, der das Ego in Glückshormone taucht. Oder ist die massive Dopamin-Ausschüttung ein Krückstock für das ästhetische Dilemma in einer Zeit ohne Gott? Was als schön gilt, ist abhängig vom Zeitgeist der jeweiligen Kultur. Schön ist, was gefällt oder vielleicht gerade nicht.

Vor 25 000 Jahren, in der Altsteinzeit, symbolisierte die beleibte Venus von Willendorf scheinbar das damalige Schönheitsideal. Im alten Ägypten galt Schlankheit als erstrebenswert. Es gab Diäten und Schmink-Tutorials, auch den Trend komplett enthaarter Körper kannte man schon. Die Römer hingegen liebten blonde Haare, lange bevor Marylin Monroe als Vamp die Massen betörte. In der Renaissance kam das Kindchenschema auf: große Augen, große Köpfe, hohe Stirn. Das wurde erst später wieder für Comicfiguren maßgeblich.

Eine gefühlte Ewigkeit nach der Venus von Willendorf liebte es der Barock wieder füllig, da greifen Rubens' Bilder nur so hinein ins volle Leben. Viele Generationen später, in Zeiten überbordenden Wohlstands, schickten Couturiers mit Twiggy das erste Magersuchtmodel auf den Laufsteg. Schlank macht krank, Fett macht nett? Wenn sich Models heute Rippen herausoperieren lassen, ist das nichts Neues. Wespentaillen waren im 18. Jahrhundert und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dernier cri. In den 1940er Jahren, zu Zeiten des New Look, ließen sich Frauen schon die unteren Rippenpaare entfernen. Das ist nichts gegen die Tortur, der sich Mädchen nach alter chinesischer Tradition für den Lotus- oder Lilienfuß unterwerfen mussten. Die Zehen wurden unter die Fußsohle gedrückt und die Füße in enge Stoffbahnen geschnürt. Jeder Schritt in viel zu kleinen Schuhen bereitete Höllenqualen, weil die Zehen unter dem Körpergewicht brachen. Am Ende des Martyriums sah der völlig deformierte Fuß aus wie eine knospende Lilienblüte. Daher der Name.

Kaum besser ergeht es bis heute dem weiblichen Geschlecht aus dem äthiopischen Kriegerstamm der Mursi. In der Pubertät wird den Mädchen eine kleine Tonscheibe in die Unterlippe eingesetzt. Um die Lippe kontinuierlich zu dehnen, tauscht man im Laufe der Jahre die Scheibe durch jeweils größere aus. Je größer der Teller, desto höher der Brautpreis. Vierzig Rinder und ein paar Kalaschnikows bringt eine tellerlippige Tochter ihrem Vater. Treibt Schönheit mit Entsetzen Scherz? Im Schauder vor der Verwechselbarkeit aller Gebilde, Gefühle, Begriffe, vor der Akzeleration der Metamorphose, regt sich Sehnsucht danach geliebt zu werden, in der Anonymität des Netzes Anerkennung und Freundschaft zu finden. Sehnsucht nach dauerhafter, endgültiger Liebe. Zugleich aber ist da die Angst vor Ablehnung, schlimmer noch davor, gar nicht wahrgenommen zu werden.

Einen ganz anderen Weg, Schönheit erfahrbar zu machen, geht Johannes Hartl. Der promovierte Theologe, der den Lesern dieser Zeitung auch als Tagesposting-Autor bekannt ist, gehört zu den wenigen Predigern im deutschsprachigen Raum, dem es gelingt, die Schönheit des Lebens positiv vermitteln zu können. Und das auf vielfältige Weise. Das von ihm gegründete Augsburger Gebetshaus zählt zur charismatischen Erneuerung, dort geht es um freies Beten, Lobpreis und Verkündigung.

Doch auch als Musiker und Songwriter wirkt der Vater von vier Kindern und wirbt er für die Schönheit des christlichen Glaubens. Erst kürzlich hat er mit Freunden, darunter ist unter anderem Michael Patrick Kelly, sein zweites Musikalbum veröffentlicht, das den programmatischen Titel „So hoch der Himmel“ trägt.

Hartls Inspiration ist nichts Künstliches, in die Schöpfung manipulierend eingreifendes, sondern die Quelle der Schönheit schlechthin: der Heilige Geist. Ist dieser authentische Schönheits-Stifter vielleicht auch derjenige, der die Menschen zu den Veranstaltungen des Gebetshauses zieht? Allein an der diesjährigen MEHR-Konferenz des Gebetshauses Augsburg nahmen mehr als 10 000 Menschen teil. Dazu muss man wissen: Hartl ist kein verstaubter Nostalgiker. „In meinem Herzen Feuer“, lautet einer seiner Buchtitel, fast spielerisch gelingt es ihm, theologisch komplexe Konzepte auf den Punkt zu bringen. Gott ist fremd? Gott ist ungezähmt. Gott ist schön. Genau diese Schönheit beschreibt den Aufbruch aus den althergebrachten Vorurteilen. Die ganze Schönheit des Glaubens offenbart sich in dieser spirituellen Reise. Gebet als Selbstfindung. Innere Schönheit, statt äußerliche Oberflächlichkeit. Es geht darum, für ein Leben offen zu werden, das ganz von Jesus durchdrungen ist. Kurzum, es geht um Elementares, nicht um Modeerscheinungen.

Und Johannes Hartl hat, was die Schönheit betrifft, noch ein anderes Eisen im Feuer. 2018 wird es eine neue Art von Veranstaltung geben, sie heißt SCHON. Es geht um Theater, Pop, Klassik, Architektur, Film, Photographie, Kulinarik, Malerei, Tanz – und natürlich um das Element, was alles miteinander verbindet, den Heiligen Geist. Wer Johannes Hartl kennt, weiß, dass er nicht zu viel verspricht. Man darf schon jetzt gespannt sein auf das, was er in diesem Rahmen präsentieren wird. Christentum und Schönheit – genau danach darf die Welt neu suchen und fündig werden.

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