Selbstlosigkeit

Was aus dem Schenken eine Kunst macht

Fotobücher unterm Weihnachtsbaum
Foto: Swen Pförtner (dpa) | Seidenschleife, ausgewähltes Geschenkpapier, die vielen Gedanken, die man sich macht - all das macht Schenken zu einer Freude von der beide Seiten etwas haben.

Es weihnachtet wieder. Das Fest der Liebe steht vor der Tür, und wir pflegen einander zu beschenken. Wie gut, wie richtig, denn Liebe erweist sich im selbstlosen Schenken. Ein Päckchen mit einem Schleifchen und einem lieben Gruß   aber ach, so einfach ist es nicht. Nicht umsonst wird Schenken eine Kunst genannt.   

Schenken herzlich und frei

Wir schenken, weil wir jemandem eine Freude machen, Dank ausdrücken, die Bilanz von Geben und Nehmen ausgleichen, uns jemanden verpflichten wollen, oder weil zu gewissen Festen Geschenke einfach fällig sind. Die Motive sind vielfältig und selten rein: Einfach nur von Herzen Freude machen wollen, ganz ohne Absicht; schenken wie ein Kind, das seine Kritzikratzi-Zeichnung strahlend der Mutter überreicht: "Das habe ich für dich gemalt", und sich freut, wenn das Gemälde aufgehängt wird. 

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Wie immer die Absichten sein mögen, ein Geschenk soll Freude machen. Aber da fängt s schon an. Was könnte denn dem Anderen Freude machen? Wie gut kenne ich die Person, ihre Interessen, Hobbys, Wünsche, ihren Geschmack? Auf die Schnittmenge kommt es an, den Bereich, wo sich Geschmack und Wertempfinden   seien es geistige oder materielle Werte   der beiden decken. Um diese Schnittmenge zu finden, braucht es Hindenken und Hinfühlen, eine wache Aufmerksamkeit schon lange vor Weihnachten, welche Wünsche jemand vielleicht hat erkennen lassen, ein Ausstrecken der Antennen der Intuition zum Anderen hin. Männer pflegen diesen sensiblen zwischenmenschlichen Bereich oft an ihre Frauen zu delegieren, weil diese halt eher auch mit dem Herzen schauen als nur mit Verstand.

Die Freude des Schenkers

Das Geschenk muss dem Schenker ebenso viel Freude machen wie dem Beschenkten. Das Herz des Schenkers schlägt höher, wenn er sich die Freude vorstellt, die er dem Anderen bereiten wird. Wenn dann der Beschenkte die Schleife aufzieht und sein Gesicht aufleuchtet, dann bewahrheitet sich das Sprichwort: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Ein Ehemann, der seine Frau schon vierzig Jahre lang liebt, glüht schon in Vorfreude auf das überraschte Lächeln seiner Frau, wenn sie das Geschenk unter dem Weihnachtsbaum auspackt. Wenn er dann die Worte hört: "Dir fällt doch immer das Richtige ein!", ist er tief beglückt.
"Hat s auch weh getan?" pflegte ein guter Freund mit Strahlen in den Augen zu fragen, wenn er das Geschenk in Empfang nahm. Liebe ist opferbereit und verschwenderisch. Im Überflüssigen, im Überschießenden, im gar nicht berechneten Aufwand drückt sich die Liebe aus. Besonders beglückend sind gänzlich anlasslose und unerwartete Geschenke, die einfach nur zeigen, dass der eine liebevoll an den anderen gedacht hat. 

Es kann vorkommen, dass man trotz lauterster Absicht doch den Geschmack des Anderen nicht trifft. Der Beschenkte wird das Präsent dennoch gerne annehmen und ihm sogar einen Ehrenplatz geben, wenn es mit Schenkerfreude umhülllt ist. 
Geschenke müssen schön verpackt sein. Warum? Weil die Verpackung überflüssig ist und gerade deswegen dem Gegenstand den Charakter des Geschenks verleiht. Es macht einen Unterschied, ob ein Buch in billiges Papier eingewickelt und mit Tesafilm zugeklebt ist oder in ein edles Papier mit einer Seidenschleife, die man aufheben und wiederverwenden kann. So nötig die Verpackung ist, so nötig ist die passende Karte, auf die man Worte schreibt, die man vielleicht mündlich nie sagen würde. 

Schenken aus Dankbarkeit

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Dankbarkeit drängt dazu, sich in einem Geschenk auszudrücken. Sie weckt das Sensorium für das, was beim Beschenkten ins Herz treffen könnte. Man ist ganz beim Anderen und bekennt sich dazu, gegenüber der Person der Empfangende zu sein. Das ist besonders anrührend, wenn der Dankende in einer Vorgesetztenposition ist. Ein Bundeswehroffizier leitete eine Truppe von Hunderten von Soldaten bei einem Auslandseinsatz. Beim Abschieds-Appell standen die Soldaten stramm im Karree und hörten ein Gedicht, das ihr Vorgesetzter selbst verfasst hatte, um der Truppe aus tiefstem Herzen für ihren Dienst zu danken. Die Augen wurden feucht und leuchteten vor Freude. 

Das Geschenk empfangen

Zum Schenken gehören zwei: Einer der schenkt und einer der empfängt. Mancher vermeidet die Dankbarkeit. Auf dem Land in Bayern wird penibel auf den Ausgleich von Geben und Nehmen geachtet: Man möchte sich auf keinen Fall lumpen lassen und möglichst dem Anderen gegenüber im Plus sein. Deswegen ist die Standardantwort, die jemand bekommt, der seinerseits ebenso im Plus sein möchte: "Des häd s fei ned braucht!" Das hätte es nicht gebraucht. Das klingt selbstlos, dient aber in Wirklichkeit dazu, sich von der Dankesschuld zu befreien, die ja eine verborgene Verpflichtung enthält, selbst wieder zu geben und so das Rad des Gebens und Nehmens in Schwung zu halten. 

Schenken von oben nach unten

Die Hausherrin beschenkt ihre Haushaltsangestellte. Die Angestellte pflegt Polyesterpullis zu tragen, die Hausfrau Kaschmir. Aber würde sich die Angestellte freuen, wenn sie ein Geschenk bekäme, das sich ihrem Konsumniveau anpasste? Würde sie nicht. Weil die Hausfrau wirklich sehr zufrieden mit ihrer Perle ist, macht sie ihr mit Freude edle Geschenke, durch die sich die Angestellte gewürdigt und anerkannt fühlt. Ein König, eine Fürstin, ein Höherstehender muss entsprechend dem eigenen Qualitätsniveau schenken, dem Dienst angemessen, den jemand für ihn oder sie tut. 

Schenken von unten nach oben

Wertausgleich ist in dieser Konstellation nicht möglich und auch nicht nötig. Es ist völlig in Ordnung, wenn der niedriger Stehende gar nichts schenkt. Dennoch kann die Person Freude bereiten, wenn sie etwas schenkt, das für beide Qualität hat: Selbst gebackene Plätzchen oder Marmelade, Früchte aus dem eigenen Garten. Es wird den "Reichen" rühren, wenn der vergleichsweise "Arme" etwas schenkt, was in seinem Leben echt und schön ist. 

Schenken mit List

Das Schenken kann durch versteckte Motive seine Lauterkeit verlieren: Man scheut die Kosten, aber man will doch gerade noch so schenken, dass der Geiz verborgen bleibt. Oder man will mit einem Geschenk etwas erreichen: den Beschenkten an sich binden, zur Dankbarkeit nötigen, ihn zur Gegenleistung verpflichten. Deswegen sollten Politiker keine Einladungen im Privatjet auf das Anwesen eines Reichen annehmen... Sie tun es trotzdem, manch einer kommt darüber zu Fall, früher oder später auch derjenige, der so agiert.  
Geschenke können mit missionarischen Absichten verbunden sein. Auch wenn die Motive edel sind, hat sich ein "Um-zu" ins Schenken eingeschlichen. Zur Hochzeit eine kostbare Marienikone schenken, obwohl das Paar (noch) keine Beziehung zur Muttergottes hat. Wenn dann die Ikone auf irgendeinem Sims unter Krimskrams landet, muss der Schenker erkennen, dass er mehr bei sich als bei den Beschenkten war. Vorsicht mit Büchern, die den Beschenkten auf die richtige Spur bringen sollen! Das kann ins Auge gehen und, anstatt Freude zu bereiten, die Freundschaft belasten. 

Was schenke ich bloß?

Was schenk ich bloß   der Ehefrau, den Kindern, der Putzfrau, dem Geschäftspartner? Viele Menschen haben schon "alles", und es ist nicht einfach, die Lücke zu finden, in der sich ein echter Wunsch verbirgt. Immer bedarf es feinfühligen Austarierens der Beziehung und des Werte-Kosmos  der Person. Wenn man entdeckt, dass jemand etwas braucht, dann ist es leicht zu schenken, denn die Freude über einen Gegenstand ist um so größer, je mehr man ihn entbehrt. 
Verdienen Geldgeschenke nur Verachtung, weil so gar nichts an Einfühlung in den Geldschein eingeflossen ist und der Empfänger sich selbst beschenken soll: "Kauf dir was Schönes!" Aber wenn das Prinzip gilt, dass die Freude um so größer ist, je weniger man von etwas hat, kann Geld durchaus das passende Geschenk vom Opa an den Enkel sein, der für ein Mountainbike spart. 

Wege aus dem Schenkstress

 

Familien mit großen Kindern könnten das Geld, das sie für Geschenke ausgeben würden, an ein Projekt spenden, auf das sie sich geeinigt haben. Aber soll es tatsächlich keine Bescherung geben? Es ist ja wirklich eine große Freude, liebevolle Geschenke unter dem Weihnachtsbau auszupacken. Die Familie könnte auch beschließen, nur noch Selbstgemachtes zu schenken. Plötzlich fängt man wieder an zu basteln, zu sägen, zu nähen, zu malen: Weihnachtssterne, Puppenkleider, ein Gebetsbüchlein mit selbst gemalten Aquarellen, Krippenfiguren anziehen  - wie viel schöner ist das, als sich in die Kaufhäuser zu stürzen. 
Wenn man Kinder mit Geschenken überhäuft, dann tut man ihnen keinen Gefallen. Sie reißen ein Geschenk nach dem anderen auf, und ihr Gesicht leuchtet nur selten von Freude. Das tut es nur, wenn vorher ein Wunsch da war, ein großer, lang gehegter Wunsch, und sie am nächsten Tag im Weihnachtszimmer im Bau der Lego-Ritterburg oder dem Buch oder dem Experimentierkasten versinken können. So früh wie möglich sollten Kinder für jene, von denen sie beschenkt werden, auch selbst etwas basteln. Sie lieben es, Geschenke zu machen. Von ihnen können wir lernen, mit reinem Herzen zu schenken. 

Joachim Ringelnatz hat es verstanden, dies alles kürzer zu sagen: 

Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So dass die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Dass dein Geschenk
Du selber bist.

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