Warum die Evolutionstheorie Religion nicht erklären kann

John E. Walker, Nobelpreisträger für Chemie des Jahres 1997, hat gefordert, die Evolution in der von Darwin beschriebenen Form nicht als Theorie, sondern als „Tatsache“ zu behandeln. Das ist nicht nur ungenau, sondern es bereitet einer irreführenden Ideologie den Boden: dem Evolutionismus. Von Josef Bordat
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Kurz gesagt gilt für den Evolutionismus: Außerhalb dessen, was mit Darwins Evolutionstheorie beschreibbar ist, gibt es nichts mehr, das für den Menschen von Bedeutung sein sollte. Umgekehrt muss alles, das Bedeutung hat, evolutionär entstanden und damit evolutionistisch erklärbar sein. Auch die Religion. Das ist praktisch, liegen doch viele Religionen mit ihren tradierten Vorstellungen zur Schöpfung einer Deutung der Evolutionstheorie quer, die die Ursprungsfrage nicht offen lässt, sondern als Teil der naturwissenschaftlichen Erklärung einklammert. Die Auseinandersetzung mit der Religion findet also auf zwei Ebenen statt: einerseits ist der Schöpfungsgedanke, der Darwins Evolutionstheorie zu widerstreben scheint, ein religiöser, andererseits soll sich Religion (und damit auch der Schöpfungsgedanke) darwinistisch erklären lassen. So lässt sich Schöpfung elegant aus der Welt schaffen, obgleich es auf einer Metaebene interessant wäre zu fragen, warum ausgerechnet die Evolution etwas hervorbringt, dass ihr zu widersprechen scheint, nämlich Schöpfungsglauben. Umgekehrt zeigt sich in dieser „Hochrechnung aufs Ganze“ (Karl Eibl) selbst ein religiöser Zug der Evolutionsforschung.

Um diese Hochrechnung leisten und dabei den religiösen Glauben überwinden zu können, bedarf es zunächst eines passenden Religionsverständnisses und Gottesbegriffs. In der evolutionistischen Diskussion „letzter Dinge“ sind „Religion“ und „Gott“ so bestimmt, dass sie sich mit den Mitteln der naturwissenschaftlichen Forschung erklären lassen. Das Paradigma prägt die Gegenstände. Die biologischen Erklärungen sind zu verlockend und kaum jemandem fällt auf, dass die erklärten Gegenstände zurechtgestutzt sind. Gott wird in der Spur des „Gegenpapsts“ Ernst Haeckel, der Gott als „gasförmiges Wirbelthier“ beschrieb, physikalisiert und naturwissenschaftlich verfügbar gemacht: Gott existiert dann, wenn er sich im Labor wiederholt herstellen lässt. Der vorgestellte Gottesbegriff muss also Bestandteil einer naturwissenschaftlichen Hypothese sein können, um sinnvoll verhandelbar zu sein. Da ein solcher „Gott“ nicht existiert (wenn er existierte, wäre er nicht Gott), existiert Gott nicht. Ein solch naturalistisches Gottesbild ist im Rahmen einer christlichen Theologie nicht satisfaktionsfähig. Daher auch die Schwierigkeiten im Dialog – wir sprechen nicht über das Gleiche oder den Gleichen.

Religion wird im Evolutionismus sodann auf die Funktion „Reproduktions- und Überlebensvorteil“ reduziert. Da es Religion überall gibt, muss sie eine solche haben oder zumindest gehabt haben. Religion muss dem Einzelnen gesellschaftliche Vorteile bringen, sonst gäbe es sie nicht. Der Biologe David Sloan Wilson etwa hält es für erwiesen, dass Glaubenssysteme nach den Regeln von Darwins Evolutionstheorie entstehen; sein Namensvetter, der Soziobiologe Edward O. Wilson, sieht den Vorteil in der Integrationskraft der Religion, die sich noch heute stabilisierend auswirke. Individualistische Formen (Jainismus, Einsiedelei) werden im Rahmen dieser „Erklärung“ ebenso systematisch ausgeblendet, wie die Tatsache, dass Religion vielen Menschen eher gesellschaftliche Nachteile bringt (jeder zehnte Christ kann ein Lied davon singen). Wieso aber, so könnte man fragen, konvertieren Menschen sich geradezu in die Schwierigkeiten hinein – in China, in Indien, in der arabischen Welt? Im Deutungsmuster „Darwin“ dürfte so etwas nicht vorkommen. Auch das Martyrium bringt für die proklamierte Selbsterhaltungsfunktion der Religiosität argumentative Probleme, wie an dem evolutionistischen Deutungsansatz erkennbar wird, den der Biologe und Wissenschaftshistoriker Thomas Junker und die Biologin und Wissenschaftsautorin Sabine Paul präsentieren. Der Kerngedanke ihres 2009 erschienenen Buchs „Der Darwin-Code“ wird in dem ambitionierten Untertitel unmissverständlich zum Ausdruck gebracht: „Die Evolution erklärt unser Leben“. Aber: Tut sie das wirklich? Erklärt sie auch das Martyrium?

Durchaus, wenn man davon ausgeht, das Martyrium verdanke sich einem (sozio-)biologischen Urinstinkt, der ehemals sinnvoll war, weil es Gemeinschaften stabilisierte, in modernen Gesellschaften freilich als „Fehlanpassung“ ins Leere läuft, weil der „Vorteil“ – worin dieser auch immer genau bestanden haben mag – heute nicht mehr existiert. Mit dieser abenteuerlichen These sollen christliches Blutzeugnis und islamistischer Terror durch Selbstmordattentate auf eine gemeinsame Basis zurückgeführt werden. Zwischen einem Sterben als Zeugnis und Akt der Hingabe (christliches Martyrium) und dem Töten als Gewaltakt (islamistisches Selbstmordattentat) wird nicht unterschieden, so dass am Ende das Konterfei Mohammed Attas und das Maximilian Kolbes die beiden Seiten der einen evolutionistischen Medaille zieren, aus deren Strahlkraft man das komplexe Phänomen „altruistische Aufopferung seiner Selbst“ ergründet zu haben glaubt: Die Aufopferung geschieht nicht für Gott, für den Glauben, für ein höheres Ideal, sondern für die Gemeinschaft. Das ist die „evolutionäre Logik“, die christliches Martyrium und islamistisches Selbstmord- attentat umklammert.

Der Theologe Richard Schröder meint dagegen, dass Christentum und Islam „durch ein fundamental anderes Verhältnis zur Gewalt charakterisiert werden, was mit ihren Entstehungsbedingungen zu tun hat“. Weil das die gleichförmige evolutionistische Erklärung irritiert, müssen die Entstehungsbedingungen des Christentums also entsprechend umgedichtet werden, um schließlich in der gewagten These von der Wesensgleichheit von Martyrium und Selbstmord- attentat zu kulminieren. Es ist leider davon auszugehen, dass die beiden Biologen bei dem fraglos schwierigen Versuch, das Christentum als „Religion der Gewalt“ vorzustellen und das christliche Martyrium unbedingt auch in die Terror/Gewalt-Schablone des Selbstmordattentats zu pressen, um ihr evolutionistisches Universalerklärungsmuster zu retten, es mit den Fakten nicht ganz so genau nehmen.

Um die „grundsätzliche“ Disposition des Christentums zur Gewalt zu begründen, wird von Junker und Paul zudem behauptet, das Christentum habe sich quasi in einem Umfeld aus Terror und Krieg entwickelt (verwiesen wird auf den Terror der Zeloten und den Römisch-Jüdischen Krieg Ende der 60er des 1. Jahrhunderts), dessen Grausamkeit, so die Darstellung, auf die größte Religion der Welt abfärbte. Um das zu untermauern wird ohne Beleg unter anderem behauptet, fünf der zwölf Apostel seien Zeloten gewesen.

Das ignoriert nicht nur, dass sich das Christentum nicht nur im krisengeschüttelten Alt-Israel, sondern auch in der Megametropole Rom, im aufgeklärten Athen und in vergleichsweise friedlichen Regionen Afrikas und Asiens entwickelt hat. Es übersieht auch, dass der Schluss von der gewaltsamen Atmosphäre auf die Gesinnung einzelner Gruppen im Hinblick auf deren eigene Gewaltbereitschaft voreilig ist (sonst müsste man auch die Weiße Rose für gewaltbereit halten, weil sie sich in einem Umfeld aus Terror und Krieg entwickelt hat). Und es ignoriert ferner, dass die Zeloten in der Jüngerschar Jesu ehemalige Zeloten waren, die sich Christus anschlossen, gerade weil dieser ein Kontrastprogramm zu ihrer Herkunftsgruppierung anbot, nämlich die radikale Gewaltlosigkeit. Und selbst wenn wir annehmen, die Zeloten hätten tatsächlich versucht, die Jesus-Bewegung im Sinne der Bereitschaft zum Terror zu unterwandern, dann zeigt die Geschichte der Jerusalemer Urgemeinde und der neu gegründeten Gemeinden in der ganzen damals bekannten Welt deutlich, dass dies nicht gelungen ist. Überhaupt war das Christentum in den ersten drei Jahrhunderten Opfer von Gewalt, nicht aber Täter; als Staatsreligion änderte sich dies allerdings im Rahmen und Sinne dessen, dass Staaten nach innen und außen leider oft zur Gewalt als Fortsetzung der Politik neigen. Doch auch von all diesen leicht zu recherchierenden Fakten abgesehen, verwundert die Zahl der Zeloten, die die Autoren beleg- und irritationslos in den Raum stellen: fünf. Man findet nämlich in den Studien von Neutestamentlern sonst immer nur, dass Simon, „der Zelot“ (Lukas 6, 15) wohl ein ehemaliger Zelot war, und dass man Judas Iskariot wegen dessen Beinamen lange für einen Zeloten hielt, sein Beiname nach herrschender Meinung aber weniger etwas mit der typischen Zeloten-Waffe zu tun hat (dem Sikarier), sondern vielmehr mit Judas’ Herkunft (Kariot). Das wären also wahrscheinlich einer, maximal zwei, aber keineswegs fünf. Auch hier fällt es schwer, einfach einen Schreibfehler zu unterstellen. Dafür wird die Frühgeschichte des Christentums (oder das, was die Biologen dafür halten) zu sehr als argumentatives Scharnier, gewissermaßen als „missing link“ zwischen Kultur und Natur, zwischen der christlichen Botschaft Jesu und dem evolutionistischen Erklärungsansatz präsentiert, in welchem passive Opferschaft und aktive Täterschaft in der Selbstaufgabe ganz bewusst völlig zum Verschwimmen gebracht werden.

Ob man also dem Anspruch gerecht wird, Darwins Evolutionstheorie als „Schlüssel zu den Problemen unserer modernen Kultur“ zu präsentieren, wie dies Junker und Paul stellvertretend für den wirkmächtigen Szientismus tun, erscheint mehr als fraglich. Das Schloss, die Probleme unserer modernen Kultur, so lange anzupassen, bis der Schlüssel doch passt, mag üblich sein, wenn der Zweck die Mittel heiligt, zeugt aber nicht von besonderer Redlichkeit. Ob die Evolution also unser Leben erklärt, darf insoweit stark bezweifelt werden, als dieses Leben Religion enthält, auf welche der Zugriff im Paradigma der Naturwissenschaft offenkundig nicht restlos gelingt. Der evolutionistische Deutungsansatz dieser Phänomene kann jedenfalls nur eine mit theologischen und kulturwissenschaftlichen Kenntnissen nicht allzu sehr vorbelastete Klientel überzeugen. Umgekehrt erscheint es eingedenk der gestelzten Erklärungsversuche sehr viel naheliegender, an den nicht-evolutionären schöpferischen Geist und die geschaffene Seele zu glauben.

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