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Wann kommt die Flut?

In der "Tagespost"-Reihe „Sagen und Mythen“ geht es dieses Mal um die großen Fluterzählungen der Menschheit. 
Selbst der Engel (unten rechts) erträgt die Gewalt der Flut nicht: Francis Danby, „The Deluge“, 1840.
Foto: Francis Danby | Selbst der Engel (unten rechts) erträgt die Gewalt der Flut nicht: Francis Danby, „The Deluge“, 1840.

Der Herr sah, dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war. Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh“ (Gen 6, 5-6). Damit beginnt der alttestamentliche Bericht über die Sintflut, der sich bis Gen 9,17 erstreckt. In diesen Worten wird die Verbindung zwischen Schöpfung und Sintflut ebenso betont wie ihr Strafcharakter. Der Name „Sintflut“ stammt vom althochdeutschen „sinvluot“, wobei „Sin-“ so viel wie „immer, überall“ bedeutete: die Flut betraf die gesamte Erde. Die volksetymologische Umdeutung zu „Sündflut“ taucht erstmals im 15. Jahrhundert auf. Ein weiteres zentrales Element der Erzählung ist der Bund, den Gott mit Noah schließt: „Alles auf Erden soll den Tod finden. Mit dir aber richte ich meinen Bund auf“ (Gen. 6, 17-18).

Die „Urflut“ dauerte vierzig Tage, und das Wasser bedeckte die gesamte Erde. Nachdem die Wassermassen zurückgegangen waren, sprach Gott zu den auserwählten Überlebenden: „Ihr aber, seid fruchtbar und mehrt euch; regt euch auf der Erde und mehrt euch auf ihr!“ (Gen. 9,7), was an den Segenswunsch nach der Erschaffung des Menschen erinnert: „Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie“ (Gen 1, 28), womit die Sintflut als eine Art Neuschöpfung dargestellt wird. Im Jahr 1872 sorgte eine Entdeckung für großes Aufsehen: George Smith übersetzte die Sintflut-Erzählung des sogenannten Gilgamesch-Epos. Gilgamesch gilt als der fünfte König der ersten Dynastie von Uruk nach der Sintflut. Uruk war das wichtigste Kulturzentrum im Zweistromland in der gleichnamigen „Uruk-Zeit“ (etwa 3500 bis 2800 v. Chr.). Die Sintflut wird auf der „Tafel XI“ eines Epos-Zyklus erwähnt, bei dem es insbesondere um die Suche des „Helden“ Gilgamesch – der zu zwei Dritteln Gott und zu einem Drittel Mensch ist – nach Unsterblichkeit geht. Darin sucht Gilgamesch seinen Urahnen Ziusudra auf, der ihm die Geschichte von der Flut erzählt: Der Gott Enki warnt Ziusudra im Traum vor einer Flut, die alles Leben vernichten wird, und rät ihm, ein Schiff zu bauen. Ziusudra lässt nun die Tiere der Steppe, seine Frau und seine gesamte Sippe in das Schiff einsteigen. 

Menschen als Sklaven der Götter

Auch ein Detail, das aus der Genesis-Erzählung bekannt ist, kommt im Gilgamesch-Epos vor: Nachdem die Arche am Berg Nisir gestrandet ist, sendet Ziusudra – vermutlich in Tagesabständen – drei Vögel aus: eine Taube, eine Schwalbe und einen Raben. Der Rabe kehrte nicht zurück, wodurch bekannt wurde, dass das Land wieder begehbar war. Nach der Flut, die das Land überflutet und untergehen lässt, werden Ziusudra und seine Frau für die Rettung der Lebewesen dadurch belohnt, dass beide vergöttlicht werden und ein gottgleiches Leben auf der Götterinsel „Land der Seligen“ führen dürfen. Archäologische Funde aus dieser Region bestätigen, dass es in alter Zeit mehrere größere Überschwemmungen des Euphrat und Tigris gab. Ob zwischen ihnen und der im Epos enthaltenen Sintflut einen Zusammenhang besteht, ist in der Forschung umstritten. Der Autor des Gilgamesch-Epos übernahm um 1200 v. Chr. die Erzählung der Sintflut aus dem älteren Atrahasis- oder Aramchasis-Epos, das um 1800 vor Christus in einem der Stadtstaaten Mesopotamiens geschrieben und um 1650 vor Christus überarbeitet wurde. Dieses Epos berichtet von der sumerischen Genesis ab der Erschaffung des Gartens von Eden.

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Die „Sintflut“ ist in einen größeren Zusammenhang eingebettet: Die Menschen wurden auf Empfehlung von Ea beziehungsweise Enki, dem Gott der Weisheit und des Süßwassers, als Ersatz für „niedere Götter“ geschaffen, die schwere Arbeiten für die „höheren Götter“ verrichten mussten. Da die Menschen immer zahlreicher wurden, störten sie durch ihren Lärm den Schlaf des obersten Gottes Enlil. Daraufhin beschließt dieser, die Menschen wieder abzuschaffen. Enlil befiehlt Ea, an einer alles vernichtenden Wasserflut mitzuwirken. Der Gott der Weisheit wendet sich jedoch an Atrahasis mit einer genauen Anleitung zum Bau eines überdachten Schiffes. Atrahasis trifft sorgfältig alle notwendigen Vorbereitungen und belädt die Arche mit Nahrungsmitteln sowie mit Paaren verschiedener Tiere. Sieben Tage und sieben Nächte wütet die Sintflut, selbst die Götter sind voll Schrecken angesichts ihrer Auswirkungen.

„Von Hunger und Durst getrieben“ erkennen die Götter schließlich ihre Abhängigkeit von den Menschen, die ihre regelmäßige Versorgung mit Opfern sicherstellen. Die Götter beschließen aber einige Maßnahmen, um die Fortpflanzungskraft des Menschen einzudämmen: Unfruchtbarkeit sowie Krankheiten, die sowohl das Un- wie auch das Neugeborene heimsuchen, und auch eine Kaste von Priesterinnen, denen Heirat und Fortpflanzung untersagt sind.

Gemeinsamkeiten mit dem biblischen Bericht 

 Diese mesopotamischen Sintfluterzählungen – mit ihren Variationen aus Klein-Asien (Hethiter) und Ugarit sowie der sumerischen aus Nippur – haben mit dem biblischen Bericht eine Reihe Gemeinsamkeiten: Abgesehen von verschiedenen Details wie der Anleitung zum Archenbau, die (ein) Gott dem Auserwählten mitteilt, den paarweise mitgenommenen Tieren oder den drei Vögeln, die aus der Arche hinausgelassen werden, um festzustellen, ob das Land wieder trocken war, wird die Sintflut als eine gottgesandte Flutkatastrophe beschrieben, an deren Ende die Vernichtung der gesamten Menschheit und der Landtiere stehen sollte. Nur wenige besonders gottesfürchtige Personen entkommen der Katastrophe. Als Gründe für die Sintflut nennen die Erzählungen meist den Zorn Gottes oder der Götter über die Verfehlungen der Menschheit. Häufig, etwa im Atrahasis-Epos, besteht ein Zusammenhang zwischen der Erschaffung der Menschen und der Urflut. Schließlich wird nach der Sintflut zwischen Gott beziehungsweise den Göttern und den auserwählten Überlebenden ein Bund geschlossen.

Da die mesopotamischen Erzählungen älter sind als der biblische Bericht, der traditionell Moses zugeschrieben wird, jedoch wahrscheinlich im Laufe des zehnten bis sechsten Jahrhunderts vor Christus niedergeschrieben wurde, entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Eindruck, die Bibel habe solche mesopotamischen Erzählungen übernommen. Insbesondere Friedrich Delitzsch (1850–1922), ab 1899 Professor für Assyriologie und semitische Sprachen in Berlin sowie Mitbegründer und Direktor der Deutschen Orient-Gesellschaft, entwickelte diese Vorstellungen in drei Vorträgen mit dem Titel „Babel und Bibel“ (1902–1904): „Detailliert mustert er Schöpfungserzählungen, Flutmotive und Weltbildvorstellungen. Dabei wird Delitzsch nicht müde, die babylonische Originalität der meisten Motive zu postulieren. Selbst sittlich-ethische Forderungen des Dekalogs, Teile der Sündenfallgeschichte und Ansätze des Monotheismus werden mit Beispielen aus Siegelabdrücken oder Keilschrifttexten scheinbar belegt“ (Sascha Gebauer). Delitzsch stellt damit die Originalität der alttestamentlichen Gottesoffenbarung sowie deren Nutzen für den christlichen Glauben in Frage.

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Insbesondere katholische und jüdische Kreise sahen darin eine Infragestellung der heilsgeschichtlichen Bedeutung der Bibel. Kaiser Wilhelm II., der Delitzsch‘ ersten beiden Vorträgen beigewohnt hatte, war als Landesherr der evangelischen Kirche (summus episcopus) herausgefordert, Stellung zu nehmen. In einem offenen Brief bekannte sich der Kaiser zum Offenbarungsgehalt der gesamten Bibel, an dem auch neue historische Fakten keinen Zweifel lassen. Damit ebbte das Interesse für Delitzschs Thesen ab.

Gibt es einen historischen Kern?

 Sintflut-Erzählungen sind nicht nur im mesopotamischen und darauf aufbauenden griechisch-römischen Kulturkreis zu finden. Ähnliche Berichte gibt es auch in den Mythen von Völkern, die keinen Kontakt zur sumerischen Kultur hatten. So tauchen Sintflutgeschichten bei den Kelten in den Erzählungen um Dwyfan und Dwyfach auf, und bei den Germanen in der Völospá, die den Schöpfungsbericht der alt-isländischen Prosa-Edda einleitet. Hier wird von einer globalen Flut berichtet, die nur der Riese Bergelmir und seine Frau überlebten. Auch in Indien findet sich eine Sintflut-Erzählung in den Geschichten um Manu, eine Inkarnation Vishnus, der den ersten Menschen zum Bau einer Arche aufforderte. In China sprechen Sagen von „Fluten bis zum Himmel“ oder „Überschwemmungen, die den Himmel bedrohen“. Bei den nordamerikanischen Indianerkulturen ist ebenfalls eine Flut überliefert, die die gesamte Erdoberfläche bedeckte. Trotz kultureller Unterschiede lässt sich ein gemeinsamer Kern dieser Geschichten erkennen. Die Sintflutgeschichte ist zweifellos eine von vielen biblischen Erzählungen, die weltweit in unterschiedlichen Variationen existieren.

Über alle Unterschiede hinweg, die von Kultur zu Kultur bestehen, bleibt ein wesentlicher Kern der Sintflutgeschichte erhalten. Könnte dies auf eine Art „Urerzählung“ mit einem historischen Hintergrund hinweisen? Dies würde zur menschlichen Fähigkeit passen, vergangene Ereignisse in inspirierende Geschichten zu fassen. Es scheint auf ein grundlegendes menschliches Bedürfnis hinzuweisen, Zeit und Tod zu überwinden.

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